POLITIK
30/03/2018 16:20 CEST | Aktualisiert 31/03/2018 09:05 CEST

Islam und Judentum haben viel mehr gemeinsam, als viele denken

10 Dinge, die Muslime und Juden einen.

Adam Berry via Getty Images
2015 fuhren Rabbi Daniel Alter (2015) und Imam Ferid Heider in Berlin Tandem

Die antisemitischen Drohungen muslimischer Schüler auf deutschen Schulhöfen beherrschen seit einer Woche die öffentliche Diskussion in Deutschland. Der blutige Nahost-Konflikt ist seit Jahrzehnten Thema der Hauptnachrichten.

Es sieht so aus, als könnten Muslime und Juden nicht zueinander kommen. So viel trennt die Communitys politisch, seit vielen Jahrhunderten

Was viele nicht wissen: Aus religiöser Sicht gibt es viele Gemeinsamkeiten.

“Es verbindet uns mehr, als uns trennt”

“Es gibt viel mehr, das uns verbindet als uns trennt”, schrieben Rabbi Marc Schneider und Imam Shamsi Ali in der HuffPost US. “Tatsächlich steht in der Thora oder im Koran nicht, was uns dazu verdammt, Feinde zu sein.”

Der Koran ist das Heilige Buch der Muslime. Die Thora entspricht den fünf Büchern Mose des christlichen Alten Testaments und ist Teil der jüdischen Bibel.

Mehr zum Thema: Hass und Antisemitismus werden in Deutschland salonfähig

Natürlich gebe es Passagen in beiden Heiligen Schriften, schreiben der Rabbiner und der Imam, die Gewalt gegeneinander zu rechtfertigen scheinen. Aber die weiteren Überlieferungen, der Talmud und die Hadithen, rückten diese auf den ersten Blick so unversöhnlichen Positionen ins Verhältnis.

“Der Islam ist mit dem Judentum mindestens genauso eng verwandt wie mit dem Christentum”, sagt Jörg Imran Schröter, Juniorprofessor am Lehrstuhl für Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Mehr zum Thema: Was im Koran über Weihnachten steht, zeigt, wie nah sich Muslime und Christen eigentlich sindWeihnachtsfest

 1. Am Anfang war Abraham

Judentum und Islam zählen, zusammen mit dem Christentum, zu den sogenannten abrahamitischen Religionen – weil alle ihre Communitys auf Stammvater Abraham (arabisch Ibrahim) zurückführen, der 2000 vor Christus im Nahen Osten gelebt haben soll.

Abraham, der Prophet, der Vorfahr anderer Propheten wie Moses und Mohammed. Abraham, der Mann, der nur an einen Gott glaubte – eine damals revolutionäre Idee. Abraham, der laut Thora und Koran von Gott aufgefordert wurde, einen seiner Söhne zu opfern, zum Zeichen seiner Treue. 

Juden wie Muslime besuchen heute in der Stadt Hebron das Grab, das Abraham zugeschrieben wird.  

Faisal Nasser / Reuters
Die Kaaba in Mekka geht der Überlieferung nach auf Abraham zurück.

Auf Abraham geht auch die Kaaba zurück, das Heiligtum der Muslime in Mekka. Schröter erzählt die Geschichte so: 

“Abraham und seine Frau Sara waren sehr alt und konnten keine Kinder bekommen. Deshalb durfte es Abraham mit seiner Magd Hagar versuchen. Hagar wurde schwanger – und von Sara verstoßen. Als Hagar verzweifelt in der Wüste ihr Kind auf den Boden legte, entsprang dort eine Quelle. Aus Dankbarkeit baute Abraham die Kaaba.”

2. Moses und sein Kampf gegen die falschen Götter

Für Juden gilt Moses als wichtigster Prophet. Auch für Muslime ist Musa einer der wichtigsten, sein Name taucht im Koran weit über 100 Mal auf – Mohammed dagegen weniger als zehn Mal.

Mehr zum Thema: Was im Koran über Weihnachten steht, zeigt, wie nah sich Muslime und Christen eigentlich sind

“Die Geschichte Mose’ wird im Judentum und im Islam sehr ähnlich erzählt”, sagt Schröter. “Mose empfängt am Berg Sinai die zehn Gebote. Als er zurück zu seinen Leuten kommt, sieht er, wie sie um das goldene Kalb tanzen, also einen Götzen statt Gott anbeten.”

Joel Carillet via Getty Images
Wanderer am Berg Sinai, wo Moses die zehn Gebote empfangen haben soll

Genau dasselbe passierte später auch Prophet Muhammad: “Zur Lebenszeit Muhammads waren in Mekka Götzenfiguren aufgestellt und er predigte dagegen an.” 

Für Juden, sagt Schröter, sei Mose auch deswegen so bedeutend, weil er sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten zurück ins gesegnete Land führen sollte. “Was ihm der Erzählung nach zwar nicht ganz gelang, aber immerhin brachte er seine Leute aus der Sklaverei Ägyptens heraus.”

3. Respekt vor der heiligen Schrift

Michael Siluk/UIG via Getty Images
Eine jüdische Thora. 

