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28/03/2018 17:50 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 19:11 CEST

Ich arbeite im Jobcenter: Das ist der Fall, der mich nicht mehr loslässt

Er hat gelitten wie ein Hund.

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In meinem Beruf helfe ich Menschen, ihrem Leben wieder eine Richtung und einen Sinn zu geben. Ich helfe ihnen, nicht aufzugeben und sich selbst zu helfen.

Ich bin nicht etwa Sozialarbeiter, Therapeut oder Psychologe. Ich arbeite im Jobcenter.

Und das seit 2005, also von Beginn an. Insgesamt arbeite ich schon seit 30 Jahren im Bereich der Arbeitsvermittlung. Ich verstehe nicht, dass das Jobcenter in der Öffentlichkeit fast ausschließlich negativ dargestellt wird.

Arbeitslosigkeit begleitete mich selbst in jungen Jahren

Mir und vielen anderen Beratern geht es nämlich darum, wirklich zu helfen. Und das gelingt uns auch öfter, als es die reine Statistik vermuten lässt. Arbeitslosigkeit, oder zumindest die Angst davor, begleitete mich selbst in jungen Jahren.

Mein Vater hatte viele Jahre berechtigte Angst, seinen Job zu verlieren. Ein Grund für mich, eine Karriere im öffentlichen Dienst einzuschlagen. Doch nicht der einzige. Ich wusste früh, ich will mit Menschen arbeiten.

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► So war ich nach meiner Ausbildung lange als Arbeitsberater tätig – ein Dienstposten, der dann 2005 mit der Einführung der Jobcenter verschwand.

► Hinterher war ich Fallmanager für Menschen in schwierigen Problemlagen: Gesundheitliche Probleme, ein Schuldenberg oder die Langzeitarbeitslosigkeit machten ihnen zu schaffen. Meine Aufgabe: Diese Menschen wieder soweit aufzubauen, dass sie auf dem ersten Arbeitsmarkt eine zweite Chance haben.

► Und diesen Job habe ich immer geliebt.

“Ich habe es meiner Familie noch nicht erzählt”

Denn wer aus der Arbeitslosigkeit herauskommt, der schafft eine bessere Zukunft – nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie. Arbeitslos zu sein bedeutet oft auch, keine Aufgabe mehr zu haben, sich nicht mehr gebraucht zu fühlen.

Ich hatte einige Kunden, die fast daran zerbrochen wären.

Vor vielen Jahren betreute ich einen arbeitslosen Familienvater, der an einem Fortbildungskurs teilnahm, um leichter einen neuen Job zu finden.

Im dritten Monat seiner Arbeitslosigkeit, während der Fortbildung, führte ich ein langes Gespräch mit ihm. Er gestand: “Ich habe es meiner Familie noch nicht erzählt.”

Die ersten 4 Wochen nach seinem Jobverlust verbrachte er jeden Tag im Park

Er erzählte mir, wie er die ersten 4 Wochen nach seinem Jobverlust – die Fortbildung hatte erst später begonnen – jeden Morgen mit der Aktentasche in den Schlosspark ging. Dort verbrachte er den Tag und kam erst abends nach Hause, damit seine Familie nichts merkte.

Ich war schockiert. Die Arbeitslosigkeit hat ihn extrem belastet und beschämt.

Er hat gelitten wie ein Hund.

Sechs Monate später fand er erfolgreich mit Hilfe der Fortbildung eine neue Arbeit. Er bedankte sich überschwänglich bei mir für die Unterstützung und verließ mich mit dem Versprechen: “Heute Abend sag ich es meiner Familie.”

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Durch die Betreuung fand dieser Mensch nicht nur eine neue Arbeit, sondern auch neuen Mut.

Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe

Und darum geht es eigentlich bei der Arbeit der Jobcenter. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Das verzerrt oft leider die öffentliche Wahrnehmung Jobcenter.

► Viele unserer Kunden gehen nämlich nicht dadurch in Arbeit, dass wir ihnen eine bestimmte Firma vorstellen, bei der sie sich bewerben und dort unterkommen. Das kommt natürlich vor, aber es sind nur relativ wenige Fälle.

► Die meisten unserer Kunden, die aus der Arbeitslosigkeit herauskommen, finden selbst einen neuen Job. Aber wir sind daran beteiligt, haben vorher die dafür notwendige “Aufbauarbeit” geleistet, unterstützt und gefördert.

Und das gelingt erstaunlich oft.

Deshalb kann ich es auch nicht nachvollziehen, warum man über Jobcenter tagtäglich so viel Negatives liest.

Wir schätzen jeden Menschen wert

Klar, in den 30 Jahren hatte ich auch schon Kollegen, vor deren Schreibtisch ich lieber nicht sitzen hätte wollen. Aber Mitarbeiter, die ihren Job nicht mögen, oder ihn schlecht machen, gibt es in jedem Job.

Wie jede Behörde machen wir auch Fehler, schließlich sind wir Menschen. Doch auf diese Fehler stürzt sich die Öffentlichkeit oft ziemlich blind – ohne auch nur einen der vielen, kleinen Erfolge zu erwähnen.

Wir fördern die allermeisten Menschen, die zu uns ins Jobcenter kommen. Wir schätzen sie wert, denn jeder hat schon eine Lebensleistung vollbracht – zum Beispiel auch die Erziehung und Betreuung der Kinder.

Und jeder hat irgendwo Stärken, die es zu entdecken gilt. Wir wollen niemandem das Leben schwer machen, sondern erleichtern.

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Und mir persönlich gibt es unglaublich viel, wenn einer meiner Kunden freudestrahlend mit einem Arbeitsvertrag in eines unserer Büros kommt und sagt: “Ich habe es geschafft”.

Denn dann verbessert sich wieder das Leben eines Menschen.

Ich muss auch oft Vorschriften umsetzen, hinter denen ich nicht hundertprozentig stehe

Ich finde das Hartz-IV- System auch nicht perfekt. Wer vom Regelsatz leben muss, der ist ganz klar arm – auch dann, wenn er keine unmittelbare Existenznot hat.

Was die Teilhabe am sozialen Leben anbelangt, ist er extrem eingeschränkt.

Ich weiß, dass ich Teil dieses Systems bin. Damit muss ich auch manchmal Vorschriften umsetzen, hinter denen ich nicht hundertprozentig stehe. Aber ich will keine Energie für Dinge verschwenden, die ich nicht ändern kann.

Innerhalb des Systems kann ich helfen und das ist mir sehr wichtig. Schließlich macht es den Menschen aus, dass er mehr hat, als nur Existenzsicherung – nämlich eine erfüllende Aufgabe.

Und dafür kämpfen ich und meine Jobcenter-Kollegen.