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01/06/2018 19:23 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 19:55 CEST

Jemand vergewaltigte jahrelang meine Mutter – es könnte mein Opa gewesen sein

“Ich habe es viele Jahre verdrängt. Irgendwann holte meine Geschichte mich wieder ein.”

Favor_of_God via Getty Images
Sexueller Missbrauch in der Familie ist leider Alltag für viele Kinder in Deutschland (Symbolbild).

Wenn ich an meine Familie denke, fühle ich vieles. Vor allem aber Liebe, Sicherheit, Zusammenhalt.

Doch es gibt einen Tag, der dieses Gefühls-Konstrukt zum Einsturz bringen kann. Es war an einem kalten Herbsttag im Jahr 2006 – zu dem Zeitpunkt war ich 16 Jahre alt.

Meine Mutter und ich waren zu Hause: Sie saß in eine Plüschdecke eingekuschelt auf dem Sofa, ich im Sessel, meiner Mutter gegenüber.

Wir schauten die Nachrichten im Fernsehen an. Nichts, was einen Menschen normalerweise aus der Fassung bringt.

Meine Mutter brach in Tränen aus, ihre Schultern zitterten

Bis die Moderatorin eine Verbrechensmeldung aus Deutschland vorlas. Ein Mann hatte ein junges Mädchen vergewaltigt und es anschließend umgebracht.

Meine Mutter brach plötzlich in Tränen aus. Ihre Schultern zitterten, sie sackte in sich zusammen.

Das kam unerwartet, völlig überraschend. Verblüfft starrte ich sie an. Logisch, ich hatte auch Mitleid mit diesem Mädchen. Aber meiner Mutter ging das Schicksal der jungen Frau ungewöhnlich nah.

Irgendwas stimmte nicht. Meine Mutter weinte nie plötzlich – niemals ohne triftige Gründe jedenfalls. Ich schluckte. Bis heute kann ich mich daran erinnern, wie ich meine Mutter damals fragte, warum sie denn weine.

Wie durch dichte Nebelschwaden drangen die Worte zu mir. Sie verfolgten mich viele Jahre lang. Jeden Tag, jede Nacht – wie ein Parasit, der sich in mein Hirn gefressen hatte: “Ich muss dir etwas erzählen.”

Meine Mutter wurde im Kindesalter sexuell missbraucht

Mein Mund stand offen, so entsetzt war ich, über das, was sie mir sagte. Meine Mutter erzählte, dass sie selbst vergewaltigt worden sei. Über viele Jahre hinweg, als kleines Mädchen. Zu Hause sei es passiert.

Ihre Stimmte bebte.

Viel mehr sagte sie nicht – konkrete Namen wollte sie mir erst recht nicht nennen. Lediglich, dass es jemand aus ihrem sehr nahen Umfeld war, mehr noch: Jemand aus dem Haus, in dem sie aufgewachsen war.

►  Sie endete mit dem Satz: “Ich habe es viele Jahre verdrängt. Irgendwann holte meine Geschichte mich wieder ein.”

Zum Hintergrund:

Für Traumatherapeuten ist Verdrängung ein Hinweis auf einen Missbrauch im Kindesalter. Dann kommen die Erinnerungen erst im Erwachsenenalter wieder hoch, sind aber teilweise noch lückenhaft, weil das Erlebnis zu traumatisch war, um es in allen Einzelheiten im Gedächtnis zu speichern.

Ich war wie gelähmt. In meinem Mund konnte sich kein Wort bilden.

Heute bereue ich, dass ich nicht verständnisvoller für meine Mutter reagiert habe.

Ich saß teilnahmslos da, starrte sie an, versuchte alle Gedanken logisch zu sortieren. 

Nach der Offenbarung verstand ich sie dennoch besser: Ihre Ängste, wenn ich als Jugendliche Stunden später als vereinbart nach Hause kam. Wenn ich nachts alleine durch verlassene Gegenden lief und sie mir zur Sicherheit ein Pfefferspray mitgab. Zuvor empfand ich das als Unfug. Als unnötige Panikmache. Mir ist schließlich nie etwas passiert.

