POLITIK
11/06/2018 19:39 CEST | Aktualisiert 12/06/2018 09:10 CEST

Kim trifft Trump: Das verbirgt sich hinter dem Wort "Jangmadang"

“Wenn der Markt stirbt, stirbt auch Kims Autorität.”

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Kim in einer Textil-Fabrik.

Die beste Erklärung für die jüngste soziale Entwicklung in Nordkorea ist eigentlich ganz kurz: “In dem Land gibt es zwei politische Kräfte: die Partei der Arbeit Koreas (PdAK) und Jangmadang.”

Das schrieb der südkoreanische Politikwissenschaftler Yoon Duk-min im April 2016. Der Titel seines damaligen Berichts: “Nordkoreas Weg zur Transformation”.

Die PdAK ist die von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un angeführte Einheitspartei des Landes – ihre Macht ist allgegenwärtig und bekannt.

Aber Jangmadang?

Der Anziehungskraft des Marktes 

Der Sammelbegriff bezeichnet die verschiedenen Märkte, die es in dem ostasiatischen Land gibt: die Märkte der Bauern, die lokalen oder die Schwarzmärkte.

► Die Jangmadang sind streng nach Artikeln unterteilt: Kleidung, Getreide, Fleisch, Kosmetika.

►  Jeder Teil ist noch einmal weiter untergliedert, beispielsweise in Herren-, Frauen- und Kinderkleidung. Die Händler tragen Uniformen und ein Abzeichen auf der Brust, das ihren Namen und die jeweilige Zugehörigkeit anzeigt.

“Um den Markt herum gibt es sogenannte ‘Gangster’, die von den Händlern Geld bekommen, um Kunden anzulocken”, erklärt die konservative südkoreanische Tageszeitung “Dong-a Ilbo”.

Im Norden gebe es mehr als 500 Märkte und mehr als eine Million Menschen, die in diesem Gewerbe tätig seien. Die Händler sind der Zeitung zufolge die Bevölkerungsgruppe mit dem höchsten Anteil an Mobiltelefonen.

Die unsichtbare Hand 

In Yoons Analyse spielen die Jangmadang eine zentrale Rolle beim gegenwärtigen Wandel in Nordkoreas.

Wie viele Experten auch erkennt der Politologe in dem Land eine fortschreitende “Vermarktlichung” – ein Trend, der zur Öffnung des Landes beigetragen habe und schließlich auch zum Treffen von Kim mit US-Präsident Donald Trump am Dienstag führte.

Beispiele für die wirtschaftliche Öffnung und Liberalisierung Nordkoreas gibt es viele:

► Mehr als jeder zehnte Nordkoreaner nutzt schon ein Mobiltelefon.

► Es gibt mittlerweile mehr als 200.000 Nordkoreaner, die im Ausland gearbeitet haben.

► “Der Immobilienmarkt expandiert ebenfalls stark”, schreibt etwa Yang Mun-soo, Professor an der University of North Korean Studies in Seoul. Seit Kims Machtübernahme im Jahr 2011 “boomt der Wohnungsmarkt” in Metropolen wie Ch’ŏngjin, Hyesan und Sinŭiju und Pjöngjang. 

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Kim Jong-un beim Besuch einer Schuh-Fabrik.

► Dazu kommen in vielen Orten Stadt- und Vorortbusse, deren Betrieb und Unterhalt bereits seit Anfang des Jahrtausends mit privatem Kapital bestritten wird.

► Ebenso haben die Geschäfte mit praktisch privaten Taxis und der Autohandel stark zugenommen.

Die jungen Menschen des Landes nennt Politologe Yoon auch deshalb die “Jangmadang-Generation”. Sie würden die Märkte kennen und neigten zu Individualismus. Außerdem fänden sie Geldverdienen wichtiger als die Staatsideologie des kommunistischen Regimes.

Laut diesen Analysen steht fest: Die Ära ist vorbei, in der sich die nordkoreanische Wirtschaft als rein sozialistisches Verteilungssystem beschreiben lässt. Nordkorea hat sich sehr verändert, ohne dass wir das mitbekommen haben.

Die unvermeidliche Realität

Experten sagen, dass Kim die Vermarktlichung Nordkoreas praktisch akzeptiert hat und den steigenden Wohlstand und die Märkte, die als “Geldmacher” bezeichnet werden, aktiv unterstützt, um das Wirtschaftswachstum anzuregen.

