BLOG
21/04/2018 17:24 CEST | Aktualisiert 22/04/2018 11:00 CEST

Mein Vater ist ein Serienmörder – wie ich versuchte, damit klar zu kommen

Bevor ich überhaupt zehn Jahre alt wurde, war ich ein selbstmordgefährdetes Kind mit einem mörderischen Vater.

Courtesy of Jenn Carson

Suzan Barnes war die Tochter eines Zeitungsmanagers. Sie war gut betucht, geschieden, Mitglied im Country Club und hatte zwei Kinder im Teenager-Alter.

Mein Vater, Jim Carson, war der Hippie-Sohn eines Öl-Geschäftsführers; er hatte eine Frau und eine junge Tochter.

Als sie sich eines Nachts 1978 auf einer Party kennenlernten, verstießen sie ihre Familien, zogen zusammen und waren unzertrennlich, bis sie fünf Jahre später wegen mehrfachen Mordes verhaftet wurden.

Mein Vater wurde durch Suzan sofort ein anderer Mensch. Er legte sich einen neuen Namen zu, eine neue Persönlichkeit und ein neues Leben.

Als er den Namen James Clifford Carson ablegte, um Michael Baer Carson zu werden, war er nicht länger der aufmerksame und fürsorgliche Vater, den ich kannte und der immer zu Hause war.

Mein Vater hatte mir die Haare geflochten und mir aus Büchern vorgelesen. Michael Bear würdigte mich kaum eines Blickes.

Die Wochenenden bei meinem Vater waren wie ein Horrorfilm

Nach einem Jahrzehnt reichte meine Mutter, Lynne, die Scheidung ein und bemühte sich darum, Distanz zwischen sich und meinen Vater zu bekommen, indem sie von Phoenix in die Gegend um Tucson zog.

Ab da lebten meine Mutter und ich im Tohono O’odham Reservat, wo sie in einem Alphabetisierungs-Programm unterrichtete.

Meine Babysitterin brachte mir bei, Tortillas unter freiem Himmel zu machen, während mich Nonnen in der Vorschule im Alphabet unterrichteten und meine Mutter mir die Namen von Kakteen lehrte.

Von Montag bis Freitag war ich glücklich mit meinem Leben.

Dagegen waren die Wochenenden bei meiner Stiefmutter wie in einem Horrorfilm. Das Innere des Stadthauses von Suzan Scottsdale, in das mein Vater gezogen war, um bei ihr zu sein, hatte Ähnlichkeit mit einem gespenstischen Wald.

Statt einer Beleuchtung oder Möbeln war das ganze Haus voll mit dutzenden, großen Topfbäumen.

Nachts lag ich wach, in meinem Schlafsack auf dem Boden, betrachtete die schwarzen Schatten an den Wänden und dachte an meine letzte Mahlzeit, die schon einige Tage her war. Zudem, dass sie mich hungern ließ, misshandelte mich Suzan verbal und körperlich.

Courtesy of Jenn Carson

Die Bäume, die Nacktheit und der leere Kühlschrank

Ich fühlte mich gefangen in dem Haus meiner neuen, boshaften Stiefmutter. Ich zählte die Minuten, bis das Wochenende vorbei war und ich wieder zu meiner Mutter nach Hause konnte.

Einmal rief ich sogar die Vermittlung an und fragte nach meiner Mommy. Ich versuchte, die Tür zu öffnen, konnte aber den Riegel nicht erreichen.

Ich versuchte, Essen zu finden, indem ich die Küchenschränke wie eine Leiter nach oben kletterte, um auf die Theke zu kommen.

Aber am häufigsten versuchte ich, meinen Vater und Suzan zu wecken, die beide Bewusstlos waren, weil sie die ganze Nacht Acid genommen hatten und nun nackt auf dem einzigen Möbelstück im ganzen Haus lagen: einem riesigen Wasserbett in ihrem Schlafzimmer.

Nach meinem letzten Besuch bei meinem Vater beschloss ich, meiner Mutter von Suzans Haus zu erzählen. Ich erzählte ihr von den Bäumen, der Nacktheit und dem leeren Kühlschrank.

