POLITIK
27/04/2018 11:17 CEST | Aktualisiert 27/04/2018 16:29 CEST

Dürfen Juden Muslime heiraten? Was das Judentum über den Islam sagt

Alle reden darüber, was im Koran über Juden steht. Wir haben uns die andere Seite mal angesehen.

Im Video oben: Islam, Christentum, Hinduismus, Buddhismus –  Das interessiert die Deutschen an Religionen.

Ein syrischer Flüchtling schlägt in Berlin einen Israeli mit dem Gürtel und schreit “Jude”. Ein Sozialarbeiter hört fassungslos einen jungen Migranten sagen “Die Juden müssen alle umgebracht werden”. Forscher berichten über Antisemitismus – nicht nur aber auch – unter Muslimen.

Mancher Muslim glaubt, der Koran schreibe solche Attacken geradezu vor. Und Islam-Experten erklären, dass das fatales Halbwissen ist und die Quellen etwas ganz anderes hergeben.

Die HuffPost wirft einen Blick auf die andere Seite, auf die bislang kaum einer schaut: Was sagen eigentlich jüdische Quellen darüber, wie Juden mit Muslimen umgehen sollen?

Die sieben wichtigsten Punkte:

1. Warum immer von “den anderen” die Rede ist 

Pel_1971 via Getty Images
Die jüdische Synagoge im italienischen Florenz

Es liegt in der Natur der Dinge, dass in frühen und elementaren Quellen des Judentums nichts speziell über den Islam steht. Das Judentum gab es schon etwa 2600 Jahre vor der Geburt des muslimischen Religionsstifters Mohammed.

Mehr zum Thema: Was Judentum und Islam gemeinsam haben

Allerdings gibt es in der alten und neuen jüdischen Literatur Passagen, die sich auf den Umgang mit “den anderen” beziehen. Wer diese “anderen” sind, wechsle im Lauf der Zeit – abhängig davon, mit wem es die Juden gerade zu tun haben, sagt Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg im Gespräch mit der HuffPost.

► Den Wunsch, sich von “den anderen” abzugrenzen, erklärt Heil damit, dass Juden seit Jahrhunderten als Minderheiten in anderen Gesellschaften leben und durch Abgrenzung versuchten, das Eigene zu bewahren. Das klinge in den Texten allerdings distanzierter, als es im Alltag war.

2. Was es heißt, wenn in der Thora steht, Juden sollen andere vernichten

Goran Tomasevic / Reuters
Ein Beduine verkauft Souvenirs auf dem Berg Sinai, wo der Überlieferung nach Moses die Gebote von Gott empfangen haben soll.

Besonders bekannt und brisant: die fünf Bücher Mose, die im Judentum die Thora bilden und zur Tanach genannten hebräischen Bibel gehören. Christen kennen die Texte als Teil des Alten Testaments. 

Was in diesen alten Schriften über den Umgang mit Andersgläubigen steht, ist ziemlich brutal

An mehreren Stellen ist die Rede davon, dass Juden Andersgläubige steinigen oder anderweitig vernichten sollen.

► Frederek Musall, Professor für Jüdische Philosophie an der Hochschule für Jüdische Studien, gibt im Gespräch mit der HuffPost Entwarnung: “Die rabbinische Tradition, also die Tradition, der das heutige Judentum folgt, deutet das als Beschreibungen im historischen Kontext, nicht als universale Handlungsanweisung.”

► Heil sieht das genauso. Die “archaischen Situationsbeschreibungen” hätten schon seit dem Ende des Babylonischen Exils gut 500 vor Christus keine Bedeutung mehr für die Gegenwart.

3. Das Gebot, andere zu lieben

Laut Musall gibt es in den Büchern Mose aber andere Anweisungen zum Umgang mit Andersgläubigen, die noch heute gültig seien: 

Man soll den nächsten lieben wie sich selbst. (3. Buch Mose)

“Das bezieht sich zunächst auf die eigenen Stammes- und Glaubensgeschwister”, sagt Musall, “wenige Zeilen später wird das aber auch auf die anderen bezogen.”

