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05/02/2019 14:51 CET | Aktualisiert 05/02/2019 14:51 CET

Energiewende: Die Zeit der Kohle endet – kein Problem, sagt diese Stadt

Die Kohlekommission hat beschlossen: Im Jahr 2038 ist Schluss. Während die Politik jetzt entscheiden muss, wie es weitergehen kann, macht es Ibbenbüren längst vor.

RAG

Manchmal geschehen große Ereignisse ganz leise. Es ist ein bedeckter Sommertag Mitte August, als Reviersteiger Jörg Himbert und seine Mannschaft auf den Korb steigen. Mit acht Metern pro Sekunde rast er den Nordschacht hinab. Zu diesem Zeitpunkt ist er der tiefste aktive Schacht im deutschen Steinkohlenbergbau.

Und dann, in 1.335 Metern Teufe, Streb 9/10 Norden, Flöz 53, löst der Hobel zum letzten Mal das schwarze Gold aus dem Boden. Es ist staubig, es ist laut. Bis die Maschinen verstummen und das Förderband die letzten Brocken Ibbenbürener Anthrazitkohle davonträgt.

Tyler Larkin
Die von-Oeynhausen-Schachtanlage in Ibbenbüren ist der Hauptstandort des inzwischen stillgelegten Bergwerks.

Keine große Feier, keine Pressevertreter begleiten diesen historischen Augenblick. Als Zeichen des Respekts für die Mannschaft habe man sich entschieden, die letzte Förderschicht ohne viel Aufhebens zu begehen, heißt es in der erst Tage später veröffentlichten Pressemitteilung der RAG.

Da keine Medienvertreter die letzte Förderschicht des Bergwerks begleiten konnten, beziehen sich die Schilderungen zu Beginn dieses Textes auf die Informationen in der genannten Pressemitteilung sowie auf Angaben von RAG-Vertretern. Die Pressemitteilung wurde nicht im Internet veröffentlicht, sondern am 24. August 2018 per E-Mail an Pressevertreter versandt.

Vielsagend steht darin:

Im Angesicht der Stilllegung bewältigten die Bergleute diese Herausforderung unter schwierigen Bedingungen. Der Zusammenhalt ist hoch.aus der Pressemitteilung der RAG

Fünf Monate später, Januar 2019. Der deutsche Steinkohlenbergbau ist inzwischen offiziell beendet. Ibbenbüren im nördlichen Münsterland gehörte neben Prosper-Haniel in Bottrop zu den letzten beiden aktiven Zechen in Deutschland. Jetzt liegt das Bergwerk RAG Anthrazit scheinbar verlassen da. Schon heute wirkt es wie ein Stück Industriegeschichte.

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Dass unter Tage die Räumung der Grube stattfindet, ist für den Passanten an der langen, schnurgeraden Straße vor dem Werksgelände unsichtbar. Über Tage stehen die Fördertürme und Bandanlagen still. Nur selten sind vereinzelte Arbeiter zu sehen. Kurz huschen sie über das Gelände, um dann wieder in den alten Gebäuden und Anlagen zu verschwinden.

Hier waren im Jahr 1958 mehr als 8.000 Mitarbeiter beschäftigt, ehe es mit dem deutschen Steinkohlenbergbau bergab ging. 

Die Förderung von Steinkohle ist international schon seit Langem nicht mehr wettbewerbsfähig und wurde daher seit den 1950er-Jahren staatlich subventioniert.

Im Februar 2007 haben sich der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und das Saarland sowie die RAG AG und die Gewerkschaft IG BCE darauf verständigt, die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland zum Ende des Jahres 2018 sozialverträglich zu beenden. Eine sogenannte Revisionsklausel strich der Bundestag im Jahr 2011.

Damit war der Ausstieg endgültig besiegelt. Die letzten beiden Bergwerke schlossen im Jahr 2018 in Ibbenbüren und Bottrop, andere wurden bereits in den Jahren zuvor stillgelegt. Das Bergwerk Saar hatte seinen Betrieb im Jahr 2012 eingestellt. Einige Bergleute wechselten daraufhin auch nach Ibbenbüren.

Im Januar 2019 arbeiteten in Ibbenbüren noch 458 Menschen über und unter Tage.

Ein neuer Stadtteil entsteht

Der Pütt, wie die Menschen hier sagen, liegt auf einem Höhenzug im Norden des Stadtgebiets. Die Türme und Schornsteine des Bergwerks und des benachbarten Kraftwerks sind weithin sichtbar. Sie sind die Wahrzeichen der Stadt. Während der Nordschacht, wo die Bergleute eingefahren sind, eher unauffällig in der Nachbargemeinde Mettingen liegt, ist der Oeynhausen-Schacht der Hauptstandort des Bergwerks. Doch kaum einen Ibbenbürener, der hier nichts verloren hat, verschlägt es hierher.