Ich sagte ihr, dass Suzan meinen Rücken mit ihren gezackten Fingernägeln schwer zerkratzt habe – sehr schwer – als ich meinen Vater gefragt habe, ob er mir vor dem Zubettgehen den Rücken reiben kann. Ich sagte ihr, dass Suzan mich “einen Dämonen” genannt habe und meinte, ich müsse sterben.

Meine Mutter zog daraufhin mein Shirt nach oben und keuchte. Sie sah fünf blutige Striemen, die meinen Rücken hinunterliefen. Sie versprach mir, dass ich Suzan nie wieder sehen würde.

“Mein Ex und seine neue Frau versuchen möglicherweise uns umzubringen”.

Nachdem sie Suzan Scottsdales Stadthaus verkauft hatten, reisten Michael und meine Stiefmutter mit dem Geld nach Israel, Indien, Frankreich und nach Großbritannien.

Meine Mutter wartete ab, bis das Paar weg war, um dann mit mir wegzuziehen. Wir versuchten, im dicht besiedelten Süd Kalifornien unterzutauchen.

In der Nähe ihres Onkels, dem einzigen Menschen, der ihr wirklich glaubte, als sie sagte: “Mein Ex und seine neue Frau versuchen möglicherweise uns umzubringen”.

Er war ein ehemaliger Polizist, der verängstigten Frauen glaubte.

Meine Mutter brach den Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden ab, die ihre Ängste nicht ernst nahmen oder noch Verbindung zu meinem Vater pflegten.

Wir mieteten Zimmer und zogen oft um. Meine Mutter machte die seltsamsten Arbeiten. Wir mussten kämpfen, um das Geld für Essen und Medikamente zu haben. Manchmal, wenn wir keine Bleibe hatten, schliefen wir auf dem Boden oder dem Sofa von Freunden.

Während der ganzen Zeit kämpfte meine Mutter mit starken Depressionen. Aber sie hielt durch, um mich zu schützen. Ihr einziges Kind.

Die Todesliste

Nachdem sie fast ein Jahr später in die USA zurückkam, hatte Suzan in einem Motel-Zimmer eine Vision im LSD-Rausch.

Der Geist eines Propheten habe ihr angeblich eine umfassende Liste offenbart, auf der die Namen von Hexen aus der ganzen Welt stünden, die sie und mein Vater im Auftrag von Gott töten sollen.

Unter anderem standen auch Präsident Ronald Reagan und der Gouverneur Jerry Brown auf dieser Liste. Mein Vater schrieb die Liste nach Suzans Beschreibung nieder. Dazu entwickelten sie einen Plan, um Reagan zu töten.

In einem Waldstück, in dem mein Vater und Suzan gezeltet hatten, fand ein Wanderer den Plan und übergab ihn der Polizei. Meine Mutter und ich erfuhren erst von diesen Drohungen, als der Secret Service 1982 vor unserer Tür stand.

Courtesy of Jenn Carson

San Francisco Witch Killers

Ein Jahr später wurden mein Vater und Suzan erwischt, weil sie einen unschuldigen Fremden an einer Autobahn in Napa County in Kalifornien getötet hatten.

Nach ihrer Festnahme veröffentlichte der San Francisco Chronicle einen Brief meines Vaters aus dem Gefängnis, in dem er anbot, seine und Suzans Morde an “die da in Kalifornien” zu gestehen, wenn man ihnen eine Pressekonferenz gewähre. Die Medien titulierten die beiden als die “San Francisco Witch Killers”.

Mein Vater und seine Frau waren offiziell Serienmörder. Sie gestanden drei Morde in Kalifornien und waren bald auch Verdächtige in neun weiteren Todesfällen in den USA und Europa.

Während des Prozesses behaupteten vermeintliche Freunde von meinem Vater und Suzan, dass sie Hexenmeister seien und sagten als Sachverständige aus.

Sie argumentierten, dass mein Vater und Suzan sich selbst verteidigt hätten gegen tödliche, ”übersinnliche Attacken.” 

