POLITIK
16/04/2018 10:05 CEST | Aktualisiert 16/04/2018 10:18 CEST

Islam-Experte erklärt, warum Muslime ihre Religion früher lockerer nahmen

Der Westen spielt demnach in der Entwicklung eine wichtige Rolle.

AHMAD AL-RUBAYE via Getty Images
Schiitische Muslime beten im April 2018 in der Musa al-Kadhim's Mosche im Irak
  • Muslime haben ihre Religion früher lockerer gesehen als manche moderne Menschen, glaubt ein Islamwissenschaftler
  • Bei der Entwicklung hätten auch Entwicklungen in Europa eine Rolle gespielt

Die muslimische Welt war früher toleranter als heute, argumentierte der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer am Sonntag im Deutschlandfunk. Über die vormoderne islamische Welt zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert – einer Zeit, die sich teils mit dem europäischen Mittelalter überschneidet – sagte Bauer: 

“Damals gab es eine große Bandbreite an Verhaltensweisen und Meinungen, die man hingenommen hat, auch wenn es nicht die eigenen waren und die Religion hat man wesentlich lockerer gelebt als heute – man hat nicht behauptet zu wissen, was jeder Koran-Vers genau heißt, sondern gesagt, da gibt es unterschiedliche Interpretationen.”

Toleranz auf dem Rückzug

Die Fähigkeit, mit solchen Verschiedenheiten und Ungewissheiten umzugehen,  habe, ”überall heute in unserer Gegenwart” abgenommen.

Heute existieren im Islam verschiedene Denkschulen, die sich teils stark voneinander unterscheiden. Immer wieder kommt es deswegen zu Spannungen zwischen den Anhängern.

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Der Koran – das muslimische Pendant zu Bibel – gilt Muslimen als wörtliche Offenbarung Gottes. Fundamentalisten greifen sich daher gerne einzelne Sätze heraus, um ihre Thesen zu untermauern, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Jede Interpretation des Koran gilt Konservativen als Frevel.

Intoleranz made in Europe

Ausgerechnet ein europäischer Reformer hat nach Bauers Ansicht in Europa die gegensätzliche Entwicklung eingeläutet: Martin Luther. 

► Luther stand für das Prinzip “sola scriptura”, was so viel bedeutet wie “allein durch die Schrift”. Damit habe sich die Idee durchgesetzt, die Bibel könne eindeutig ausgelegt werden.

Der Professor für Islamwissenschaft und Arabistik verweist darauf, dass heute islamische Fundamentalisten ebenfalls davon ausgingen, der Koran sei eindeutig. “Schon nach einer Minute Lektüre des Korans sieht man, dass das nicht stimmen kann.”

Außerdem führten große gesellschaftliche Umbrüche laut Bauer dazu, dass sich die Stimmung drehte:

► Die westliche Dominanz habe in den islamischen Gesellschaften sei ab etwa 1850 zum Zusammenbrechen alter Gewissheiten geführt. Und damit zur Verunsicherung. Also zum Klammern an das, was man für richtig hält.

“Das heißt, man schafft sich einen Islam als Ideologie – einen ‘Disney-Islam’ –, also einen, den es nie gegeben hat, den man aber wörtlich befolgen will.”

► Auch die Blüte der Naturwissenschaften habe zu der Vorstellung geführt, dass alles eindeutig, belegbar, erforschbar sei.

► Der Kapitalismus habe schließlich suggeriert, dass alles in Zahlen zu fassen sei.

Höflichkeit als Trainingsmethode

Menschen, das ist kein Geheimnis, haben es gerne eindeutig, überschaubar. Es ist ein Grund, warum Stereotype sich so hartnäckig halten. 

Doch der Forscher glaubt, dass man durch Maßnahmen wie Höflichkeit und Hilfsbereitschaft trainieren könne, mehr Verschiedenheit auszuhalten, “weil man gelernt hat, Dinge zu wollen, die dem augenblicklichen Interesse vielleicht widersprechen.”

(tb)