In Zukunft wird sich das ändern. Denn bereits in wenigen Jahren wird hier nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Während die Kohlekommission im fernen Berlin bis zuletzt um Lösungen für die Zeit nach der Kohle gerungen hat, ist der Wandel in Ibbenbüren schon im vollen Gange.

Was will die Kohlekommission?

Die “Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung” wurde im Juni 2018 von der Bundesregierung eingesetzt und hat Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen und Umweltverbänden.

Am 26. Januar 2019 verständigten sich die Mitglieder darauf, bis spätestens Ende 2038 ganz aus der Kohle auszusteigen. Dabei sollen private Haushalte und Wirtschaft von steigenden Strompreisen entlastet werden. Vom Kohleausstieg betroffene Bundesländer erhalten Hilfen in Höhe von insgesamt 40 Milliarden Euro.

Drei Kilometer vom Bergwerk entfernt, im Technischen Rathaus, befindet sich das Büro von Uwe Manteuffel. Vor wenigen Wochen haben er und seine Kollegen den Masterplan für die Zeit nach dem Bergbau fertiggestellt.

Der Masterplan ist das Gesamtkonzept für die Entwicklung der beiden Schachtanlagen von Oeynhausen in Ibbenbüren und Am Nordschacht in Mettingen. Der Masterplan ist ein rechtlich nicht verbindliches Planungsinstrument.

Es geht mehr um einen konzeptionellen Korridor, auf dem die weiteren planerischen Verfahren und die spätere bauliche Umsetzung aufbauen können. Der Masterplan ist der letzte Planungsschritt der Schnittstelle Kohlekonversion. Zuvor hatte sie im Jahr 2016 eine 132 Seiten lange Potenzialanalyse erstellt.

Als Leiter der sogenannten Schnittstelle Kohlekonversion managt Uwe Manteuffel den Strukturwandel in der Region. Und das bereits seit acht Jahren.

Als Verwaltungsmensch agiert er eher im Hintergrund. Trotzdem kennt jeder Zeitungsleser in der Stadt seinen Namen und weiß, wofür der sperrige Ausdruck “Schnittstelle Kohlekonversion” steht.

Die frühzeitig ins Leben gerufene Institution vermittelt zwischen allen Beteiligten in der Region, also zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft, RAG und nicht zuletzt den Bürgern, die von Anfang an mitgestalten konnten. Im Rathaus hat man früh verstanden: Dieser Wandel kann nur gelingen, wenn er gemeinschaftlich gedacht wird.

Stadt Ibbenbüren
Uwe Manteuffel ist Geschäftsführer der Schnittstelle Kohlekonversion.

Der Wandel der Kohleregion Ibbenbüren ist von langer Hand geplant, seit dem Jahr 2011, als der Ausstieg aus der Steinkohle endgültig beschlossene Sache war. “In dem Moment war klar, dass wir den Schalter umlegen müssen”, sagt Uwe Manteuffel.

Seitdem sei es nicht mehr darum gegangen, für den Erhalt des Bergbaus weiterzukämpfen, sondern darum, alles zu tun, um den Wandel zu gestalten. Noch mitten im laufenden Zechenbetrieb saßen Stadt und RAG schon an einem Tisch, um eine Zukunftsvision zu entwerfen.

Uwe Manteuffel erzählt, er sei gelegentlich mit Kollegen aus den Braunkohlerevieren in der Lausitz im Gespräch. “Die haben den Beschluss nicht.” Der Kohleausstieg kommt, aber planbar ist er für die Regionen ohne festen Termin bisher nur schwer. Für die Gestaltung des Strukturwandels sei das nicht förderlich, sagt Uwe Manteuffel.

Die Bundesregierung arbeitet daran. Die von ihr eingesetzte Kohlekommission hat in der Nacht zum 26. Januar ein Ausstiegsszenario erarbeitet. Jetzt steht fest: Spätestens im Jahr 2038 soll in Deutschland Schluss sein mit der Kohle.

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– Hintergründe, Zusammenhänge, Lösungsorientiert –

 

Nun ist die Politik am Zug. Sie muss die Empfehlungen der Kommission schließlich umsetzen. Noch hängen Zehntausende Arbeitsplätze direkt oder indirekt an den Braunkohlerevieren in NRW, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Können diese Regionen von den Erfahrungen in Ibbenbüren profitieren?

