POLITIK
12/12/2017 19:10 CET | Aktualisiert 13/12/2017 11:01 CET

Judenhass macht sich an deutschen Schulen breit, aber kaum jemand nimmt das Problem ernst

“Was für Antisemitismus, man! Was soll das überhaupt sein?”

  • “Jude” ist an vielen deutschen Schulen ein Schimpfwort

  • Antisemitismus macht sich dort so schleichend breit, dass es den Schülern gar nicht auffällt, wie unsere Spurensuche in München zeigt

  • Im Video oben: Der Hass auf Juden in Deutschland ist nicht verschwunden – im Gegenteil

Als das American Jewish Committee (AJC) im Sommer eine Umfrage zum Thema “Antisemitismus an Berliner Schulen” veröffentlichte, war der Aufschrei groß.

Kein Wunder, denn die Befunde waren besorgniserregend: Judenfeindliche Einstellungen waren demnach an Berliner Schulen allgegenwärtig. An der Befragung hatten Lehrer und Schüler von 21 Schulen in acht Berliner Bezirken teilgenommen. 

Aber wie es so oft ist: Ein kurzer medialer Aufschrei bedeutet noch nicht, dass ein Thema auch im Bewusstsein angekommen ist. Denn diejenigen, um die es ging – Schüler und Lehrer – unterschätzen das Problem bis heute völlig. 

Die HuffPost hat sich an verschiedenen Münchner Schulen auf Spurensuche begeben. 

“Das sollte man als Witz auffassen”

Eine junge Türkin beobachtet schon längere Zeit die vor der Schule aufgestellte Kamera. Als wir sie fragen, ob sie Zeit für ein kurzes Interview hat, schmeißt sie ihre gerade angezündete Zigarette auf den Boden und sagt: 

“Natürlich hat man ‘Du Jude!’ schon mal gehört, aber ich glaube, der Großteil der Schüler meint das nicht als Beleidigung, immerhin werden auch Christen so beschimpft. Ich habe eine Jüdin in der Klasse und die findet es nicht schlimm, wenn sie mit ‘Jude’ angesprochen wird. Solche Äußerungen sollten als Witz aufgefasst werden.”

“Jude” als Schimpfwort - aber nicht für Juden. Macht es das weniger schlimm? Wohl kaum.

Für Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, macht es keinen Unterschied, wer mit dem Wort beleidigt wird. Sie sagte der HuffPost:

“Diese Vorfälle richten sich gar nicht zwingend gegen Juden. Oft gibt es in den Klassen gar keine jüdischen Schüler. ‘Jude’ ist heute wieder ein gängiges Schimpfwort, das generell herabwürdigen soll.”

Andere Schüler bestätigen uns an diesem Tag zwar nicht, dass “Jude” als Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen gängig ist. Und sicher: Die Umfrage unter rund 30 Schülern ist nicht repräsentativ. 

Aber auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bestätigt, dass den Menschen an den Schulen der Ernst der Lage nicht bewusst ist. Mit seiner eigenen Reaktion.

“Wir sehen kein Antisemitismus-Problem”

Nach der Umfrage des American Jewish Committee hatte der Deutsche Lehrerverband bundesweit eine eigene große Befragung an Schulen  durchgeführt. Über das Ergebnis sagte Meidinger:

“Wir sehen kein Antisemitismus-Problem an deutschen Schulen. Wenn es zu solchen Äußerungen kommt, sind es meist Jugendliche, die die Lust am Tabubruch ausleben möchten, sich aber den weitreichenden Folgen ihrer Äußerung nicht unbedingt bewusst sind.”

Eine Gruppe Jugendlicher geht zielgerichtet auf unsere Kamera zu – sie kommen aus Nigeria, der Türkei, Albanien und Deutschland. Auf die Frage, ob sie sich zum Thema “Antisemitismus an deutschen Schulen” äußern möchten, gehen drei der vier Jugendlichen lachend weiter.

Ein weiterer Befund unserer Umfrage vor Münchner Schulen: Viele Schüler möchten keine Fragen beantworten, weil sie sich “zu wenig auskennen” würden. 

Im Vorbeigehen hört man einen jungen Deutschen sagen: “Was für Antisemitismus, man! Was soll das überhaupt sein?”

Charlotte Knobloch hört solche Sprüche nicht zum ersten Mal. Für sie sind in der Bildung viele Fehler bei der Aufarbeitung der deutschen Geschichte gemacht worden.

