BLOG
12/03/2018 10:32 CET | Aktualisiert 12/03/2018 15:49 CET

Offener Brief einer Hartz-IV-Empfängerin an Jens Spahn

"So einen Realitätsverlust sollten Sie sich in Ihrer Position nicht leisten dürfen."

Agathas Mutter lebt seit Jahren von Hartz IV. Als sie die Worte von Jens Spahn gehört hat, schrieb ihre Mutter diesen Brief:

E Kremplewski
E. Kremplewski lebt seit Jahren von Hartz IV. Mehrere Unternehmen, in denen sie gearbeitet hat, sind pleite gegangen. Sie ist wütend über Jens Spahns Worte.

Lieber Herr Spahn,

erst kürzlich sagten Sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe folgende Worte:

“Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut“. Jeder Langzeitarbeitslose hätte das zum Leben, was er braucht.

Mehr zum Thema:  Nach Hartz-IV-Äußerung: Linke fordert, dass Spahn nicht Minister wird

Dabei haben Sie leider einen wichtigen Punkt nicht verstanden: Hartz IV ist nicht leben, das ist vegetieren. Die finanzielle Versorgung reicht als Grundsicherung – für ein erfülltes Leben braucht es aber mehr als ein Dach über dem Kopf und ein Taschengeld, um sich beim Discounter mit Nahrungsmitteln versorgen zu können.

Mehr zum Thema:  Alltag eines Hartz-IV-Empfängers: Essen, schlafen, sterben

Es ist bekannt, dass Sie seit Jahren von Diäten als Bundestagsabgeordneter leben, und die fallen, wie wir wissen, nicht mickrig aus. Das ist der einzige Grund, anhand dessen ich mir erklären kann, warum Sie leben mit überleben verwechseln. So einen Realitätsverlust sollten Sie sich in Ihrer Position nicht leisten dürfen.

Hartz IV – ein System, das Armut produziert

Ich bin 62 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren von Hartz IV – mehrere Unternehmen, bei denen ich gearbeitet habe, sind pleite gegangen, und irgendwann habe ich keine Vollzeitstelle mehr gefunden.

Ich habe einen Minijob in einem Supermarkt, wo ich bis zu 450 Euro verdiene, davon darf ich 165 Euro behalten. Kann ich mir so eine solide Existenz aufbauen? Natürlich nicht.

Mehr zum Thema: CDU-Generalsekretär Tauber stößt mit nur einem Tweet alle Minijobber vor den Kopf

Meine Bekannten fragen mich regelmäßig, wie ich von so wenig Geld leben kann. Natürlich ist das möglich – ein normales Leben ist das aber nicht.

Das Problem an Hartz IV ist, dass es nicht als langfristige Lösung funktioniert. Dennoch leben über 4,2 Millionen Menschen von Arbeitslosengeld II.

Herr Spahn, wie kann ein System, das Armut produziert, die Antwort auf Armut sein? Hartz IV sollte kein Dauerzustand sein, denn Menschen in so einem reichen Land wie Deutschland dürfen nicht langfristig am Existenzminimum leben. Leider ist Hartz IV für viele Menschen, gerade im höheren Alter, eine Endhaltestelle.

Versagen des Sozialsystems

Sie sagen selbst, Herr Spahn, Deutschland verfüge über eines der besten Sozialsysteme der Welt. Aber scheinbar kann auch das beste Sozialsystem der Welt Armut nicht bekämpfen:

Warum sonst lebt jedes fünfte Kind in diesem Land in Armut? Warum fehlt es Kindern oft nicht nur an Büchern und Spielzeug, sondern auch Nahrung?

Warum sehe ich Rentner an der Bushaltestelle vor meiner Haustür im Müll wühlen?

Warum müssen Großstädter teilweise die Hälfte ihres Gehalts für Mietwohnungen ausgeben?

Mehr zum Thema:  Mietwahnsinn in deutschen Städten – 6 Folgen, die fast alle Bürger spüren

Warum rackern sich Menschen für 900 Euro im Monat ab und können dennoch kaum ihre Familien ernähren?

Warum beziehen Kinder von Hartz-IV-Empfängern später als Erwachsene selbst oft Sozialleistungen?

Sie haben Recht, Herr Spahn, dass wir eines der besten Sozialsysteme der Welt haben. Aber das reicht offensichtlich nicht aus im Kampf gegen die Armut. Nur weil wir an der Spitze stehen, heißt das nicht, dass wir uns ausruhen dürfen.

Unsere Solidargemeinschaft

Sie sprechen von Solidargemeinschaft, Herr Spahn. Ich finde es prinzipiell gut, dass es aufgrund dieser Solidargemeinschaft in Deutschland ein System gibt, das die Grundversorgung von Menschen in finanzieller Not gewährleistet.

Auch dafür zahlt jeder Arbeitnehmer hierzulande Steuern – das betonen Sie ja auch, Herr Spahn, dass unser Sozialsystem von Steuergeldern gestützt wird.

Diese Worte klingen wie eine Mahnung für mich – als würden immer nur die anderen für die Armen zahlen.

Aber habe ich nicht auch gearbeitet und Steuern gezahlt? Habe ich dann nicht einen Anspruch darauf, vom Staat versorgt zu werden, wenn ich in Schwierigkeiten gerate?

Bedeutet Solidargemeinschaft nicht auch, dass man nicht mit dem Finger auf die zeigt, die weniger haben – sondern sie unterstützt? Man darf auch nicht vergessen, dass man selbst irgendwann in einer Situation landen könnte, in der man auf die Hilfe der Solidargemeinschaft angewiesen ist.

Ihnen droht das nicht so schnell, Herr Spahn, weswegen es Ihnen vielleicht leichter fällt, von oben herab zu urteilen, was Armut und die Antwort darauf ist.

Mehr zum Thema:  “Hart aber Fair“: Als CSU-Mann GroKo-Sozialpolitik lobt, rastet Tafel-Chef aus

Ich hoffe, Sie nehmen sich meinen Brief zu Herzen. Ich würde mir wünschen, dass Sie Ihre Meinung zur Armut in Deutschland überdenken und sich noch einmal tiefer gehend fragen, was wir für ein erfülltes und würdiges Leben benötigen.

Ihre
E. Kremplewski

Aktuelle Zahlen zu Hartz IV

Derzeit beziehen etwa 4,3 Millionen Menschen Hartz IV.

► Der Regelsatz wurde zum 1. Januar 2018 von 409 auf 416 Euro im Monat erhöht.

Im September erreichte die Zahl der Hartz-IV-Sanktionen einen neuen Rekord. 91.590 Menschen wurden laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit Leistungen gekürzt.