Mein Vater, ein Jude, und Suzan, eine Christin, machten zudem den Propheten Mohammed für ihre Verbrechen verantwortlich.

Diese Zirkusveranstaltung von einem Prozess endete damit, dass Suzan die Schlussworte unterbrach und schrie, “Was ist mein Verbrechen? Schön zu sein? Eine Künstlerin zu sein?” Mein Vater brüllte: “Tod der Königin! Lang lebe die IRA!”

Schlagzeilen mit dem Satz “The San Fran Witch Trial” waren in den Zeitungen des ganzen Landes zu lesen. Mein Vater und Suzan wurden in drei Fällen des Mordes für schuldig befunden und bekamen je dreimal lebenslänglich.

“Daddy hat Menschen wehgetan und nun muss er ins Gefängnis, damit er niemandem mehr weh tun kann.”

Meine Mutter hatte Angst, dass ich durch die Medien von dem Prozess erfahren könnte.

Daher entschied sie sich, mir selbst davon zu erzählen, was passiert war. Als sie mich eines Nachmittags von der Schule abholte, erzählte sie mir auf dem Heimweg, “Daddy hat Menschen wehgetan und nun muss er ins Gefängnis, damit er niemandem mehr weh tun kann”.

Ich fragte sie, ob die Menschen, die er verletzt hatte, tot seien und ob die Toten auch Mamas hätten. Sie nickte nach jeder Frage und wir gingen nach Hause, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Schluchzend hielten wir uns einfach bei der Hand.

Einige Monate später fand ich einen Stapel Zeitungsausschnitte in der Schublade der Schlafzimmer-Kommode meiner Mutter. Da wurde mir wirklich bewusst, wie entsetzlich die Morde gewesen waren.

Ich erinnere mich daran, wie ich darüber las, dass mein Vater und seine Frau ein junges Mädchen mit einer Pfanne zu Tode geprügelt und den Körper eines jungen Mannes verbrannt hatten.

Ich erinnere mich daran, wie ich versuchte, Wörter wie “zu Tode geknüppelt” und “enthauptet” herauszubekommen. Kurz danach begann mein lebenslanger Kampf mit den Alpträumen.

Courtesy of Jenn Carson

Mein lebenslanger Alptraum

Ich hatte auch Angst um meine eigene Sicherheit. Wenn mein Vater Leute töten kann, dann kann jeder ein Killer sein, dachte ich mir. Ich fing an, die Tür zu meinem Schlafzimmer mit Möbeln zu verbarrikadieren, wenn ich aus der Schule nach Hause kam oder bevor ich ins Bett ging.

Ich begann auch damit, mir zum Schlafen eine Schere oder ein Messer unter das Kopfkissen zu legen. Ich war so traumatisiert, dass ich eines Tages versuchte, mich selbst in der Badewanne zu ertränken und Pillen aus dem Medizinschränkchen hortete, mit der Absicht, mich umzubringen.

Bevor ich überhaupt zehn Jahre alt wurde, war ich ein selbstmordgefährdetes Kind mit einem mörderischen Vater.

Ich fing an mich zu fragen, ob ich auch durchdrehen und Leute töten würde. Ich fragte mich, ob ich die Gene eines Monsters hatte.

Ich hatte auch mit äußeren Stigmata zu kämpfen. Das Schlimmste waren die Verwandten, die mich als Hindernis sahen, meinen Vater auszulöschen. Meine Großmutter stellte mich ihren Freunden als ihre Großnichte vor.

“Schau, was du in unser Leben gebracht hast, du selbstsüchtige kleine Schlampe”

Zwei Familienmitglieder sagten mir, ich solle die Morde für mich behalten, sonst “würde niemand mich jemals heiraten”. Ein Verwandter meinte sogar zu mir, “schau, was du in unser Leben gebracht hast, du selbstsüchtige kleine Schlampe”. Da war ich gerade einmal neun Jahre alt.

Nachdem ich als Jugendliche den Kontakt zu allen giftigen Verwandten abgebrochen hatte, machte ich die gleiche Erfahrung wieder mit verschiedenen festen Freunden.

