GOOD
27/03/2018 21:18 CEST | Aktualisiert 29/03/2018 20:16 CEST

Antisemitismus an Schulen: Muslimischer Lehrer erklärt, was wir dagegen tun können

"Antisemitismus ist immer unerträglich. Pauschale Urteile über Minderheiten ebenso."

Drew Angerer via Getty Images
Gewalt gegen jüdische Schüler in deutschen Schulen? (Symbolbild)
  • Ein schockierender Fall von Antisemitismus an einer Berliner Grundschule sorgt für Wirbel
  • Doch hilft die Aufregung wirklich im Kampf gegen Judenhass? Wir haben mit einem Experten gesprochen

Was ist nur los an unseren Grundschulen?

Ein Vater hatte der “Berliner Zeitung” vom Wochenende erzählt, dass ein Mitschüler an der Paul-Simmel-Grundschule seine Tochter mit dem Tode bedroht habe – weil sie nicht an Allah glaube und ein Elternteil jüdischer Herkunft sei. 

Der Vorfall hat eine Debatte über religiöses Mobbing in deutschen Klassenzimmern ausgelöst. Und welche Rolle Muslime dabei einnehmen.

► Aber wie ist die Situation an Berliner Schulen wirklich?

“Das hat eine neue Qualität”, sagt ein Experte

Belastbare Zahlen zur antisemitischen Gewalt unter Schülern gibt es kaum. Wohl auch deshalb bezieht sich Berichterstattung meist auf einzelne Vorfälle – und schenkt ihnen womöglich mehr Aufmerksamkeit, als im Kampf gegen Antisemitismus gut wäre.

Dervis Hizarci ist Oberschullehrer in Berlin Kreuzberg. Und seit zwei Jahren außerdem Vorstand der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA), die sich gegen Diskriminierung von Menschen jüdischen Glaubens einsetzt.

Den Vorfall an der Paul-Simmel-Grundschule in Berlin nennt er “erschütternd”. “Das hat eine neue Qualität. Dass so etwas in der Grundschule passiert, dass ein junges Kind so eine Erfahrung machen muss”, sagt Hizarci im Gespräch mit der HuffPost.

Die Faktenlage zu Antisemitismus an Schulen 

Zugleich betont der Berliner aber auch: Dieser Vorfall sei kein Beleg dafür, dass der Antisemitismus an deutschen Schulen zugenommen habe. 

Im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichte das American Jewish Committee eine – nicht repräsentative – Umfrage unter Lehrern und Schülern von 21 Berliner Schulen.

Sie ergab unter anderem: 

► Eine Mehrheit der befragten Lehrer (15 von 27) bestätigten, dass “Jude” häufig als Schimpfwort benutzt werde.

► Auch von antisemitischen Vorurteilen und Hass auf Israel berichten einige der Befragten.

Auf die Situation an allen deutschen Schulen lassen diese Ergebnisse jedoch nicht schließen.

Eines ist für Hizarci allerdings klar: “Wir haben einen sensibilisierten Blick für Antisemitismus. Das ist ein gutes Zeichen, dass so etwas nicht verdrängt wird.”

Mit den Berichten in den Medien über antisemitische Vorfälle an Schulen geht aber auch eine Gefahr einher: Wenn die Medien Schuldige suchen, kann die öffentliche Aufmerksamkeit spaltend wirken.

Die Schattenseite der Aufmerksamkeit

“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt etwa nahm den Fall zum Anlass über den angeblich verschärften “arabischen Antisemitismus” in Deutschland zu schreiben.

► Über die Berichterstattung der “Bild” sagt Hizarci: “Wir sollten darauf achten, dass dem Antisemitismus keine ‘falsche Sonderrolle’ zugeschrieben wird.” 

Der Eindruck sollte vermieden werden, “es gäbe nur einen Aufschrei, wenn Juden Opfer sind und das trotz der Tatsache der Verantwortung aus der geschichtlichen Bedeutung”.

Er stellt klar: “Antisemitismus ist immer unerträglich in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Pauschale Urteile über eine sehr diverse Minderheit, wie z.B. ‘die Muslime’, sind es ebenso.”

Was wir jetzt tun müssen

Ganze Bevölkerungsgruppen sollten nicht öffentlich an den Pranger gestellt werden, betont Hizarci. 

Mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus setzt Hizarci daher auf ein vielfältiges Angebot: Sein Team organisiert Workshops in Schulen, Begegnungen zwischen Juden und Muslimen und Ausstellungen zum jüdischen Leben in Berlin auf Deutsch, Arabisch und Englisch. 

Der neueste Fall von Antisemitismus müsse nun Anlass sein, noch mehr zu tun: Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene müsse sich jeder seiner Verantwortung bewusst werden.

“Wir müssen diese Anlässe nutzen, um perspektivisch näher zusammenzurücken und Koalitionen zu bilden. Statt uns auseinander zu dividieren.”

Wie der Ansatz von Hizarci funktioniert

Welche Erfolge der Ansatz der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus liefern kann, hatte Hizarci bereits im Dezember in einem Gastbeitrag für die HuffPost berichtet. Einer seiner Schüler hatte einen anderen Mitschüler als “Jude” beschimpft – dabei waren beide Schüler Muslime.

Hizarci intervenierte und machte mit seinen Schülern einen einwöchigen Workshop. 

Dadurch sei bei den Schülern ein Lernprozess losgegangen. “Sie wurden angeregt, sich auszusprechen und andere Perspektiven einzunehmen. Situationen etwa, in denen sie selbst sich ausgegrenzt fühlten, führten zu der Erkenntnis: ‘Das tut weh. Das will ich nicht’. Empathie für ‘den Anderen’ entstand.”

Hass lässt sich nur in der Begegnung, im Dialog überwinden. Nicht durch Ausgrenzung. Das ist die Botschaft von Hizarci.