Eine unbekannte Stadt im Aufwind

Die 54.000-Einwohner-Stadt im Tecklenburger Land steht eher selten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Ein Grund dafür könnte die geografische Lage sein. Ibbenbüren, rund 20 Autominuten vom niedersächsischen Osnabrück entfernt, ist nicht das Ruhrgebiet. Kaum jemand, der nicht von hier kommt, bringt die Stadt mit dem Bergbau in Verbindung.

Doch es könnte noch einen zweiten Grund für die Unaufmerksamkeit geben, die die Stadt erfährt. Denn die letzten Jahre des Steinkohlenbergbaus sind hier weitgehend geräuschlos verlaufen. Keinem Bergmann droht die Arbeitslosigkeit. Die Mitarbeiterzahl wurde langfristig und sozialverträglich abgebaut. Viele Bergleute wurden mit 50 Jahren frühverrentet.

Das Land NRW und der Bund haben viel Geld in die Hand genommen, um soziale Härten zu vermeiden. Niemand soll ins Bergfreie fallen, lautete die Zielsetzung im Fachjargon.

Das ist schon eine ganz ungewöhnliche Entwicklung, die wir hier haben.Marc Schrameyer, Bürgermeister

Verbliebene, jüngere Mitarbeiter finden in der Regel problemlos neue Jobs. Der Wirtschaft in der Region geht es blendend. “Wir haben den Verlust an Arbeitsplätzen im Bergbau in den letzten Jahren mehrfach allein in Ibbenbüren kompensiert”, sagt Bürgermeister Marc Schrameyer.

Tatsächlich haben Ibbenbüren und der Kreis Steinfurt eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz NRW. Während die Quote in der Metropolregion Ruhr bei durchschnittlich 8,7 Prozent liegt, könnte die Arbeitslosigkeit in Ibbenbüren schon bald bei unter drei Prozent liegen. Das erwartet jedenfalls Bürgermeister Marc Schrameyer. Ihm kommen die frei werdenden Gewerbeflächen auf dem Bergwerksgelände gerade recht, sagt er.

RAG
Ein Blick auf das gesamte Areal: Vorne liegen die Verwaltungsgebäude der RAG, nördlich der Straße das Werksgelände, dahinter die Kohlehalden. Rechts ist das benachbarte Kraftwerk zu sehen. 

Das Areal ist so groß wie 70 Fußballfelder. Es wird nicht zu einer tristen Industriebrache verkommen. In den nächsten Jahren, sobald der Rückzug aus dem Bergwerk abgeschlossen ist, entsteht hier ein Gewerbepark mit einem Gründer- und Innovationszentrum.

Die Bergbautradition bleibt sichtbar, denkmalwürdige Gebäude bleiben stehen. Bergbaumuseum und der traditionsreiche Knappenverein finden hier einen Platz.

Der Knappenverein Tecklenburger Land wurde im Jahr 2000 gegründet. Seitdem haben sich aktive und ehemalige Bergleute einmal im Monat zum Knappenstammtisch getroffen und darüber hinaus Feste und Gottesdiente ausgerichtet. Trotz der Stilllegung der Zeche wird der Verein weiter bestehen und in Zukunft auf dem neu gestalteten Areal residieren.

Kultur, Bildung, Freizeitgestaltung, Natur, Gewerbe – alles ist dann an einem Ort, der für die meisten Ibbenbürener irgendwie vertraut und doch Neuland ist. Auf dem Gelände selbst waren die wenigsten von ihnen schon einmal. Von außen versperren Mauern den freien Blick. Den Pütt kennen die meisten vor allem aus den Erzählungen der Väter, Onkel und Großeltern sowie als Landmarke, wenn sie aus dem Fenster schauen.

Immer mehr Menschen ziehen nach Ibbenbüren

Der Bergbau geht, zurück bleibt eine Region im Aufwind. Ibbenbüren hat in den vergangenen 30 Jahren nach Aussagen des Bürgermeisters 10.000 Einwohner hinzugewonnen. Mit der Bevölkerungszahl stieg auch die Zahl der Beschäftigten.

Wer in die Stadt kam, hatte Arbeit. Ibbenbüren ist keine Großstadt und keine Universitätsstadt. Aber es ist eine Stadt mit 2.250 Gewerbebetrieben, mit mittelständischen Familienunternehmen und sogar einigen Weltmarktführern.

Mehrere Unternehmen in Ibbenbüren und im Umland sind in ihrer Branche deutschlandweit, europaweit oder sogar weltweit führend. Dazu zählt etwa Crespel & Deiters, ein Spezialist für weizenbasierte Produkte wie Stärke und Wellpappenkleber. Die BA Unternehmensgruppe ist Marktführer in der Impfstoffversorgung in Deutschland. In Mettingen, einer Nachbarkommune Ibbenbürens, hat der Backwarenhersteller Coppenrath & Wiese seinen Sitz. Das Ibbenbürener Chemieunternehmen AkzoNobel ist europäischer Marktführer unter anderem für Industriesalz, Chlor und Kalilauge.

