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08/08/2018 17:17 CEST

Islamforscher über Scharia: Warum deutsche Richter sie jeden Tag anwenden

“Die Scharia ist nicht mehr blutrünstig-mittelalterlich."

justhavealook via Getty Images
Zwei Frauen mit Kopftüchern in Essen. 
  • Islamforscher Jörn Thielmann erklärt in einem Interview, warum Richter in Deutschland täglich die Scharia berücksichtigen müssen.
  • Er sagt auch, in welchen Fällen das nicht der Fall sein darf. 

Die Scharia ist in Deutschland zum Kampfbegriff geworden. Gerade die AfD wettert häufig gegen das islamische Rechtssystem, das allgemein unter dem Wort Scharia gefasst wird. 

Einer der umstrittensten Fälle: 2007 wollte sich eine marokkanische Frau von ihrem Ehemann scheiden, weil der sie misshandelte. Ein Gericht lehnte die vorzeitige Scheidung ab. Die Begründung der Richterin bezog sich auf die Abstammung des Ehepaares: 

“Für diesen Kulturkreis ist es nicht unüblich, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt.”

Der Fall war ein Skandal.Darf die Scharia auch in Deutschland gelten?

Der Islam-Wissenschaftler Jörn Thielmann vom Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) erklärt in einem aktuellen Interview mit der “Welt”, warum deutsche Richter täglich die Scharia anwenden würden, warum sie das sogar müssten und warum der Frankfurter Fall ein rechtlicher Fehler gewesen war. 

“Die Scharia ist nicht mehr blutrünstig-mittelalterlich”

Dazu muss man wissen: Die Scharia ist kein Gesetzbuch, sondern ein Normensystem, das religiöse Vorschriften zu Ernährung und Gebet umfasst, aber auch den Umgang etwa mit Dieben. Die Regelungen stammen aus dem Koran oder der Sunna, den Überlieferungen zum Leben des Propheten Mohammed.

Thielmann betont, die düstere Vorstellung mancher in Deutschland, die Scharia bestehe nur aus Handabhacken, sei falsch. “Die Scharia ist im Mittelalter entstanden, sie ist aber nicht mehr blutrünstig-mittelalterlich”, sagt er. 

Wenn die Scharia in die islamische Tradition und aktuelle Lehre eingebettet sei, “dann können Sie Handabhacken als Strafe nicht mehr verhängen”.

Zu extremen Formen der Scharia wie bei den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) komme es, wenn dieser Bezug fehle oder die Scharia wortwörtlich ausgelegt werde. 

Warum deutsche Richter die Scharia manchmal anwenden müssen 

Wie kommt es nun dazu, dass ein deutscher Richter die Scharia berücksichtigen muss? Jeden Tag, wie der Forscher sagt?

Thielmann erklärt: “Die Rechtsbeziehungen von Menschen, die aus Ländern mit anderen Rechtsordnungen zu uns kommen, sind schützenswert.”

► Der Islamwissenschaftler nennt auch ein Beispiel: 

“Wenn sie nach islamischem Recht in Marokko heiraten und sich schließlich in Deutschland scheiden lassen, wird ihre Ehe von einem deutschen Gericht nach marokkanischem Recht bewertet. Es sei denn, sie sind mittlerweile deutsche Staatsbürger, dann gilt dies nicht mehr.”

Wichtig aber ist: Das Urteil muss auch mit deutschem Recht vereinbar sein. Und im Strafrecht gilt ausschließlich deutsches Recht.

Über das Frankfurter Urteil von 2007 sagt Thielmann daher: “Das ging gar nicht. Und das Urteil war auch wirklich nicht mit deutschem Recht vereinbar.”