4. Viel lässt sich mit Pragmatismus lösen ... 

Fayyaz Hussain / Reuters
Was passiert, wenn eine Jude und ein Christ sich ein Arbeitstier teilen? Steht das Tier dann am Schabbat oder Sonntag im Stall?

Darüber hinaus gibt es auch im Talmud, der Sammlung religiöser Überlieferungen, Stellen, die auf eine gute Zusammenarbeit zwischen den Religionen dringen. Diese etwa:

“Man versorge die Armen aus den Völkern mitsamt den Armen Israels, man besuche die Kranken derer aus den Völkern wie die Kranken Israels, man begrabe die Toten derer aus den Völkern mitsamt den Toten Israels – um des Friedens willen. (Babylonischer Talmud, Traktat Gittin 61b)

► Um im Alltag klarzukommen, setzt das Judentum sehr oft auf pragmatische Lösungen. Heil erzählt dazu eine Geschichte aus dem 11. Jahrhundert:

“Ein Jude und ein Nichtjude (Christ) besitzen gemeinsam Ochsen zum Pflügen. Der gelehrte Rav Menachem von Orleans diskutiert, wann der Ochse zur Arbeit eingespannt werden darf. Der Jude darf nicht zulassen, dass das Tier am Sabbat arbeitet, der Christ bekommt Ärger, wenn er die Sonntagsruhe bricht.

Die Lösung: Der gemeinsame Besitz an sich wird gar nicht problematisiert. Aber die Tiere stehen dann eben an zwei Tagen statt nur an einem im Stall.“ 

► Kompromisse sind auch im 21. Jahrhundert angesagt. “Jüdische Feste sind vor allem Familienfeste. Heute ist es aber durchaus üblich, dass man auch nichtjüdische Gäste einlädt”, sagt Musall.

Umgekehrt werde er auch häufig zum muslimischen Fastenbrechen eingeladen. “Für mich steht dabei die Idee der Gastfreundschaft im Vordergrund, weshalb ich die Einladung annehme.”

► Trotzdem gibt es Grenzen im Zusammenleben. “In der Regel lebten Juden nicht in Symbiose mit der Mehrheitsgesellschaft, aber in Kohabitation”, sagt Heil.

Wenn Musall mit Muslimen feiert, kann eine dieser Grenzen etwa beim Essen erreicht sein. So sei etwa das muslimische halal nicht mit dem jüdischen koscher gleichzusetzen. Zum Beispiel müssen zwar Tiere in beiden Religionen geschächtet werden – aber Juden müssen dabei ein bestimmtes rituelles Verfahren einhalten. Außerdem geht es bei koscherem Essen um sehr vieles mehr als die Art der Schlachtung eines Tieres. 

5. ... aber nicht die Sache mit den Götzendienern ... 

saiko3p via Getty Images
Mit dem Götzendienst haben Juden ein Problem. Die Glaubensvorstellungen der Buddhisten (hier ein Kloster Hong Kong) sind laut Experte Musall nach jüdischer Auffassung kein Götzendienst – die rituellen Praktiken aber schon.

“Für den Umgang mit anderen Religionen macht es im Judentum einen Unterschied, welcher Religion jemand angehört”, sagt Musall. 

“Religionen, die entweder eine materielle Repräsentation einer Gottheit anbeten wie manche Naturreligionen oder die einen Mittler zwischen Gott und den Menschen vorsehen, gelten traditionell als Götzendiener. Religionsgesetzliche Regelungen sehen vor, dass man sich von ihnen fernhält.”

► Konkret dürften Juden zum Beispiel mit “Götzendienern” um deren Feiertage herum keine Geschäfte machen, weil sie dadurch indirekt den Götzendienst fördern würden. 