“Im Gegensatz zu Kim Jong-il, der die Auswirkungen des sowjetischen Leninismus, den er in seiner Zeit als Student gelernt hatte, nicht überwand, versteht Kim Jong-un die Macht der Marktwirtschaft. Er ist sich der wachsenden Macht der Marktwirtschaft in China und anderen Ländern bewusst”, schrieb Andrej Lankow, Professor an der Seouler Universität Kookmin, bereits im April.

Lankow erklärte in seiner Wirtschaftskolumne für das Online-Portal “MK”:

“Die Einstellung zur informellen Marktwirtschaft, die seit den 1990er Jahren einen großen Teil der Wirtschaft ausmachte, hat sich sehr verändert. Die aufstrebenden nordkoreanischen Geschäftsleute, die in der Ära von Kim Jong-il als ‘Geldfreunde’ bekannt waren, wurden zuweilen Opfer von Razzien und Unterdrückungen.

Unter der Herrschaft von Kim Jong-un wurde das harte Durchgreifen gegen Privatunternehmen völlig gestoppt. Das nordkoreanische Regime erkennt stillschweigend Privateigentum an und begrüßt die Kooperation von Geldgebern mit nationalen Unternehmen.”

► Laut der Analyse von Experten ist die Vermarktlichung Nordkoreas also bereits soweit fortgeschritten, dass sie nicht mehr umkehrbar ist. Mittlerweile sei es fast unmöglich geworden, den Markt zu kontrollieren oder zu unterdrücken.

Diese tiefgreifenden Veränderungen können ein Hinweis darauf sein, wie ehrlich Kim das Versprechen einer Denuklearisierung meint.

Warum die Atomwaffen weg müssen 

In seinem Bericht betonte Politikwissenschaftler Yoon, dass die Kontrolle der kommunistischen Machthaber über die Menschen abnimmt, wenn die Freiheit der Wirtschaft zunimmt.

► Er schloss daraus: “Das nordkoreanische Regime wird allmählich an einen Wendepunkt gelangen, das wird zu einer unvermeidlichen Realität werden.” 

Bereits im Mai 2015 sagte Kim Tae-hwan, Professor für koreanische Außenpolitik, dass Nordkoreas Vermarktlichung eine “wirtschaftliche Reform in der Phase der Liberalisierung” bedeute, sprich “die erste Phase der Systemtransformation”.

► Doch für diesen Vorgang sei ein Schritt erforderlich: der Verzicht auf Atomwaffen.

Die jüngsten Veränderungen in Nordkorea, die zu den innerkoreanischen Gipfeln und dem Treffen mit Trump führten, scheinen genau diese Vorhersagen zu bestätigen.

Von der Nuklearisierung zum Beginn Beginn der Verhandlungen

Kim erklärte 2013 seinen ehrgeizigen Plan, Nordkorea sowohl wirtschaftlich als auch nuklear zu entwickeln. Und tatsächlich scheint er seine beiden Ziele wohl einigermaßen erfüllt zu haben.

Zwar ist es nicht möglich, die wirtschaftliche Entwicklung in Nordkorea genau zu beobachten. Laut offiziellen Zahlen soll das kommunistische Regime unter Kims Machtübernahme jährlich zwischen fünf und zehn Prozent gewachsen sein. In Wirklichkeit war es aber vermutlich nur ein Prozent.

► Trotzdem: Im Vergleich zu den wirtschaftlichen Flauten in den 1990er und 2000er Jahren eine positive Entwicklung.

Fast alle Experten sind sich einig, dass wegen der Maßnahmen von Nordkoreas Machthaber gelungen ist, dass das Land den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1990er Jahre entkommen ist.

► Kims Mittel: Er schuf eine informelle Wirtschaft, die sich an der Nachfrage orientierte. Dazu kam ein Einstieg in den Auslandshandel mit China und weiteren Ländern.

Allerdings gibt es zahlreiche Hinweise, dass die internationalen Sanktionen erhebliche Auswirkungen auf Nordkoreas Wirtschaft gehabt haben. Nicht zu vergessen: die von der US-Regierung von Präsident Donald Trump im UN-Sicherheitsrat durchgesetzten Maßnahmen waren die stärksten in der Geschichte.

Wie will Kim seine Raketen einsetzen?