Perspective Daily

Die Nachfrage nach Fachkräften sei riesig, sagt Bürgermeister Marc Schrameyer. “Das ist schon eine ganz ungewöhnliche Entwicklung, die wir hier haben.” Der Strukturwandel in der Region ist eigentlich schon abgeschlossen, bevor die Zeche überhaupt stillgelegt wurde. Das Timing stimmt bis zum finalen Beschluss im Rathaus.

Eine Woche, bevor in Bottrop das letzte in Deutschland geförderte Stück Steinkohle an den Bundespräsidenten übergeben wurde, verabschiedete der Stadtrat Ibbenbüren den “Masterplan von Oeynhausen”.

Kritische Stimmen begleiten den Wandel

Trotzdem wird das Ende des Bergbaus auch von einigen kritischen Stimmen begleitet. “Der Bergbau geht – der Schaden bleibt”, prangte kürzlich an prominenten Plakatwänden im Stadtgebiet. Die “Bürgerinitiative Bergbaubetroffener” machte damit auf die Bergschäden aufmerksam und setzte sich für angemessene Schadenersatzansprüche ein.

Mit Bergschäden sind die Schäden an Gebäuden, Grundstücken oder Straßen gemeint, die auf bergbauliche Aktivitäten zurückzuführen sind. Die RAG haftet dafür – und das sogar noch lange nach der Schließung des Bergwerks.

Auch der Weiterbetrieb des Kraftwerks wird kritisch gesehen. Wenn die eigenen Kohlevorräte aufgebraucht sind, wird die RWE das Kraftwerk mit importierter Kohle weiterbetreiben. Sie gelangt nach weiten Wegen aus Polen, Australien und anderen Weltregionen über die niederländischen Häfen in Amsterdam, Antwerpen und Rotterdam nach Ibbenbüren.

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Von dort wird sie über den Mittellandkanal und schließlich – zum Zorn einiger Anwohner – auf Zügen über die steile Trasse der RAG-Zechenbahn hergebracht. Das ist immer noch günstiger als die Nutzung der hochwertigen Anthrazitkohle aus dem heimischen Boden.

Der Steinkohleausstieg ist also kein echter Ausstieg. Zwar sinkt der Anteil der Braun- und Steinkohle an der Stromerzeugung. Im vergangenen Jahr machte Braunkohle 24 Prozent am deutschen Strommix aus.

Der Anteil der Steinkohle lag bei 14 Prozent. Der Anteil der erneuerbaren Energien stieg auf 40 Prozent. Doch die Kohleverstromung in Ibbenbüren wird weitergehen. Wie lange noch, das weiß bisher niemand so genau. Die Planungen für die Zukunft des Zechengeländes wurden dadurch erschwert. Denn es ist unklar, welche Teile des Kraftwerk-Areals wann zur Verfügung stehen werden.

Stefan Boes
Der Eingangsbereich des Bergwerks wird auch in Zukunft der Zugang zum neuen Gewerbepark sein. Die denkmalwürdigen und ortsbildprägenden Gebäude bleiben erhalten.

Das Erfolgsgeheimnis von Ibbenbüren

Doch trotz allem ist das Konfliktpotential in Ibbenbüren insgesamt überschaubar. Die momentan vorherrschende Gemütslage ist eine Mischung aus Wehmut, Dankbarkeit und Aufbruchstimmung. Natürlich lässt sich eine positive Entwicklung wie die in der Kohleregion Ibbenbüren nicht 1:1 auf andere Regionen übertragen.

In Ibbenbüren gab es schon immer eine starke mittelständische Wirtschaft. Außerdem ist die Stadt geografisch und infrastrukturell bestens angebunden: an die Autobahnen A1 und A30, an die Bahnstrecke Amsterdam–Berlin, an den Dortmund-Ems-Kanal und den Mittellandkanal, an den 20 Kilometer entfernten Flughafen Münster Osnabrück.

Das ist in den ostdeutschen Braunkohlerevieren anders. In Sachen Infrastruktur und Innovationskraft schneiden sie deutlich schlechter ab, wie Studien zeigen. Deshalb ist der Strukturwandel in diesen Regionen eine besonders große Herausforderung.

