POLITIK
24/07/2018 08:25 CEST | Aktualisiert 25/07/2018 12:49 CEST

Journalistin Özkan: So profitiert Erdogan vom Fall Özil

"Jetzt ist Özil wieder der Türke, der eigentlich nicht dazugehört."

Hulya Ozkan
Hülya Özkan

Mesut Özil ist nun wirklich kein Durchschnittsdeutscher mit Migrationshintergrund. Er ist einer der gefragtesten Spitzensportler der Welt, für ihn haben Vereine astronomische Ablösesummen bezahlt, er lebt mittlerweile in Großbritannien.

Wenn er also aus der deutschen Nationalmannschaft austritt und Rassismus kritisiert, ist die Causa Özil dann wirklich prototypisch für das, was die Mitlglieder der türkischen Community hierzulande fühlen?

Die frühere ZDF-Moderatorin und Journalistin Hülya Özkan meint: Ja.

Warum der Ausnahmespieler exemplarisch für viele Migranten steht

“Bei ihnen hat sich das Gefühl verbreitet: Man kann sich noch so anstrengen, es reicht trotzdem nicht. Man wird immer ein Fremder bleiben”, schreibt Özkan der HuffPost.

“Insofern stehen die Diskussionen um Özil und Gündogan exemplarisch für ein allgemeines Empfinden unter deutschtürkischen Migranten.”

Schlimmer noch. Als Nationalspieler ist Özil sowieso für viele Menschen ein Idol. Dass nun sogar er sich gegängelt und ausgegrenzt fühlt, lässt die Sache für viele wohl noch gravierender werden.

″Özil hat einen großen Anteil an früheren Erfolgen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Doch all das ist plötzlich vergessen, jetzt ist er wieder der Türke, der eigentlich nicht dazugehört”, schreibt Özkan.

Der Hintergrund

► Özil und sein Kollege Ilkay Gündogan hatten sich vor der Fußballweltmeisterschaft und vor der Wahl in der Türkei mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen und ihm Trikots geschenkt.

► Gündogan hatte sich bald öffentlich dazu erklärt, Özil nicht. Die Kritik an Özil war daraufhin nicht abgerissen. Manche hatten sein Verhalten und die damit zusammenhängenden Spannungen im Team auch mit dem Vorrunden-Aus in Zusammenhang gebracht.

Deutschlands Schaden, Erdogans Nutzen

Özkan, die in der Türkei geboren wurde und seit ihrer Kindheit in Deutschland lebt, warnt, die immer wiederkehrenden deutsch-türkischen Zerwürfnisse schadeten dem inneren Frieden.

Özkan hatte schon vor knapp einem Jahr in ihrem Buch “In Erdogans Visier” gewarnt, der zunehmend autoritär agierende türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan profitiere von solche Zerwürfnissen.

Deutschtürken in der Bundesrepublik fühlten sich ausgegrenzt durch Diskussionen um den Doppelpass und das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein. Erdogan, der den starken Mann gibt, gebe ihnen das Gefühl von Stolz. 

“Je weniger Deutschtürken wie Özil von der Mehrheitsgesellschaft wertgeschätzt werden, desto mehr klammern sie sich an Erdogan, der sie für ihre Lebensleistung respektiert und ihr Selbstbewusstsein stärkt. Für den türkischen Präsidenten ist das ein ideales Geschäftsmodell.”

Die Journalistin fordert daher, Deutschland solle sich klar zu den Deutschtürken bekennen. Die Gesellschaft müsse eine klare Linie ziehen zwischen ihnen, die meist loyal zu Deutschland stünden, und Erdogan, der sich für seinen Machterhalt instrumentalisiere.

“In Zeiten von AfD und rechtspopulistischem Gedankengut, auch in der Mitte der Gesellschaft, müssen die demokratischen Kräfte eindeutige Zeichen setzen, damit solche Fälle nicht zum Politikum werden.”

“Es war naiv von Özil und Gündogan”

Fehler, so findet Özkan, haben in der aktuellen Diskussion allerdings beide Seiten gemacht. Özils Erklärungen seien zu spät gekommen.

“Es war überhaupt naiv von Özil und Gündogan, gerade vor dieser für die Türkei entscheidenden Parlaments- und Präsidentschaftswahl, sich mit einem Autokraten wie Erdogan zu treffen. Immerhin haben sie eine Vorbildfunktion. Aus Sicht Erdogans war diese PR-Aktion perfekt inszeniert und hat ihm sicher genutzt.”

Özkan kritisiert Häme, Hass und Hysterie der Öffentlichkeit

Die öffentlichen Reaktionen, der Hass und die Häme, die Tatsache, dass damit gleich die Integration der Sportler infrage gestellt wurde, sei “völlig überzogen” gewesen. Özkan spricht in dem Zusammenhang von Hysterie.

Der DFB habe selbst noch Öl ins Feuer gegossen, die deutsche Politik habe sich zurückgezogen und die beiden den öffentlichen Angriffen schutzlos ausgeliefert.

Özkan hätte sich schnell ein klärendes Gespräch gewünscht und eine Klarstellung, dass es im Fußball zwar keine politischen Demonstrationen geben dürfe, aber jeder Fußballer privat eine politische Meinung haben dürfe.

Sie findet es nachvollziehbar, dass Özil sich nun als Sündenbock fühle. Aber daraus zu schließen, dass alle Deutschtürken nicht akzeptiert würden, halte sie für zu hoch gegriffen.

Mehr Augenmaß bitte

Özkans Einschätzung ist ein Plädoyer für etwas, das in der aktuellen Debatte – nicht nur um Özil – gerade allzu oft fehlt: Augenmaß.

Das heißt nicht, dass man keine Kritik üben dürfte. Aber verbale Draufhauerei macht mit einem Schlag kaputt, was nur langsam wieder zu kitten ist.  

(lp)