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26/08/2018 16:54 CEST | Aktualisiert 26/08/2018 16:54 CEST

Vereine in Deutschland organisierten Jugendreisen zu Dschihadisten-Imam

HuffPost-Exklusiv: Nurettin Yildiz unterhält dubiose Verbindungen zu Islamisten in Syrien, doch bei einigen deutschen Milli-Görus-Verbänden gilt er als "ehrbarer Lehrer".

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Eine Gruppe aus Köln bei dem umstrittenen Prediger Nurettin Yildiz.

Der Islam in Deutschland hat ein Image-Problem

Imame, die für die türkische Regierung spioniert haben, politisch verbrämte Freitagsgebete, fundamentalistische Tendenzen: Die Negativschlagzeilen um muslimische Verbände in Deutschland reißen nicht ab.

Auch die Organisation Milli Görüs (deutsch “Nationale Sicht”, IGMG), die ihre Wurzeln in der Türkei hat, steht dabei im Fokus. Die IGMG ist die zweitgrößte muslimische Religionsgemeinschaft in Deutschland.

Der Bundesverfassungsschutz beobachtet die Gruppierung wegen ihrer islamistischen Tendenzen – dennoch ist sie Mitglied des Islamrats der Bundesrepublik. In den vergangenen Jahren verpasste sich Milli Görüs einen moderateren Anstrich – ein Ende der Verfassungsschutzbeobachtung steht im Raum.

► Doch wie aufrichtig ist dieser Image-Wandel?

Recherchen der HuffPost zeigen, dass mehrere Ortsvereine von Milli Görüs in Deutschland über mehrere Jahre hinweg Reisen von Jugendlichen aus Deutschland zum umstrittenen islamistischen Prediger Nurettin Yildiz in die Türkei organisierten.

Das dokumentieren zahlreiche Fotos und Social-Media-Posts, die die HuffPost ausgewertet hat.

Er wirbt für Kinderehe, Gewalt gegen Frauen und den Dschihad

Yildiz sorgt seit Jahren international für Schlagzeilen.

Im Jahre 2015 empörte der Kleriker mit der Aussage, Kinder könnten bereits “vor der Pubertät heiraten“. Der 58-Jährige aus dem türkischen Trabzon bezeichnete die hypothetische Ehe eines 7-jährigen Mädchens mit einem 25-jährigen Mann als unproblematisch. “Für Muslime, die an den Koran glauben, gibt es kein Alterslimit beim Heiraten.“

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Yildiz leitet in Istanbul eine religiöse Stiftung namens Sosyal Doku, zu Deutsch: “Soziales Netzwerk”. In Videobotschaften wendet er sich auch über das Internet regelmäßig an Türken in der Diaspora.

In einem seiner Videos sagte der Prediger: “Allah hat uns gesagt, Frauen zu schlagen. Frauen sollten dankbar sein, dass ihre Männer sie schlagen.“

In der Türkei wurde zuletzt gar Anklage gegen Yildiz erhoben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan – früher ein Sympathisant des Predigers – tadelte den Imam im März mit den Worten: “Solche Prediger haben keinen Platz in unserer Religion.” 

Doch nicht nur seine radikale Haltung gegenüber Frauen macht Yildiz zu einer kontroversen Figur. Experten wie der im schwedischen Exil lebende türkische Journalist Abdullah Bozkurt werfen Yildiz vor, Kontakte zu dschihadistischen und islamistischen Kräften in Syrien zu unterhalten.

Der mittlerweile im Gefecht getötete Mitgründer der Miliz Ahrar asch-Scham, Hassan Aboud, postete so einmal ein Foto, das mutmaßlich in Idlib aufgenommen wurde, das ihn mit Yildiz zeigt.

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Yildiz erklärte nach dem Tod des Kommandanten in einem Brief, die beiden hätten über den “Dschihad gegen Ungläubige” gesprochen – Abouds Märtyrer-Tod sei ein großer Verlust.

Abdullah Muhaysini, ein Anführer der dschihadistischen Miliz Hayat Tahrir Al-Sham erwähnte Yildiz’ Schriften zudem lobend in einem seiner Propagandavideos. 

“Wir haben unseren ehrbaren Lehrer besucht”

Für Milli Görüs ist das offenbar keine rote Linie.

Ortsvereine in Braunschweig, Hannover und Köln haben in den vergangenen Jahren Fotos veröffentlicht, die Gruppen junger Männer mit dem Prediger zeigen. Augenscheinlich wurden die meisten in den Räumlichkeiten der Sosyal-Doku-Stiftung in Istanbul aufgenommen.