► Muslime gelten laut Musall nicht als Götzendiener. “Im Islam wie im Judentum ist das Gottesverständnis ein unmittelbares, beide Gottesvorstellungen sind sich da sehr ähnlich.”

► Mit dem Konzept der Trinität im Christentum allerdings hätten viele rabbinische Gelehrte ein Problem. “Seit dem Mittelalter ist aber insbesondere im Kontext des aschkenazischen (europäischen) Judentums weitgehend Konsens, dass Christen nicht als Götzendiener gelten.”

6. ... und die Hochzeit mit Muslimen 

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“Eine Hochzeit zwischen Juden und Muslimen ist aus religionsgesetzlicher Sicht problematisch beziehungsweise nicht möglich”, sagt Musall. 

► Dazu muss man wissen: Im Judentum geht die Religion von der Mutter auf das Kind über. “Ablegen kann man die Religion nie. Man bleibt immer Jude”, sagt Musall.

► Ein Muslim dürfe zwar eine Angehörige einer Buchreligion – also eine Christin oder Jüdin – heiraten, sei aber dazu verpflichtet, sein Kind muslimisch zu erziehen.

► Eine Muslima dagegen dürfe nach den islamischen Religionsgesetzen keinen Mann aus einer nichtmuslimischen Religionsgemeinschaft heiraten. “Heiratet eine Muslima zum Beispiel einen Juden, wäre das Kind nach dem jüdischen Religionsgesetz zudem nicht jüdisch.”

7. Religiöse Harmonie, politischer Streit 

Fabrizio Bensch / Reuters
Ein Experte sagte: Bei der öffentlichen Diskussion in Deutschland geht es nicht um Religion. Sondern um Politik.

Theologisch gibt es also wenig, was das Zusammenleben von Juden und Muslimen arg belasten würde. In vielen Dingen stehen sich da Juden und Muslime sogar näher als Juden und Christen. 

Was den Umgang von Juden und Muslimen, von Juden und “anderen” belastet, ist die Politik. Damals wie heute.

► Heil beschreibt, wie die Rechtsprechung im Judentum die politische Situation spiegelt: “Die sehr konziliante Rechtsprechung der jüdischen Gelehrten wurde mit dem ersten Kreuzzug der Christen sehr restriktiv, was das Zusammenleben mit anderen Religionen anging.” Ein Beispiel: 

“Bei Raschi von Troyes (gestorben 1105) und in den Folgegenerationen findet man viel restriktivere Bestimmungen zu Herstellung und zum Transport von Lebensmitteln als bei den Gelehrten des 11. Jahrhunderts, weil man mit Feindseligkeit in der Umgebung rechnete und argwöhnte, Nichtjuden könnten koscheren Wein oder anderes absichtlich verunreinigen.”

► Umgekehrt ist auch der Koran ein Spiegel der politischen Umstände. Heil verweist darauf, dass man in den Suren mal positive und negative Aussagen über Juden findet, je nachdem, ob es darum geht, welche Religionen generell zu dulden seien oder ob es um Geschichten aus Mohammeds Leben ging – und damit auch um Krieg gegen Stämme. 

► Jetzt steht der Nahost-Konflikt zwischen Juden und Muslimen. Und nicht nur der.

► “Im Grunde genommen ist das, worüber wir gerade in der Öffentlichkeit sprechen, keine Frage von Religionen, sondern vielmehr eine gesellschaftspolitische Fragestellung, nämlich wie wir mit Pluralität und Differenz in Rahmen unserer Gesellschaft umgehen”, sagt Musall.

Mit anderen Worten: 

Wir können es nicht auf die Religion schieben, wenn in Deutschland Angehörige verschiedener Communitys aneinandergeraten, Hass verbreiten. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Eine Frage, die alle angeht, egal welcher Religion. Eine Aufgabe, die wir alle anpacken müssen. Und meistern müssen, wenn wir in Frieden leben wollen. 

(ks)