POLITIK
04/04/2018 18:16 CEST | Aktualisiert 04/04/2018 18:24 CEST

Jagd auf Schwule: Über 100 Menschen aus Tschetschenien evakuiert

“Die Lage in Tschetschenien ist sehr unübersichtlich", sagt ein LGBT-Aktivist.

Anton Vaganov / Reuters
Eine LGBT-Parade in St. Petersburg wird von der Polizei bewacht
  • In der russischen Teilrepublik Tschetschenien sind seit April 2017 Homosexuelle gefangengenommen, gefoltert und in einigen Fällen auch umgebracht worden
  • Eine russische LGBT-Organisation hat deshalb Menschen aus der Region evakuiert – die meisten sind mittlerweile in den Westen geflüchtet

Genau vor einem Jahr erschütterte der erste grauenhafte Bericht die Weltöffentlichkeit: Die Behörden in der russischen Teilrepublik Tschetschenien machen Jagd auf Homosexuelle

Laut dem Russian LGBT Network (Russisches Lesbisch-Schwules-Bisexuelles-Transgender-Netzwerk) wurden seitdem mindestens 200 Menschen gefoltert, geschlagen oder bedroht. Mindestens vier Menschen sollen auch ermordet worden sein.

► Die Schwulenrechtsorganisation hat bei einer Pressekonferenz am Dienstag bekannt gegeben, dass sie seit Beginn der Verfolgungswelle 119 Menschen aus der muslimisch geprägten Region evakuiert hat. Die wird vom Putin-Getreuen und autokratischen Präsidenten Ramsan Kadyrow beherrscht. 98 Menschen haben demnach Russland bereits verlassen.  

Unter den Geretteten sind 41 Personen, die in Tschetschenien illegal festgehalten und gefoltert wurden. Die anderen seien bedroht worden, auch Familienmitglieder seien unter Druck gesetzt worden.

Besonders tragisch: Fünf Menschen haben die Hilfe des LGBT Networks zurückgewiesen, wie der Vorsitzender Igor Kotschetkow berichtete. Laut den Menschenrechtlern soll einer der Männer nicht mehr am Leben sein.

Dramatische Lage in Tschetschenien 

Vor allem Kanada hat die verfolgten Tschetschenen aufgenommen, etliche sind allerdings auch nach Deutschland geflüchtet. Berlin ließ die Betroffenen mit humanitären Visa einreisen.

► “Die Lage in Tschetschenien ist sehr unübersichtlich. Aber die wenigen Informationen, die wir direkt aus Russland bekommen haben, waren sehr dramatisch”, sagt Konstantin Sherstyuk von Quarteera. Der Berliner Verein engagiert sich gegen Homophobie in der russischsprachigen Community und betreut Homosexuelle, die aus Russland nach Deutschland geflohen sind.

“Die Verfolgung von Homosexuellen hat im Frühling vor einem Jahr begonnen, setzte während des Ramadan im Juni und Juli aus und ging anschließend wieder weiter”, erläutert Sherstyuk im Gespräch mit der HuffPost.

Die Doktrin von Kadyrow: “Schwule gebe es in Tschetschenien nicht. Und eine Verfolgung gebe es ebenso nicht”, erklärt der LGBT-Aktivist. Das zeigt auch die Reaktion des Republikfürsten auf die neuerlichen Vorwürfe.

Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitiert ihn mit den Worten: “Ich wiederhole, dass Männer in Tschetschenien nur eine Orientierung haben. Das beweist die Geburtsrate, die die höchste in Russland ist.”

Said Tsarnayev / Reuters
Tschetscheniens Präsident: Ramsan Kadyrow

Strafanzeigen versanden in der russischen Justiz 

Homosexuelle Tschetschenen sind selbst in Deutschland nicht völlig sicher. Mindestens einer ist von Landsleuten angegriffen worden. Auch deshalb betont Sherstyuk: “Für offen lebende Homosexuelle ist Tschetschenien sehr, sehr gefährlich. Sie werden von der Polizei verhaftet und erst nach Geldzahlungen freigelassen – mit einer Anweisung an die Familie, sich ‘zu kümmern’.”

Damit haben die Behörden in der extrem konservativen und patriarchalen Gesellschaft Tschetscheniens den Familien faktisch einen Freibrief für das Töten von schwulen oder bisexuellen Familienmitgliedern ausgestellt.

Zwar seien die massenhaften Hilfsgesuche laut den russischen Menschenrechtlern wieder abgeebbt, nachdem die Verfolgungen bekannt wurden. Das LGBT Network habe auch in einigen Fällen Strafanzeige gestellt. Doch Verfahren seien trotz vieler Beweise bisher nicht eingeleitet worden.

Zudem lägen dem Russia LGBT Network seit Januar Hinweise vor, dass aktuell einige lesbische und transsexuelle Frauen illegal festgehalten würden.

Laut Koschetkow seien die Frauen in Gefängnissen geschafft und dort von Sicherheitskräften geschlagen, gefoltert und auch sexuell missbraucht worden.

► Das Problem: Für die tschetschenischen Frauen ist es noch schwieriger, aus der Region im Nordkaukasus zu fliehen. Denn viele leben unter ständiger Kontrolle der Familie.

(ujo)