“Im Judentum wie Islam sind Thora und Koran nicht einfach Bücher, die man auch mal auf den Boden legen kann, wie das vielleicht bei Christen mal mit der Bibel passieren kann”, sagt Schröter.

“Muslime sollten rituelle Waschungen durchführen, bevor sie den Koran berühren. Gläubige Juden fassen die Thora-Rolle nach Möglichkeit gar nicht an, sondern blättern die Seiten mit einem speziellen Stift um.”

4.  Waschen ist mehr als ein Mittel gegen Schmutz

Waschen bedeutet im Judentum wie im Islam mehr als nur Hygiene. Waschen kann rituelle Bedeutung haben, es geht um geistige Reinigung.  

Mehr zum Thema: 5 starke Geschichten, die zeigen, wie falsch Islamhasser liegen

Der frühere Wiener Oberrabbiner Chaim Eisenberg sagte dem ORF, es sei typisch für das Judentum, Dinge, die man im Geist erfahren wolle, mit Physischen verbinde.

So waschen sich Juden wie Muslime etwa vor dem Gebet nach einem festgelegten Schema. 

5. Was Gott sagt, gilt

“Im Judentum wie Islam sollen die alten Vorschriften genau befolgt werden. Rituale werden nicht unbedingt wie im Christentum üblich hinterfragt, ob sie praktisch oder logisch sind”, sagt Schröter. 

Und da gibt es viele. 

6. Finger weg vom Schwein

Schröter verweist auf Gemeinsamkeiten in den Speisevorschriften. Schweinefleisch etwa kommt in beiden Religionen nicht auf den Tisch.

Auch die Vorschriften, wie ein Tier geschlachtet werden muss, ähneln sich. “Wenn ein Rabbiner ein Tier zum Verzehr freigegeben hat, gilt es auch Muslimen als halal, also auch gut.”

Godong via Getty Images
Eine koschere Metzgerei.

7. Beschneidung von Jungen

Im Islam wie im Judentum werden Jungen traditionell beschnitten.

Juden entfernen männlichen Babys am 8. Lebenstag die Vorhaut. “Dies ist mein Bund, den ihr hüten sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: beschnitten soll euch jeder Männliche werden”, heißt es dazu im Buch Genesis. 

“Im Islam ist die Beschneidung von Knaben zwar keine Pflicht, aber eine stark verbreitete Sitte”, sagt Schröter. Im Koran stehe dazu zwar nichts, aber in den Hadithen, den Überlieferungen zu Mohammeds Leben, heiße es, Mohammed habe gesagt, die Beschneidung gehöre zum Leben wie das Rasieren der Schamhaare und das Schneiden der Nägel. 

Mehr zum Thema: Bericht: AfD will Beschneidungs-Verbot für muslimische und jüdische Jungen

Allerdings werden muslimische Jungen in der Regel später beschnitten, oft erst bis zum siebten Lebensjahr.

8. Beten mit Körpereinsatz

Angehörige beider Religionen wenden sich zum Beten ihren heiligen Stätten zu: Muslime platzieren den Gebetsteppich in Richtung der quaderförmigen Kaaba im saudi-arabischen Mekka, Juden bauen ihre Synagogen hin zum Tempelberg in Jerusalem.

In beiden Religionen sind mehrere Gebete pro Tag vorgeschrieben, fünf im Islam und drei im Judentum.

Manche Juden wiegen sich während des Gebets vor und zurück, sie schockeln. Ein Erklärungsansatz dafür: Man solle mit dem ganzen Körper beten. Muslime berühren immer wieder mit der Stirn den Boden, zum Zeichen der Hingabe an Gott. 

9. Feuerbestattung verboten 

Eine Verbrennung und Urnenbestattung kommt für Muslime wie orthodoxe Juden nicht infrage. Der Mensch soll im Hinblick auf die Auferstehung vollständig der Erde übergeben werden.

“Das hat etwas mit der Vorstellung beider Religionen zu tun, der Körper erstehe im Jenseits auf”, sagt Schröter. “Nach islamischer Vorstellung ist der Mensch aus Erde erschaffen und verspürt es nach dem Tod als Linderung, wenn der Körper dorthin wieder zurückgeht. Verbrennung dagegen würde als Leid erfahren.”

Im Islam wie im Judentum sollten die Toten idealerweise innerhalb von 24 Stunden nach ihrem Tod bestattet werden. Was in Deutschland verboten ist, das Gesetz schreibt eine Wartezeit von 48 Stunden vor.

10. Die Welt ein bisschen besser machen

Richard Baker via Getty Images
Zwei Tage nach dem Terroranschlag auf der London Bridge im Juni 2017 umarmen sich Menschen verschiedener Religionen

Bevor es ans Sterben geht, steht in beiden Religionen aber erst einmal das Leben. Und der Wunsch, es zu erhalten. “Sowohl im Koran wie im Talmud steht, wer das Leben eines einzelnen rettet, handelt so, als habe er die ganze Menschheit gerettet”, schreiben Imam Ali und Rabbiner Schneider. 

Jeder habe den Auftrag, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Und wäre es da nicht ein guter Anfang, das Gemeinsame zu betonen statt das Trennende?

(jg)