Die Kölner Jugendorganisation der IGMG postete so am 12. Oktober 2016 Fotos einer Gruppe bei Yildiz auf Facebook. Dazu heißt es: ”Wir haben unseren sehr ehrbaren Lehrer Nureddin Yildiz während unserer Türkei-Reise besucht. (...) Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft, die die Sosyal-Doku-Stiftung uns gezeigt hat.”

Auch Yildiz veröffentlichte am selben Tag ein Foto von der Gruppe. Schrieb, diese sei von der Kölner Milli-Görüs-Organisation aus Deutschland gekommen.

Screenshot Facebook

Eine weitere Reise in die Türkei dokumentierte auch die IGMG-Jugend aus Hannover am 12. Mai 2017. Unter mehreren Fotos einer Gruppe Jugendlicher bei Yildiz steht ausdrücklich, die Milli-Görüs-Jugend in Hannover habe “einen Ausflug nach Istanbul organisiert”.  

Yildiz habe den Teilnehmern geholfen, ihren “religiösen Horizont” zu erweitern.

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Mehrere Monate später postete der Hannoveraner Ortsverein auch noch ein Video mit dem Titel “Zusammenfassung unserer Istanbul-Reise”, in dem Yildiz vor einer Gruppe Jugendlicher spricht.

Ein Besuch der Braunschweiger IGMG-Organisation bei Yildiz datiert offenbar auf den April 2017.

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Ortsvereine waren für Veranstaltungen verantwortlich

Auf Anfrage der HuffPost erklärt das Generalsekretariat von Milli Görüs, die Veranstaltungen seien nicht zentral von der IGMG organisiert worden. “Aktivitäten dieser Art werden aus privaten Mitteln der Initiatoren vor Ort finanziert.”

Eine Kontrolle von Veranstaltungen der einzelnen Ortsvereine und deren Aktivitäten in den sozialen Medien durch das Generalsekretariat finde nicht statt.

“Wir hatten bis zu Ihrer Anfrage keine Kenntnis von Veranstaltungen und Reisen mit und zu dieser Person”, heißt es weiter. Über die umstrittenen Verbindungen von Yildiz nach Syrien sei zudem nichts bekannt.

Bei Milli Görüs spricht man von “Einzelfällen”. Die IGMG habe 160.000 Mitglieder, unterhalte 586 Moscheen und 2.415 Zweigstellen. Die betroffenen Ortsvereine ließen eine Anfrage unbeantwortet.

Dennoch scheint offenkundig, dass Kreise im IGMG-Netzwerk offene Sympathien für den fundamentalistischen Kleriker hegen.

So finden sich auf scheinbar offiziellen Social-Media-Kanälen verschiedener IGMG-Ortsvereine nicht nur Bilder von Veranstaltungen mit Yildiz, sondern auch Grußbotschaften des umstrittenen Predigers – und immer wieder Zitate Yildiz’.

Offenbar gibt es also durchaus einen gemeinsamen ideologischen Grund. 

Erst kürzlich war zudem publik geworden, dass auch aus den Niederlanden mehrfach Jugendreisen durch Milli Görüs zu Nurettin Yildiz organisiert wurden.

Laut der Zeitung “NRC” seien Jugendliche in Camps in Istanbul untergebracht worden, die von “Predigern mit radikalen Ansichten geleitet werden” – darunter Yildiz. 

Linken-Politikerin Dagdelen kritisiert “islamistische Hirnwäsche”

Auch in Deutschland kommen damit unbequeme Fragen auf: Wusste das Generalsekretariat der Islamgemeinschaft wirklich nichts von den Aktivitäten der eigenen Ortsvereine? Oder sorgt sich Milli Görüs um ihr bereits zerkratztes Image?

Die Organisation, die auf Erdogans politischen Ziehvater Necmettin Erbakan zurückgeht, gilt als “islamistisch” aber nicht gewaltaffin. In den vergangenen Jahren deutete die Führung öffentlich Reformwillen an. 

Verstrickungen mit radikalen Kräften im Ausland könnte da Glas zerschlagen – und die Diskussion neu anheizen, wie Deutschland mit fortschrittsfeindlichen Strömungen innerhalb des Islams umgehen soll.

Linken-Vize-Fraktionsvorsitzende Sevim Dagdelen sagte der HuffPost: “Es ist grotesk, dass von Ankara aus gesteuerte islamistische Verbände Premiumpartner der Bundesregierung in der Deutschen Islamkonferenz sind.”

Anadolu Agency via Getty Images

Für Dagdelen gehört Milli Görüs zum “Erdogan-Netzwerk in Deutschland”.

“Wer Kinder und Jugendliche zu All-Inclusive-Hassreisen und islamistischer Gehirnwäsche in die Türkei schickt, ist wie Erdogans Schlägerbande Osmanen Germania ein Fall für die Sicherheitsbehörden”, kritisierte die Linken-Politikerin. 

(ujo)