POLITIK
29/11/2018 12:16 CET | Aktualisiert 30/11/2018 11:56 CET

Das Islam-Dilemma: Wie die Wut auf "Islamkritiker" Deutschland schadet

HuffPost-These.

Getty
Teilnehmer des "Islamischen Friedenskongresses" im Zentrum von Frankfurt am Main. Die Demonstration im Jahr 2013 wurde vom islamischen Hassprediger Pierre Vogel organisiert. 

In Deutschland ist es oft nicht so schwer, sich auf die richtige Seite zu stellen. Außer man beschäftigt sich mit dem Islam.

In diesem Kosmos scheint es mitunter, als gebe es keine richtige Seite. Als stünden auf der einen Fundamentalisten und Terroristen und auf der anderen rechte Islamhasser. Als gäbe es nicht die Millionen friedlicher Muslime, die in Artikel und Berichten über den Islam immer nur als Nummer und selten als Gesicht auftauchen. Fast nie als Stimme.

Die Religionsdebatte wird so zur Debatte der Extrempositionen. In ihren Fokus rücken die Protagonisten, die sich mit den fundamentalistischen Auswüchsen des Islams beschäftigen. Menschen wie Seyran Ates, Ahmad Mansour, Hamed Abel-Samad oder Constantin Schreiber. Menschen, die sich von beiden Seiten häufig platt als “Islamkritiker“ bezeichnen lassen müssen, weil sie vor demokratiegefährdenden Elementen der Religion warnen.

Und die immer wieder verteufelt werden – so zuletzt offenbar auf einer Veranstaltung der Deutschen Journalistenschule in München, in der die Initiatoren von “The Muslim Story“, einer Medienkompetenz-Initiative für Muslime, Schreiber, Abel-Samad und Mansour für ihre “unnötige Verengung auf das Negative“ kritisierten.

Oder im Netz, wo von allen Seiten Häme floss, als einige Vertreter der kritischen Islambetrachtung sich zuletzt zu einer “Initiative säkularer Islam“ zusammenschlossen. “Unglaubwürdig“, schrieben die mäßig Empörten. “Islamhasser“ die Wut-Zerfurchten. 

Aber warum verachten weite Teile der linken Mitte “Islamkritik“ so sehr?

Ein Problem für die Demokratie

Lässt sich ein Hang zur Schwarzmalerei in dem ein oder anderen populärwissenschaftlichen Buch sicher nicht bestreiten, ein gutes Geschäftsmodell schon gar nicht, hat sich etwa Ahmad Mansour in der Vergangenheit immer wieder als erstaunlich sachlicher und differenzierter Gesprächspartner erwiesen

Die Reflexartigkeit der Ablehnung, mit der sich Mansour, selbst Moslem, konfrontiert sieht, entspringt wohl eher dem Dilemma, dem er ausgeliefert ist. Der Applaus von den Falschen ist ihm sicher, wenn er das Richtige tut. Auf jeden Bericht über extremistische Tendenzen in Moscheen und vor allem in den mächtigen Islamverbänden stürzen sich Rechte – mitunter aus rassistischen Motiven – mit Schaum vor dem Mund. 

dpa
Ahmad Mansour.

Dabei sind diese Berichte auch – oder gerade – für die Demokraten wichtiger, als viele es lieb haben wollen.

Mir schrieb erst gestern ein der Angstmacherei unverdächtiger Islamwissenschaftler mit türkischen Wurzeln zur Arbeit der zweitgrößten islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Deutschland: “Deutsche Politiker müssen es als eine inländische politische Angelegenheit betrachten, was aus dem Blick gerät, wenn man es rein als eine Frage der Integration betrachtet.“

Er plädiert dafür, den fundamentalistischen Islam wie im Falle des Rechtsextremismus mit Blick auf die Frage zu behandeln, “ob hier nicht eine bestimmte politische Kultur gepflegt wird, die überaus demokratiegefährlich ist.”

Wichtige Verbände befeuern Radikalisierung

Es ist eine Kultur, die erahnen kann, wer sich nur ein wenig mit Milli Görüs beschäftigt. Der Verfassungsschutz beobachtet die Religionsgemeinschaft etwa in Baden-Württemberg und unterstellt ihr einen “umfassenden und keinesfalls auf den kultischen Bereich beschränkten Geltungsanspruch der Religion“. Die HuffPost hat im Sommer von Milli-Görüs-Jugendorganisationen organisierte Glaubensreisen zu einem extremistischen Prediger in der Türkei aufgedeckt.

Auch in Moscheen des größten Verbandes, Ditib, haben Experten eine zunehmende Radikalisierung erkannt. “Ich habe den Eindruck”, berichtete Thomas Mücke vom Violence Prevention Network, nachdem ein De-Radikalisierungsprojekt in einer Berliner Moschee gescheitert war, “dass Ditib sich aus der Öffnung zur Gesellschaft verabschiedet hat und dass sie versuchen, sich zu isolieren und sich nur noch auf ihre eigene Community zu konzentrieren und auch dort versuchen, ihren Einfluss aufrecht zu erhalten”. 

PATRIK STOLLARZ via Getty Images
Die neu eröffnete Ditib-Moschee in Köln.

Auch der Undercover-Journalist und Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq sprach in der HuffPost zuletzt ein entscheidendes Problem an: “Liberale Imame sind gerade für junge Leute wenig attraktiv. Pierre Vogel ist der Salafist mit den meisten Facebook-Likes! Wenn er ein Freitagsgebet leitet, gehen alle Jugendlichen hin.“ Etwa zehn Prozent der Moscheen im deutschsprachgien Raum seien so bereits auffällig, Radikalisierung zu betreiben – Tendenz steigend.

Die meisten Muslime erreicht die Kritik nicht

So alarmierend das klingt, erklärt sich an diesen Zahlen ein Stück weit erneut das Dilemma von Mansour und co. Sie berichten über zehn Prozent. Über die radikale Speerspitze des Islams, mit der ein Großteil der Muslime ebenso wenig zu tun hat wie die meisten Nicht-Muslime.

Sie werden also kaum dabei helfen, den Islam in Deutschland aktiv zu reformieren. Was Lamya Kaddor mit Blick auf die “Initiative säkularer Islam“ zuletzt lesenswert ausführte, gehört zum Teil der Wahrheit:

“Diejenige, die es interessieren sollte, damit sich etwas bewegt, die Muslime, werden es angesichts der von ihnen als toxisch wahrgenommenen Unterzeichner (u.a. die oben genannten, d. Red.) gar nicht erst in Betracht ziehen, geschweige denn bedenken.“

Dennoch ist es falsch, die “Islamkritiker“ zu verteufeln.

Sie leisten die Aufklärungsarbeit, die – ob aus kulturellen, sprachlichen oder fachlichen Gründen – kaum ein anderer zu leisten vermag. Sie arbeiten zugespitzt auf eine Problematik, die in ihrer extremen Ausprägung bedrohlich, aber nicht repräsentativ für eine breite gesellschaftliche Gruppe ist. Nichts anderes tun übrigens Journalisten, die sich auf die rechtsextreme Szene spezialisiert haben.

Diese Beiträge ohne ideologische Brille zu betrachten, mit aufzunehmen in den Kanon des eigenen Diskurs, könnte für andere Muslime ein erster Schritt sein, Veränderungen anzustoßen. Veränderungen, die nicht der Islam, aber die muslimische Organisation in Deutschland nötig hat.

Und die dann auch die anderen 90 Prozent der Muslime erreichen dürften.

(mf)