Sie verbieten die Einfuhr von Textilien aus Nordkorea und untersagen dem Land den Import von Erdgas und eingeschränkt auch den Öl-Import. Zugleich erweitern die Sanktionen die Möglichkeiten zur Inspektion von nordkoreanischen Schiffen auf hoher See und beenden Kooperationen mit nordkoreanischen Unternehmen weitestgehend.

Was die nukleare Entwicklung angeht: Pjöngjang hat bereits im vergangenen Jahr erklärt, das Programm sei vollendet.

Nach dem sechsten Atomtest im September, der laut offizieller Darstellung der erste mit einer Interkontinentalrakete gewesen sein soll, sowie den Raketentests von Hwasong-14 im Juli und Hwasong-15 im November teilte Nordkorea aus “historischem Anlass die Fertigstellung der nationalen Atomstreitkräfte” mit.

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Nordkoreanischer Raketentest im November 2017.

Technisch war und ist es schwierig, Nordkoreas Programm als “vollständig” anzusehen.

Das Problem ist aber ein anderes: Wo und wie wird Kim seine “fertigen” Atombomben benutzen? Wird er die USA angreifen? Oder wird er sie nur als Druckmittel für Verhandlungen verwenden?

Zumindest Pjöngjangs Antwort war eindeutig: Nordkorea erklärte sich selbst zur “Atomkraft” – und beschloss zugleich, mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln.

“Wenn der Markt stirbt, stirbt auch Kims Autorität”

Eine zentrale Szene in dem Annäherungsprozess war:

► Als Nordkorea Ende 2017 den Abschluss seiner atomaren Entwicklung verkündete, erklärte das Land zugleich, außerhalb von Pjöngjang eine “Wirtschaftsentwicklungszone” zu errichten und ausländische Investoren anlocken zu wollen.  

Der frühere südkoreanische Vereinigungsminister Lee Jong-seok hat die Absichten Nordkoreas dahinter analysiert. Ihm zufolge ist der nordkoreanische Wandel bereits seit längerer Zeit geplant. Eine der Kräfte, die zu den dramatischen und für alle überraschenden Veränderungen geführt hätten, war die Wirtschaft.

“Es ist schwer zu glauben, doch was er (Kim Jong-un, Anm. d. Red.) wirklich will, ist ein Sprung der nordkoreanischen Wirtschaft“, erklärte der Ex-Minister in einer Kolummne der linksliberalen südkoreanischen Zeitung “Hankyoreh” vom März.

Weiter heißt es dort: 

“Wenn es Kims Utopie wäre, dass die Menschen bloß drei Mahlzeiten am Tag bekommen, würde er die Denuklearisierung nicht angehen. Er träumt jedoch von einer nordkoreanischen Wirtschaft, die stärker wächst als die Wirtschaft Chinas und Vietnams. Glücklicherweise scheint er zu wissen, dass sich Nordkorea (...) regenerieren kann, wenn es den Wirtschaftssanktionen entkommen ist und diplomatische Beziehungen mit den USA aufgenommen hat. Das würde den Weg zu dieser Utopie ebnen.”

Auch die konservative Tageszeitung “Dong-a Ilbokommt zu einer ähnlichen Diagnose. In einer kürzlich erschienenen Kolumne wies das Blatt darauf hin: “Die mächtigste Kraft, die Kim Jong-un jetzt zu Zugeständnissen drängt, kommt aus Nordkorea – und nicht von US-Präsident Trump.”

Es bleibe “keine andere Wahl” für die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas als, die Normalisierung der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten anzustreben, heißt es bei “Dong-a Ilbo”.

Kim Jong-un fuhr die Kontrolle über die Märkte zurück. “Infolgedessen wuchs der nordkoreanische Markt enorm und wurde auf seine Art immer parteiischer”, erklärt die Zeitung.

“Die Menschen, die Kim beherrscht, sind die ‘Leute von Jangmadang’”, heißt es bei “Dong-a Ilbo”. Und warnt zugleicht: “Wer einmal gut gelebt hat, versucht nicht, den Gürtel wieder enger zu schnallen. In dem Moment, in dem der Markt stirbt, stirbt auch die Autorität von Kim Jong-un.”

Der Text erschien zuerst bei HuffPost Korea und wurde von Leonhard Landes und Marco Fieber übersetzt und bearbeitet.