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27/04/2018 17:47 CEST | Aktualisiert 28/04/2018 10:42 CEST

"Zunge nutzen, um Koran-Verse zu zitieren": Das dürfen Muslime beim Sex

Es gibt ein ausführliches Regelwerk in der islamischen Lehre.

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Im Islam sollen sowohl Mann als auch Frau beim Sex Spaß haben (Symbolbild).
  • In der islamischen Lehre wird das Sexleben ausführlich behandelt.
  • Bei vielen Punkten sind sich weder Gelehrte noch heilige Schriften einig.

Ihr weißer Mini-Rock schmiegt sich hauteng an ihren Körper. Wenn sich die junge Frau selbstbewusst zur Musik bewegt, blitzen bei jedem Schwung die Pobacken hervor. Ihre schwarzen Haare fallen locker auf die entblößten Schultern und auf ihr ebenso knappes Glitter-Top. 

Diese junge Frau tanzt in einer Bar, umgeben von Männern, deren Blicke die spärliche Kleidung bereits ausgezogen haben. Und diese junge Frau tanzt in einer Bar im Norden Afrikas, in Tunesien, in einem islamischen Land. 

Kein Sex vor der Ehe

Diese Szene beschreibt nur eine von vielen, die mittlerweile gängig im tunesischen Nachtleben sind. Auf die Frage, was die junge Frau hier heute Abend mache, antwortete sie mit einem breiten Grinsen: “Ich möchte Spaß haben. Vielleicht einen Mann finden.” 

Letzteres klingt weniger erstaunlich, denn viele tunesische Frauen nutzen jede Gelegenheit, um sich in der Öffentlichkeit möglichen Heiratsinteressierten zu präsentieren. 

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Aber, “Spaß haben”? Auch wenn Tunesien zu einem der fortschrittlichsten arabischen Länder gehört, bleibt der Islam noch immer die Staatsreligion.

Und im Islam gilt: Sex vor der Ehe ist verboten, ja sogar Unzucht. In diesem Punkt herrscht Konsens. Doch es gibt so viel mehr zu beachten, als “nur” Sex.

Grund genug, um einmal hinter die Schlafzimmertüren von Muslimen zu blicken und nachzuforschen, was und in welcher Form der Koran im Bett erlaubt. 

Vorweg: In den meisten Punkten gehen die Meinungen auseinander. Besonders zwischen puristischen und moderaten Muslimen sowie der jungen Generation. Ein hundertprozentiger Konsens existiert kaum.

1. Das Vorspiel im weitesten Sinne

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“Drei Menschen sind grausam: [...] eine Person, die mit ihrer Frau Sex ohne Vorspiel hat” (Symbolbild). 

Streicheleinheiten, Zärtlichkeiten, Liebkosungen – nicht nur eine Nebensache im Islam. Nein, besonders bei den Schiiten gelten diese als sehr wichtig. In der Wasā’il asch-Schīʿa, eine bedeutsame Schriftensammlung der Schiiten über die vom Propheten gewünschten oder auch geduldeten Handlungen, sind mehrere eindeutige Passagen zu diesem Punkt zu finden. 

“Wenn du vorhast, mit deiner Frau Sex zu haben, solltest du nicht eilen, da die Frau auch Bedürfnisse hat, die befriedigt werden sollen.”

Auch der Prophet hat sich laut dieser Schriften geäußert und ein fehlendes Vorspiel als Grausamkeit bezeichnet: “Drei Menschen sind grausam: [...] eine Person, die mit ihrer Frau Sex ohne Vorspiel hat.”

Ausnahmsweise scheint hier die Meinung geteilt zu werden, dass sowohl Mann als auch Frau am Sex Spaß haben sollten. Es wird als Aufgabe beider Ehepartner gesehen, für ein erfüllendes Sexleben zu sorgen. 

 

2. Der Oralsex 

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Im Islam gehen die Meinungen über den Oralsex auseinander.

Ob Oralsex Teil eines erfüllenden Sexlebens ist, dabei gehen die Meinungen in der islamischen Lehre weit auseinander. Besonders bei puristischen Muslimen gilt der Kontakt zwischen Mund und Geschlechtsteilen sowie Körperflüssigkeiten als unrein.

Der Mund und die Zunge sollen genutzt werden, um Koran-Verse zu zitieren und nicht, um mit Sperma oder Vaginalsekret beschmutzt zu werden. 

Um das Argument der Unreinheit zu entkräften, kursiert im Islam auch der Begriff “fortgeschrittener Oralverkehr”. Hier wird unterschieden zwischen Oralsex mit und ohne Ejakulation. Wenn beispielsweise Sperma nicht in den Mund eintritt, darf die Frau nach dieser Lehre ihren Mann oral befriedigen.

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Gegensätzlich bezeichnet der “Islamische Zentralrat Schweiz” (IZRS) den Oralverkehr als unproblematisch . Es würde in vielen Regionen zu den gängigen Sexualpraktiken zählen und werde in keinem bekannten Quelltext verboten, heißt es.

