POLITIK
09/11/2018 15:23 CET | Aktualisiert 09/11/2018 21:23 CET

Der letzte seiner Art: Jon Worth ist Brite und will für die Grünen ins EU-Parlament

“Ich wohne hier, ich lebe hier, deswegen ist auch meine politische Zukunft hier."

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Der letzte seiner Art: Jon Worth ist Brite und möchte für die Grünen ins EU-Parlament

Für Jon Worth begann alles mit dem Tag, den Briten wie er wohl nie vergessen werden. Am 26. Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union.

Worth saß mit anderen Briten in einer Bar in Berlin, um das Referendum zu verfolgen. Mit einer großen EU-Fahne an der Wand diskutierten die Teilnehmer der Runde, wie es wohl weitergehen würde mit ihnen.

Worth fasste den Entschluss, den er bis heute nicht aufgegeben hat: Wenn Großbritannien die EU verlässt, will er in Europa bleiben.

“Meine politische Zukunft ist in Deutschland”

Nicht nur als EU-Bürger mit einem deutschen Pass, sondern als Abgeordneter des Europäischen Parlaments.

► “Ich wohne hier, ich lebe hier, deswegen ist auch meine politische Zukunft hier”, sagt er in einem Cafe in Berlin Mitte, wo wir ihn treffen. 

Worth will am Wochenende auf der Bundesdelegierten-Konferenz der Grünen für einen hinteren Listenplatz kandidieren. Auf dem hätte er durch die derzeit hohen Umfragen der Partei gute Chancen, ins EU-Parlament gewählt zu werden. 

Geht sein Plan auf, wäre das eine kleine Sensation. Worth ist in Wales geboren und England aufgewachsen. Er wäre wohl der letzte in England aufgewachsene Politiker im EU-Parlament. Stellen ihn die Grünen tatsächlich auf, wäre das auch ein Signal an andere EU-Bürger: Ihr könnt nicht nur in einem Land eurer Wahl leben und arbeiten, sondern dort auch Politik machen.

► Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Als wir ihn treffen, liegt neben ihm ein rosa Helm – er kommt gerade von einem Deutschtest geradelt, den er braucht, um seine Staatsbürgerschaft zu beantragen.

“Ich will jetzt unbedingt in Deutschland bleiben”

Wer mit ihm spricht, merkt schnell: An seinem Deutsch wird es nicht scheitern.

Schon in der Schule lernte er die Sprache, 2001 kam er das erste Mal für zwei Praktika ins Land. Seit 2013 lebt er nun in Berlin – und als das Ergebnis des Brexit-Referendums vor seinen Augen auf den TV-Bildschirmen aufflimmerte, wusste er: “Ich will jetzt unbedingt in Deutschland bleiben.”

Worth arbeitet in fünf EU-Ländern als Referent und Journalist. “Ich brauche Freizügigkeit, weil ich nicht jedes Mal ein Visum beantragen möchte. Deswegen brauche ich einen EU-Pass.” 

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Worth ist nicht der einzige, dem diese Gedanken 2016 durch den Kopf gingen. Rund 106.000 Briten leben in Deutschland. Für jene, die keine doppelte Staatsbürgerschaft haben, ist immer noch ungewiss, wie es nach dem Brexit für sie weitergeht.

► Nur mit einem EU-Pass sichern sie sich die Vorteile, die die Europäische Union bietet. Das ist ein Grund, warum die Zahl der Anträge für die deutsche Staatsbürgerschaft in den vergangenen Monaten stark zugenommen haben.

Das bedeutet nicht nur, die Sprache zu lernen. Wer einen deutschen Pass haben möchte, muss in der Regel sieben Jahre im Land gelebt haben und sich mit der deutschen Bürokratie herumschlagen.

Kandidatur zur Europaliste: “Die Konkurrenz ist riesig”

Worth sammelt gerade Steuererklärungen und lässt seine Geburtsurkunde ins Deutsche übersetzen. Ohne EU-Pass darf er nicht bei der Europawahl antreten – selbst, wenn ihn die Grünen am Wochenende auf einen Listenplatz wählen. Worth ist optimistisch, dass ihm beides gelingen kann.

Seine Staatsbürgerschaft sieht er auf “einem guten Weg”. Und zu seiner Kandidatur sagt er: “Die Konkurrenz ist natürlich riesig, aber meine Chancen sind nicht Null.”

► Die Grünen möchte er nicht nur mit seiner Leidenserfahrung als Brite überzeugen.

“Wir können keine Steueroase und ein Land mit niedrigen Umweltstandards am Rande der EU akzeptieren”, sagt er.

► Zum Thema hat sich Worth auch die Infrastruktur gemacht. Er möchte zum Beispiel das europaweite Bahnfahren vereinfachen.

Europaweites Bahnfahren: “Kann die Hölle sein”

Wer etwa einen Zug von Berlin nach Madrid buchen möchte, muss sich durch die Buchungsseiten verschiedener Bahnbetreiber durchklicken. “Das kann die Hölle sein und muss sich ändern”, sagt er. 

Er selbst fährt zehntausende Kilometer im Jahr quer durch Europa mit dem Zug und fliegt nur “dann, wenn es anders nicht geht”. 

► Und zur AfD sagt er: “Viele Deutsche haben Angst vor der Partei. Ich nicht. Die Populisten arbeiten nicht im Parlament, sie haben also wenig Einfluss auf die tägliche Arbeit der EU.”

Wer aber in einer Partei Karriere machen möchte, braucht nicht nur gute Ideen, sondern Unterstützer und ein Netzwerk, das man sich über Jahre aufgebaut hat.

Worth trat zwar schon 2013 bei den Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg ein und schrieb 2016 am Wahlprogramm der Berliner Grünen mit. 

“Doch andere haben ein deutlich breiteres Netzwerk”, sagt er. Dafür folgen ihm auf Twitter fast 38.000 Menschen. Deswegen freut er sich über “eine Menge Unterstützung” – von Freunden, aus der Partei.

(ben)