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15/04/2018 11:26 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 11:25 CEST

Jeder soll glücklich und würdevoll sterben – meine Erfindung hilft dabei

Was wäre, wenn unser letzter Tag auch einer unserer aufregendsten sein könnte?

Im Video oben: Chemiker enthüllen – So fühlt es sich an zu sterben

“In Würde sterben” hat sich in den letzten Jahren zu einer verhängnisvollen Verkaufsstrategie entwickelt. “Right to die”-Gruppen wetteifern um die Vormachtstellung am Markt.

Jede versucht zu zeigen, wie man das Sterben am würdevollsten gestalten kann.

Jede versucht, das blanke Entsetzen über den unausweichlichen Tod durch etwas Geschmackvolles zu ersetzen.

Der Tod wird vermarktet. Einerseits soll das Sterbenden mehr Würde geben. Gleichzeitig ist es ein etwas plumper Versuch, den Leuten vorzuschreiben, wie sie zu sterben haben.

Versteht mich nicht falsch: Grundsätzlich stehe ich dieser Entwicklung nicht skeptisch gegenüber. Es scheint nur etwas zu fehlen – zumindest für meinen Geschmack.

Ich bin der Überzeugung, dass jeder rational denkende Erwachsene mit “Lebenserfahrung” einen guten Tod verdient hat.

Vor rund 20 Jahren war ich weltweit der erste Arzt, der vier unheilbar kranken, freiwilligen Patienten eine legale, tödliche Spritze gab (zu diesem Zeitpunkt gab es in Australien den “Rights of the Termanally Ill Act”, Anmerk. der Red.: ein Gesetz zur Sterbehilfe in Australien, trat im Juli 1996 in Kraft, seit März 1997 unwirksam).

Zu dieser Zeit begegnete ich dem Tod mit einer Selbstsicherheit, ja sogar Arroganz, die man mitbringt, wenn man mitten im Leben steht. Ich war damals kurz vor meinem 50. Geburtstag. Sterben war für mich etwas, das anderen Menschen passiert.

Ein “guter” Tod als Ziel

Als meine Arbeit auf diesem Gebiet ausgereift war, veränderte sich meine Sichtweise – war ich davor noch ein Unterstützer der Idee, unheilbar Kranken einen würdevollen Tod zu ermöglichen, so war ich inzwischen der Überzeugung, dass jeder rational denkende Erwachsene mit “Lebenserfahrung” einen guten Tod verdient hat.

Deshalb habe ich 1997 die gemeinnützigen Organisation “Exit International” gegründet. Wir helfen Menschen, die sterben wollen. Für uns kommt jeder in Betracht, der mindestens 50 Jahre alt ist. 

Mehr zum Thema:Wiederbelebter berichtet, wie sich der Tod wirklich anfühlt

Zu der Zeit wurde das weltweit erste Freitod-Gesetz für freiwillige Patienten wieder gekippt. Und ich fand mich plötzlich wieder an vorderster Front der Debatte über das Recht zu sterben.

Warum kann ein “guter Tod” – die Griechen bezeichneten ihn auch als “Euthanasie” – nicht das Ziel für jeden von uns sein? Warum muss man sterbenskrank sein – das heißt, fast tot – um in Würde zu sterben?

Das ergibt für mich keinen Sinn. Besonders, wenn man sich die Möglichkeiten der modernen Medizin ansieht. Wir werden länger am Leben erhalten, als wir es uns eigentlich wünschen würden.

Und das führt zu einem weiteren Problem: Wir leben alle länger im liberalen, demokratischen Westen, aber das auch ungesünder. Das erlebe ich jeden Tag.

Ein “Ausstiegsplan” hat etwas Angenehmes und Beruhigendes

Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder von “Exit International” besteht aus “gesunden älteren Leuten”. Diese Menschen sind nicht krank – nun ja, oder zumindest jetzt noch nicht.

Wie auch immer: Sie wissen, dass es nicht immer so sein wird. Über ein “würdevolles Sterben” informiert zu sein, sollte es einmal nötig werden, kann wie eine Versicherungspolice sein – ein Sicherheitsnetz “nur für den Fall”, dass sich die eigene Gesundheit und die Lebensqualität eines Tages verschlechtern sollten.

Es schafft ein würdevolles Leben, wenn man weiß, dass man auch in Würde sterben kann.

Viele Menschen sind überrascht, dass andere so im Voraus planen. Ist das morbide? Ist es deprimierend, seinen Tod zu erwarten?

Bei “Exit International” glauben wir das nicht.

Wir erleben immer wieder, dass so ein griffbereiter “Ausstiegsplan” etwas Angenehmes und Beruhigendes hat, sollte er je gebraucht werden.

Die Kontrolle zu haben gibt Selbstsicherheit. Es gibt einem ein Gefühl von Selbstbestimmung.

Und ja, es schafft ein würdevolles Leben, wenn man weiß, dass man auch in Würde sterben kann.

Aber was, wenn es mehr gebe, als bloß in Würde abzutreten? Was wäre, wenn wir es wagen würden, uns vorzustellen, dass unser letzter Tag auf dem Planeten auch einer unserer aufregendsten sein könnte? Wäre die “Würde” immer noch das oberste Ziel oder wäre es nur etwas Selbstverständliches? 