Explizit wird auch auf den Austausch von Körperflüssigkeiten hingewiesen: “Dazu noch der Hinweis, dass sowohl das männliche Sperma wie auch das weibliche Scheidensekret in der islamischen Rechtsprechung als rein kategorisiert werden.”

3. Masturbation

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Masturbation: Zwischen "haram" und "halal".

Auf die Frage, ob Muslime sich selbst anfassen dürfen, gibt es ebenfalls keine übereinstimmende Antwort. Puristen verfechten auch hier die Ansicht, dass Masturbation “haram” (verboten) ist. Anstatt sich selbst zu befriedigen werden Alternativen, wie Beten, Fasten oder das Vermeiden von erregenden Situationen aufgezählt. 

Selbst der als fortschrittlich angesehene IZRS verbietet die Selbstbefriedigung: “Der sexuelle Trieb des Menschen wurde ihm gegeben, um die Fortpflanzung seiner Art zu ermöglichen. Sexuelle Befriedigung soll deshalb entsprechend der islamischen Rechtsphilosophie auch innerhalb einer Ehe stattfinden. Aus diesem Grund befürwortet der Islam die Selbstbefriedigung nicht.”

Gegensätzlich dürfen sich die Partner nach diesen Vorgaben miteinander vergnügen. Auch lässt sich ein kleines Schlupfloch erkennen: Wenn der oder die Betroffene keinen Ehepartner finden kann, ohne Selbstbefriedigung Ehebruch begehen würde oder alle Ablenkungsmethoden gar nicht funktionieren, darf Hand angelegt werden. 

Eine völlig andere Interpretation liegt der modernen islamischen Lehre zugrunde: Wer möchte, darf sich auch mit sich selbst vergnügen. 

Argumentiert wird, dass sich jeder um sein körperliches Wohl kümmern soll und Masturbation gehört nun mal zu den normalen physischen Bedürfnissen. 

 

4. Analsex

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Das Spiel mit dem Hintern stellt eine der größten Sünden dar. 

Dreht es sich um den Hintern, tritt der Islam weitestgehend geschlossen auf: Analsex ist unrein, unangebracht, tabu. Das Spiel mit dem Hintern stellt eine der größten Sünden dar. 

Oft zitiert wird in diesem Zusammenhang die Stimme des Propheten, übermittelt durch den Imam Ahmad, welcher angeblich gesagt haben soll: “Verflucht sei der, der sich seiner Frau im Rektum annähert.”

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Dass sich Muslime einig sind, wenn es um das Rektum geht, unterstreicht ebenfalls der IZRS und erklärt, dass es bei keiner anderen Sexpraktik eine übergreifende Übereinstimmung gäbe: ”‘Komm von vorne oder hinten aber hüte dich vor dem After und dem Geschlechtsverkehr während der Menstruation’“, wird auf der Webpage zitiert. 

Apropos Menstruation: Auch stimmt die islamische Lehre weitgehend überein, dass der Mann die Finger von seiner Frau lassen muss, wenn diese ihre Tage hat.

5. Sexspielzeug und Pornos

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Spielzeuge können den Sex bereichern

Wollen Muslime ihr Liebesleben durch Sextoys anheizen, kommt es darauf an, welcher Lehre und welchen Interpretationen des Korans sie ihren Glauben schenken. Denn, wie vermutet, spalten sich wieder einmal die Meinungen. 

Einerseits gilt bei Puristen, dass kein anderes Spielzeug zum Einsatz kommen darf, als die eigenen Körperteile.

Andererseits zeigt eine offenere Islamlehre, dass das Sexleben für beide Partner erfüllend sein soll und daher, wenn notwendig, auch Sexspielzeuge eingesetzt werden können. Diese sollten jedoch kein Ersatz darstellen, sondern das Liebesspiel vervollständigen.

Bei Pornos sieht es wieder ganz anders aus. Egal ob Sexfilm für Frauen oder Männer, Nacktheit sollte in keinem anderen Bereich gezeigt werden, als im ehelichen Schlafzimmer.

Sexfilme-/ und Bilder stellen in der islamischen Lehre eine negative Doppelmoral dar: Wer sich einen Porno anschaut, dringt dabei in die Intimsphäre fremder Menschen ein und begeht somit eine Sünde. Und auf der anderen Seite ist es für jeden Muslim verboten, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen.

Der IZRS zitiert als Beweis den Koran: “Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden senken und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie.”

In jedem Bereich des Schlafzimmers lassen sich verschiedene Quellen und noch differenziertere Auslegungen finden. Selbst bei Bereichen wie dem Analsex, die eigentlich einen weitgehenden Konsens vorweisen, lassen sich abweichende Interpretationen finden.

Auch am Islam geht eine sich wandelnde Gesellschaft nicht vorbei – und wenn es sich auch nur in manchen Interpretationen der heiligen Schriften erkennen lässt. 

(ks)