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12/12/2017 15:33 CET | Aktualisiert 12/12/2017 17:58 CET

Unser Jesus heißt eigentlich Ali

Wie Weihnachten in einer Kita mit vielen Muslimen aussieht

Weihnachten ist in einem christlichen Kindergarten wie unserem eine große Sache. Und eine Besondere, weil etwa drei Viertel aller Kinder in den Gruppen Muslime sind.

Im Video oben: Auch Muslime lieben Weihnachten

Ein Adventskalender, ein Besuch vom Nikolaus und ein Geschenk vom Christkind gehören für viele Kinder in Deutschland dazu. Selbst dann, wenn Religion in der Familie sonst keine Rolle spielt. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass das auch für Kinder muslimischen Glaubens gilt.

Muslimische Kinder freuen sich besonders

Tatsächlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Kindern aus christlichen und muslimischen Familien: Die Muslime sind weit begeisterter von all den Weihnachtsbräuchen.

Das habe ich immer wieder beobachtet, bevor ich vergangenes Jahr in Rente gegangen bin.

Der Gruppen-Adventskalender

Da ist zum Beispiel der Gruppen-Adventskalender: Jeden Tag ziehen die Kinder einen Zettel mit einem Namen aus einem Hut. Das Kind, dessen Name darauf stand, bekommt ein Geschenk. Was Süßes und ein kleines Spielzeug - alles unter einem Euro. Mit ein wenig Geschick geht das bei 25 Kindern gut auf.

Natürlich freuen sich alle Kinder, wenn sie gezogen werden, aber besonders die Muslime sind ganz aus dem Häuschen. Die christlichen Kinder bekommen ja in der Adventszeit von der Oma, der Tante oder den Eltern einen Adventskalender, sind das also gewöhnt.

Wenn die muslimischen Kinder dran sind, haben die Eltern oft beim Abholen ein Foto von den Kindern mit dem Geschenk vor dem Kalender gemacht.

Um es zu feiern, weil es was Schönes und Besonderes war.

Der Nikolaus von Myra

Am 6. Dezember kommt immer ein Mitglied des Presbyteriums in den Kindergarten, ein Opa von einem der Kinder, und erzählt die Geschichte vom Nikolaus von Myra. Er trägt dafür ein Bischofs-Gewand und gibt am Ende allen Kindern ein Päckchen, mit einer Mandarine drin und einem kleinen Schoko-Nikolaus.

Die Kinder lieben das. Viele der türkischen Kinder kennen auch Myra gut, weil sie dort Verwandte haben oder schon mal im Urlaub dort waren. Die meisten der Familien hier in der Gegend stammen aus der Türkei.

Josef und Maria, Ömer und Zeynep

Vor Weihnachten gibt es immer ein großes Krippenspiel. Manche Kinder singen, manche sind verkleidet.

In der Woche davor hängen wir im Kindergarten ein Plakat aus, auf dem die Eltern vermerken können, ob ihre Kinder mitmachen dürfen, wie viele Gäste sie mitbringen und wer was zum Essen beisteuert. Es gibt immer wieder Familien, die nicht mitmachen, aber das sind Ausnahmen.

So ist es nichts Besonderes, wenn Jesus, Josef und Maria von Ali, Bedirhan und Elif gespielt werden.

Auch davon machen die Verwandten wieder enthusiastisch Fotos, filmen die Kleinen. Dann gibt’s noch Kaffee, Tee und die Plätzchen, die die Kinder gebacken haben. Essen ist bei unterschiedlichen Religionen manchmal ein Problem, aber da hier jeder was mitbringt, ist keiner ausgeschlossen. 

Auch der Imam schickte seinen Nachwuchs in unsere evangelische Kita 

Das war nicht immer so. Vor vielleicht zehn Jahren waren die muslimischen Eltern hier vorsichtiger. Vielleicht hatten sie Angst, mit Menschen einer anderen Religion zu feiern. Vielleicht hatte der lokale Imam auch was dagegen. Doch all das hat sich geändert.

Die Kinder des Imams besuchten ebenfalls unseren Kindergarten und haben am Krippenspiel teilgenommen.

Spinner gibt es überall

Warum auch nicht? Im Islam spielt Jesus auch eine Rolle. Am Ende sind sich die Religionen näher, als es oft scheint. Auch Muslime dürfen nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen und sollen sich angemessen in der Ehe verhalten.

Wer seinen Glauben so lebt, dem wird er ein Leben lang eine gute Stütze sein. Spinner gibt es überall, auch bei uns Christen.

Ich jedenfalls bin überzeugt, dass es am Ende nur einen Gott gibt. Manche nennen ihn eben anders und haben andere Rituale.

Das sehen auch die Muslime so, die uns ihre Kinder anvertrauen. Unser Kindergarten hat immer eine lange Warteliste, obwohl wir vergleichsweise viele Plätze anbieten und es Alternativen gibt.

Das hat mit Integration nichts zu tun

Wer hier jetzt von gelungener Integration reden will, dem muss ich entschieden widersprechen. Integration ist überholt. Davon unseren muslimischen Kindern zu reden, ist Quatsch.

Die Kinder sind hier geboren und jeder kann hier so leben, wie er will. Die muslimischen Familien, die mit uns feiern, sind nicht mehr integriert, als die, die darauf keine Lust haben.

Die Wahl zu haben, was man mit seiner Zeit tun will, ist es, was eine freie Gesellschaft ausmacht.

Also lassen wir diese Begriffe und feiern lieber zusammen diese schöne Zeit, egal welchem Glauben wir angehören.

Mehr zum Thema: Appell einer jungen Muslima: Hört auf, eure Traditionen wegen uns umzubenennen