Einer erzählte seinen Eltern, dass mein Vater bei einem Autounfall gestorben wäre. Ich war gezwungen, mitzuspielen.

In einer anderen, sehr ernsthaften Beziehung meinte mein Partner, er habe mir eigentlich einen Antrag machen wollen, doch müsse nun mit mir Schluss machen, weil er seinen Kindern nicht erzählen wolle, dass ihr Großvater ein Serienmörder sei.

Mit der Zeit lernte ich, Personen auszusortieren, die meine Würde angreifen. Ich verstand vollkommen, warum die meisten Kinder von Serienmördern ihren Namen ändern und sich verkriechen.

Aber ich entschied mich dagegen, mich weiterhin zu verstecken. Ich wollte nicht weggehen, nur weil es für andere bequemer war.

Courtesy of Jenn Carson

Ich entschied mich zu leben

Der Sohn von Charles Manson und viele andere Kinder von berühmten Mördern haben selbst getötet.

Ich entschied mich zu leben.

Ich unterzog mich einer Behandlung für meine mentale Gesundheit, ganz so als hätte ich eine chronisch psychische Erkrankung.

Ich schäme mich nicht dafür, dass ich Asthma habe – warum sollte ich mich schämen, Depressionen und eine komplizierte, posttraumatische Belastungsstörung zu haben?

Ich verdiente Hilfe.

Ich entschloss mich auch, anderen zu helfen. Als Lehrerin und Beraterin arbeitete ich seit fast zwei Jahrzehnten mit Kindern, die viel Aufmerksamkeit benötigen.

Dank meines Fachwissens und meiner Erfahrung wurde ich zu einer Anwältin für die Kinder, bei denen ein Elternteil inhaftiert ist.

Seit ich 2007 an die Öffentlichkeit gegangen bin, als die “Tochter des Serienmörders”, habe ich zudem die Möglichkeit bekommen, anderen Familien die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, mit Rat zur Seite zu stehen.

2015 besuchte ich die Familien der Opfer meines Vaters, als er und Suzan unerwartet für eine bedingte Haftentlassung in Erwägung gezogen wurden.

Zusammen kämpften wir gegen die Entlassung an. Wir starteten eine Petition, eine Brief-Kampagne, einen Medienaufruf und waren persönlich anwesend bei der Anhörung. Und mein Vater und Suzan sind beide nach wie vor im Gefängnis.

Wir planen das, bei der nächsten Anhörung meines Vaters 2020 zu wiederholen. Suzan hat ihren nächsten Termin zur bedingten Haftentlassung 2030 – sie wird dann 90 Jahre alt sein.

Es war kein einfaches Leben. Aber indem ich anderen geholfen habe, habe ich selbst Frieden gefunden.

Zurückblickend habe ich erkannt, dass ich ursprünglich anderen helfen wollte, um meine eigene, unsichtbare Bilanz mit guten Taten auszugleichen. Ich hatte gehofft, so den Schrecken und das Trauma wieder gutzumachen, den mein Vater und Suzan verursacht hatten.

Aber ich weiß heute, dass ich die Sünden meines Vaters nicht abbüßen kann und dass ich die unschuldigen Opfer nicht wieder lebendig machen kann.

Ich kann nur mein Bestes tun, um mein Leben so gut wie möglich zu führen und dabei versuchen, soviel Güte wie möglich in die Welt zu tragen.

Courtesy of Jenn Carson

Jenn Carson ist eine Anwältin für Kinder von Gefängnisinsassen, Familien mit Gewalttätern und für Opfer von Gewaltverbrechen.

Sie hat einen Bachelor-Abschluss von der Baylor Universität, einen Master-Abschluss für psychologische Beratung von der George Washington Universität und 15 Jahre Berufserfahrung als Erzieherin im öffentlichen Dienst.

Im “Hallmark Channel”, dem “Oxygen Network”, und dem “Investigation Discovery Channel”, sowie im “Marie Claire Magazine”, hat sie über ihre Entwicklung von der Tochter des Serienmörders zur Anwältin berichtet.

Der Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(ll)