WIRTSCHAFT
29/01/2019 09:58 CET

Jobcenter-Chef rechnet mit Hartz-IV-System ab: "Unglaublich schlecht gemacht"

Auch eine ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin kritisiert das komplizierte Hartz-IV-System.

Associated Press
Hartz IV: Ein Jobcenter-Chef rechnet mit dem System ab (Symbolbild).
  • Ein Jobcenter-Chef aus Thüringen kritisiert den bürokratischen Aufwand des Hartz-IV-Systems. 
  • Er schlägt eine radikale Reform vor. 

Uwe-Jens Kremlitschka ist Chef des Jobcenters Saalfeld-Rudolstadt im Süden Thüringens – und ein Kritiker des Hartz-IV-Systems

Im Gespräch mit der “Ostthüringer Zeitung” berichtet Kremlitschka von seinen Erfahrungen in der Anwendung der komplizierten Hartz-Regelungen. Er findet: “Hartz IV ist als Gesetz unglaublich schlecht gemacht.”

► Die Anträge seien zu kompliziert, die Bürokratie überbordend. Als Beispiel nennt der Jobcenter-Leiter die Regelungen zum Wohlgeld und die Heizkostenzuschüsse. 

Hartz IV, Wohngeld, Heizkosten

Das Jobcenter übernimmt für Hartz-IV-Empfänger die Miete, zumindest bis zu einer gewissen Quadratmeterzahl und für festgelegte Kosten pro Quadratmeter. Je nach Region gelten andere Bestimmungen. Auch bei den Heizkosten hilft das Jobcenter – allerdings nur, wenn der Leistungsbezieher nicht mehr heizt als der örtliche Durchschnitt.

Es ist ein kompliziertes System, das immer wieder zu Problemen und Missverständnissen zwischen Hartz-IV-Empfängern und Jobcenter-Mitarbeitern führt. 

► Kremlitschka plädiert in der “Ostthüringer Zeitung” für ein vereinfachtes System: Gestufte Pauschalsätze für Wohngeld und Heizungskosten statt “jeden Quadratmeter und jedes Streichholz” zu berücksichtigen. 

Hartz IV: Quereinsteiger in den Jobcentern werden zum Problem

Auch die Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann, nun Aktivistin und schon immer eine Kritikerin des Hartz-IV-Systems, sieht die komplizierten Regelungen als ein zentrales Problem. 

Hinzu kommt: In den Jobcentern arbeiten auch Quereinsteiger.

Das Problem ist nun, dass gerade diese Quereinsteiger bei weitem nicht ausreichend geschult werden”, schrieb Hannemann in der HuffPost. “Komplexe rechtliche Zusammenhänge können viele nicht erfassen und die Kenntnis rechtsübergreifender Urteile ist praktisch nicht vorhanden.”

Sven Hoppe
Hartz-IV-Kritikerin Hannemann.

Sie warnte auch: “Gegenüber den Erwerbslosen ist das fahrlässig. Denn die mangelnde Ausbildung kann im Zweifelsfall eine ganze Existenz vernichten.

Hannemann, die ihren Job verlor, weil sie sich weigerte Sanktionen, gegen Hartz-IV-Empfänger zu verhängen, forderte auch mehr Empathie von den Mitarbeitern. “Gesetzlich haben sie freilich wenig Ermessensspielraum, aber menschlich hätten sie ihn schon.”

Mehr zum Thema: Das sind die 3 größten Hartz-IV-Lügen

Mehr Empathie für Hartz-IV-Empfänger

Auch Kremlitschka betont gegenüber der “Ostthüringer Zeitung”, dass das Jobcenter nicht immer sofort sanktionieren muss. Er betont: “Vor jeder Sanktion steht aber eine Anhörung.”

Wenn jemand einen triftigen Grund nennen kann, weil er einen Termin verpasst hat, werde der Hartz-IV-Satz nicht gekürzt. Ein Großteil der Sanktionen wird ausgesprochen, weil die Leistungsbezieher nicht zu Terminen erscheinen.

Kremlitschka betont: “Und wenn jemand sagt: Tut mir leid, ich hab’s verschwitzt; kommt nicht wieder vor – dann geben wir ihm auch die Gelegenheit, sein Versprechen einzulösen.”

Er schlägt auch eine andere, radikale Reform der Sanktionen vor: Sollte jemand zwei, drei Mal nicht zu einem Termin erscheinen, soll das Jobcenter die Zahlungen ganz einstellen. Die Botschaft ist für Kremlitschka: Der will oder braucht das Jobcenter nicht mehr. 

Wenn doch Bedarf besteht, könnten die Zahlungen wieder aufgenommen werden. 

“Das wäre dann sauber, sauber für alle”, sagt Kremlitschka. Es würde seinen Mitarbeitern und ihm viel Arbeit ersparen. 

(jg)