Trotzdem kann Ibbenbüren als Vorbild dienen. Frühzeitige Planung, die Bündelung aller Interessen und Akteure an einer Stelle, Wirtschaftsförderung mit klugen Standortentscheidungen und nicht zuletzt eine optimistische Grundhaltung – all das ist übertragbar auf andere Regionen.

Als wichtigsten Erfolgsfaktor nennt Uwe Manteuffel die Einrichtung der von ihm geleiteten Schnittstelle Kohlekonversion. “Das hat so bisher kein anderer Standort auf die Reihe gekriegt”, sagt er, ohne dabei überheblich zu klingen. Übrigens geht die Schnittstelle auch in einem anderen Bereich neue Wege: Im Team gibt es mehr Frauen als Männer. Das kommt in der kommunalen Verwaltung selten vor.

Die Bürger reden mit

Besonders wird es auch darauf ankommen, die Bevölkerung einzubeziehen. In Ibbenbüren ist das geglückt. Das sieht auch der NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann von der CDU so. Er ist in einem Nachbarort von Ibbenbüren zu Hause und hat die Verhandlungen über die Zechenschließungen lange politisch begleitet.

“Bemerkenswert ist, dass die Region in einem umfangreichen Beteiligungsverfahren die Menschen mitgenommen hat. Das begrüße ich sehr, denn ihnen wurde die Gelegenheit gegeben, ihre Heimat aktiv mitzugestalten”, sagt er.

Karl-Josef Laumann ist sicher, dass die Region den wirtschaftlichen Verlust durch das Ende des Bergbaus kompensieren wird. Und dass andere Regionen von Ibbenbüren lernen können, indem sie auf Vielfalt und regional verwurzelte Unternehmen setzen.

Erfolgreiche Regionen wie das Münsterland haben in der Vergangenheit auf einen vielfältigen Branchenmix gesetzt und insbesondere für eigentümergeführte Mittelstandsunternehmen attraktive Rahmenbedingungen geboten. Ich bin sehr froh, dass die Kommunen sich dabei in der Vergangenheit nicht nur auf Unternehmen in den Bereichen Dienstleistung und Handel konzentriert haben. Es wurden immer auch Flächen für Industrieunternehmen zur Verfügung gestellt.Karl-Josef Laumann, NRW-Arbeitsminister

Er räumt aber ein, dass es dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen braucht. “Einige Braunkohlereviere haben hier sicherlich bessere Startvoraussetzungen als andere”, sagt Karl-Josef Laumann

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Nun beginnt der emotionale Kulturwandel

Die Kohleregion Ibbenbüren hat den Strukturwandel bis hierhin gut gemeistert. Nun steht der Region aber noch ein weiterer Wandel bevor. Der emotionale, soziale Kulturwandel in der jahrhundertelang vom Bergbau geprägten Region lässt sich nicht einfach mit einer Schnittstelle planen. Es gibt kaum eine Familie in Ibbenbüren ohne Beziehung zum Pütt. Der Bergbau gehört zum sozialen Erbe der Region.

Das wurde vielleicht am deutlichsten sichtbar, als kurz vor der Schließung, im November 2018, 2.500 Menschen zu einer großen Abschiedsveranstaltung auf das Zechengelände kamen. Als es dunkel wurde, wanderten Lichtspiele über die zum Teil fast 100 Jahre alten Gebäude. Und irgendwann standen alle beisammen und sangen das Steigerlied.

RAG
Der Nordschacht in Mettingen wurde für die Personen- und Materialförderung genutzt. Hier fand im August 2018 die letzte Schicht statt.

Da konnte man spüren: Es verschwindet nicht nur eine prägende Industrie, ein großer Arbeitgeber und das Selbstverständnis einer Region, die tief mit dem Bergbau verbunden ist. Es verschwindet auch etwas, das viele Menschen in der heutigen Gesellschaft vermissen und das die Bergleute immer besonders ausgezeichnet hat: Zusammenhalt.

Den brauchten auch die Mitglieder der Kohlekommission. Sie haben bis zuletzt um einen Ausstiegsplan gerungen, der von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft getragen wird und zugleich die Einhaltung des deutschen Klimaziels ernst nimmt. Ob das gelungen ist, werden die weiteren Diskussionen in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Vor allem aber hängt es davon ab, mit welcher Entschlossenheit die verantwortlichen Politiker nun handeln. Ein Blick nach Ibbenbüren könnte ihnen Mut machen. 

Du willst noch mehr über Vorreiter in Sachen Energiewende lesen? Wir waren schon mal im Kreis Steinfurt unterwegs und haben recherchiert, wie Steinfurt zum Vorreiter beim Thema Nachhaltigkeit geworden ist und wie das auch in anderen Regionen gelingen kann.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(ujo)