Nicht nur würdevoll, sondern euphorisch

In diesem Zusammenhang dachte ich darüber nach, wie mein letzter Tag auf Erden aussehen soll. Ich begann mir eine Maschine, ein Gerät, eine Erfindung, ein Ding vorzustellen – ich suche hier noch nach dem richtigen Begriff, der noch nicht in unserem Wortschatz existiert – das möglicherweise den Geist erhebt, wenn das Ende naht.

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“The Sarco” heißt die Kapsel, die ich zusammen mit dem holländischen Ingenieur Alex Bannink konstruiert habe. Sie ist der erste greifbare Ausdruck meiner Nachforschungen über das Sterben und wie es mehr sein kann, als “nur würdevoll”. 

Philip Nitschke
Die "Todesmaschine" Sarco

Der Sarco ist eine Maschine, die mit einem 3D-Drucker hergestellt werden kann und die den Tod durch Hypoxie herbeiführt, in einem Umfeld mit niedrigem Sauerstoffgehalt. Sie kann überall hin transportiert werden.

Die Rockie Mountains betrachten? Ein letzter Blick über die berstenden Wellen des Pazifiks? Wo man stirbt, ist wichtig.  

Philip Nitschke
Der Sarco kann überall hin transportiert werden.

Eine schöne Kulisse bei seinem Ableben zu haben ist keine neue Idee. Der Film “Soylent Green” zeigt wie positiv es sein kann, wenn man friedlich – mit hübschen Bildern im Kopf und sanften Klängen in den Ohren – diese Welt verlässt.

Der eigentliche Gedanke, den dieser bahnbrechende Film hinterlässt: Wir können unserem Ende nicht nur würdevoll, sondern sogar euphorisch entgegentreten. Und warum nicht?

Hypoxie, sprich die Mangelversorgung mit Sauerstoff, bietet genau das.

Jeder, der einen rapiden Druckabfall in einem Flugzeug überlebt hat, kennt diese trunkene Orientierungslosigkeit, die man empfindet und die einen fragen lässt. warum man überhaupt die Sauerstoffmaske über sein Gesicht stülpen sollte.

Du stirbst nur einmal. Warum also nicht das Beste daraus machen?

Als ich noch bei der Air Force war, bat man mich einen Brief zu schreiben, während der Sauerstoffgehalt in meiner Kammer gesenkt wurde. Ich schrieb nur Stuss. Aber als ich es bei normalem Sauerstoffgehalt erneut durchlas, kam es mir vor wie lustiger, euphorischer Stuss. 

Du stirbst nur einmal, warum also nicht das Beste daraus machen?

Es gibt zum Beispiel Pentobarbital (Anm. der Redaktion: Ein Medikament zum Einschläfern von Tieren), das als Euthanasie-Droge benutzt wird. Pentobarbital mag zwar verlässlich sein und für ein friedliches und würdevolles Ableben sorgen. Aber es beschert einem keinen euphorischen Tod.

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Aber genau dafür sorgt der Sarco.

Und so funktioniert das: Wer die “Todeskapsel” nutzen will, muss online einen Test zur mentalen Fitness ausfüllen. Wer den Test besteht, bekommt eine Zugangsnummer für einen Sarco-Apparat, die 24 Stunden gültig ist.

Wenn die Nummer eingetippt ist und ein zusätzlicher Bestätigungsknopf gedrückt, wird flüssiger Stickstoff freigesetzt. Der Sauerstoffgehalt in der Kapsel sinkt dann rapide ab. Nach einer Minute verliert der Nutzer das Bewusstsein. Der Tod tritt kurz danach ein.

Berauscht in den Tod

Der Tod in einem Sarco ist schmerzfrei. Es gibt keinen Erstickungsanfall, Würgereiz oder “nach Luft schnappen”.

Der Sterbende atmet entspannt weiter in der sauerstoffarmen Umgebung. Er empfindet Wohlbehagen und ist in einem Rauschzustand.

Der Kurzfilm “H Positive” beschreibt die Stimmung ähnlich. Der Hauptdarsteller Mark sagt: “Wenn ich sterbe, will ich keine Medikamente in meinem Blut, ich will Adrenalin!”

Eine unheilbare Krankheit wird bei ihm diagnostiziert, also lässt er sich eine “Euthanasie-Achterbahn” bauen. Die wirkenden G-Kräfte auf dieser letzten Fahrt garantieren ein euphorisches Gefühl, Sauerstoffmangel im Gehirn – und den Tod.

Bei manchen Zuschauern hinterlässt Marks Tod einen faden Beigeschmack, andere finden ihn akzeptabel.

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Aber die Aussage bleibt die gleiche: Für jeden ist der letzte Tag auf Erden etwas Besonderes.

Gibt es irgendeinen Grund dafür, dass dieses Gefühl nicht positiv ist und stattdessen voller Elend und Schmerz?

Der Sarco ist nicht jedermanns Sache, das ist klar. Dennoch werden nächstes Jahr die Baupläne frei im Internet verfügbar sein. Ich hoffe, dass er neue Gespräche und Erfahrungen über den Tod anstößt.

Der Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas dem Verständnis angepasst.