“Entweder wird nicht gut genug erklärt, warum es für junge Menschen sinnvoll, ja unausweichlich ist, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und daraus zu lernen. Oder die Schüler wollen sich damit gar nicht beschäftigen, weil Sie vielleicht keine deutschen Wurzeln haben und daher denken, sie hätten damit nichts zu tun. Also kommt zu Unwissen und Vorurteilen auch noch eine Abwehrhaltung dazu. Im Ergebnis wird das Judentum zum Feindbild – mit entsetzlichen Folgen.”

Das bestätigt auch Lehrerpräsident Heinz-Peter Meidinger.

Seine Umfrage hatte zwar keinen grassierenden Antisemitismus an deutschen Schulen zutage gefördert – allerdings war immerhin von alarmierenden Einzelfällen die Rede. Vor allem ging es dabei um israelfeindliche Äußerungen von Schülern mit muslimischem Hintergrund, die die Grenze zum Antisemitismus überschreiten.

Meidinger sagt: 

“Diese Schüler sind klar in der Minderheit, äußern aber radikale, antisemitische Ideen – auch wenn die Äußerungen eher anti-israelisch und nicht primär antisemitisch gemeint sind.”

Betroffenen Schülern ist diese Differenzierung im Alltag wohl zu feinsinnig. Sie fühlen sich bedroht und gemobbt.

Wie der 14-jährigen Oscar aus Berlin, dessen Fall im vergangenen Jahr bundesweit Schlagzeilen machte. Der jüdische Teenager hatte seine Schule im Berliner Bezirk Schöneberg verlassen, nachdem er von hauptsächlich muslimischen Mitschülern aufgrund seiner Religion angefeindet wurde.

Sätze wie “Du bist Jude, wir können nicht befreundet sein” bewegten den 14-Jährigen und seine Eltern dazu, die Schule zu verlassen. 

Judenfeindliche Vorfälle an deutschen Schulen: Sie sind kein Einzelfall, sagt Marina Chernivsky, Leiterin des “Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland” in Berlin.

Sie hat als Mitglied des “Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus” des Deutschen Bundestages das Bewusstsein des Antisemitismus in der Bevölkerung untersucht und warnt davor, Antisemitismus in deutschen Schulen herunterzuspielen. 

Im Gespräch mit der HuffPost erklärt Chernivsky:

“Deutschland leistet es sich, nicht genauer wissen zu wollen, wie antisemitisch die Gesellschaft ist und welche Wirkungskraft der Antisemitismus entfalten kann. Der Antisemitismus als Ressentiment wurde nie vollständig aufgearbeitet.” 

Öffentlich verpönt entfalte der Antisemitismus seine Kraft im unsichtbaren Bereich der Gedanken und Gefühle, sagt Chernivsky. Da der Antisemitismus oftmals kodiert daher komme, werde er von der Öffentlichkeit kaum erkannt oder gelesen.

“Im Alltag bleibt es aber für diejenigen, die antisemitische Diskriminierung nicht erleben, weitgehend unsichtbar. Die wenigen anvertrauten Erfahrungen werden infrage gestellt, bagatellisiert, als bedauerliche Einzelfälle verpackt.”

Nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Lehr- und Fachkräfte sei oft nicht nachvollziehbar, warum sie sich mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen sollen, sagt die Expertin.

Antisemitismus würde, laut Chernivsky, mehrheitlich als historisch überwunden betrachtet, als Bestandteil von Rassismus, als etwas, mit dem die deutsche Gesellschaft nichts zu tun habe.

Die ehemalige Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, fordert, dass der offensichtliche Antisemitismus an deutschen Schulen konsequent bekämpft wird:

“Besonders wichtig wäre der Antisemitismusbeauftragte im Bundeskanzleramt. Auch Beauftragte an den Schulen wären wichtig. Oft wird Antisemitismus unter Rassismus subsumiert. Das ist falsch.”

Es wäre ein erster Schritt, wenn in der deutschen Gesellschaft insgesamt anerkannt würde, dass Antisemitismus nicht auf dem Rückzug ist. Im Gegenteil.

Und wenn das Thema dann auch noch intensiver in der Schule besprochen werden würde, würden Antworten wie “Was für Antisemitismus, man! Was soll das überhaupt sein?” auch schnell der Vergangenheit angehören.

 

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(jds)