Doch meine Mutter hatte ihre Gründe.

Um die Situation besser verstehen zu können: Meine Mutter ist in einem Generationenhaus aufgewachsen.

In diesem leben bis heute meine Oma und mein Opa, ihre Eltern. Über ihnen wohnte die Familie ihres Onkels. Daher kommen also nur mein Opa oder der Onkel meiner Mutter als Täter in Betracht. Meine Mutter hatte mir schließlich selbst erzählt, dass es jemand aus ihrem Haus gewesen sei.

Sexueller Missbrauch innerhalb der Familie ist ein Tabuthema – aber doch ist es schrecklicher Alltag in Deutschland. Rund 10.000 Anzeigen gibt es jährlich, berichtet das ZDF. Die Dunkelziffer könnte noch höher sein.

Wie ich mit der Unwissenheit lebe – und was es für meine Familie bedeutet 

Mehr als zwölf Jahre sind vergangen, seitdem ich von dem Missbrauch erfuhr. Heute bin ich 28 und ringe immer noch mit mir. Anfangs dachte ich: Natürlich möchte ich wissen, wer der Täter war.

Inzwischen sehe ich das anders.

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, denke ich an eine wohlbehütete Zeit. Ich war oft bei meinen Großeltern zu Besuch, habe bei ihnen übernachtet, hatte eine tolle Zeit dort.

Bis heute verbinde ich mit meinen Großeltern nur gute Erfahrungen.

Zu dem Onkel meiner Mutter hatte ich wenig Kontakt. Mal sah man sich auf dem Flur oder im Garten – aber er stand mir nie so nahe wie mein Opa. Wenn mein Opa der Täter gewesen wäre, würde es mir sehr viel näher gehen. 

Aber ich will nicht mehr wissen, ob er meine Mutter missbraucht hat. Ich habe lange mit mir gerungen, habe mich gefragt, wie es wäre, wenn ich es wüsste. Doch ich kam zu dem Entschluss, dass es besser ist, so zu tun, als wäre nichts.

Ich verdränge es.

Für meine Familie würde sich an der Geschichte nichts ändern

Ich könnte meine Opa einfach fragen. Aber mit einer Konfrontation würde ich alles noch schlimmer machen. Es würde mich zerreißen, es zu wissen – lieber weiß ich es nicht.

Und: Ich würde meinen Opa verlieren. Ich könnte ihm nie wieder ins Gesicht blicken.

Ich weiß nicht, wie lange er noch leben wird. Wenn er irgendwann nicht mehr da ist, möchte ich den liebevollen Familienmenschen in Erinnerung behalten, den ich kennengelernt habe. Ich möchte nicht den Gedanken zulassen, dass mein Opa ein anderer Mensch war, als ich dachte.

Auch für meine Familie, sprich meine Mutter, würde sich nichts ändern, wenn ich wüsste, wer ihr das angetan hat. Ihre Situation bliebe dieselbe. Sie war ein missbrauchtes Kind, sie ist eine gebrochene Erwachsene.

Wenn sie wüsste, dass ich es weiß, würde sie auch noch mit mir leiden. Unter meiner Situation, die ganze Wahrheit zu kennen.

Das will ich ihr und mir nicht antun. Ich glaube, manchmal ist es besser für das eigene Seelenheil, nicht alles zu wissen. 

Damit ich weiter Wörter wie Liebe, Sicherheit und Zusammenhalt im Kopf habe, wenn ich an meine Familie denke.

Hinweis der Redaktion

Ihr habt sexuelle Gewalt in eurer Kindheit oder Jugend erlitten und benötigt Unterstützung?

Das Hilfeportal informiert euch über das Thema Sexueller Missbrauch sowie über mögliche Wege, das Geschehene aufzuarbeiten. Das Hilfe-Telefon dazu ist unter der 0800/2255530 erreichbar.

(jds)