POLITIK
18/03/2018 00:21 CET

Islam-Debatte: Soziologin Kelek wirft Politikern "Verharmlosung von Religion" vor

Kelek polemisiert und ignoriert, dass es dem Leser graut.

ullstein bild via Getty Images
Die Soziologin Necla Kelek hat sich in der neuen Islam-Debatte positioniert.
  • Die Soziologin Necla Kelek hat in einem Gastbeitrag für eine Zeitung Innenminister Seehofers Haltung zum Islam verteidigt
  • Und disqualifiziert sich mit mehreren Aussagen selbst

Eine der bekanntesten Islamkritikerinnen Deutschlands, die Soziologin Necla Kelek, hat in der von Innenminister Horst Seehofer losgetretenen Islam-Debatte die Kritiker des CSU-Politikers attackiert.

In ihrem Gastbeitrag für die “Welt” macht Kelek genau denselben Fehler, den schon so viele gemacht, haben, Kritiker wie Unterstützer Seehofers:

Sie unterstellt und pauschalisiert, ignoriert und polemisiert, dass es einem graut. Drei Beispiele.

1. “Die Verharmlosung von Religion”

Sie finde es “merkwürdig”, dass eine “Einheitsfront in der Bundespolitik” der “Verharmlosung von Religion” das Wort rede, schreibt Kelek. Und später: “Es geht um Freiheits- und Bürgerrechte, auch um Freiheit von Religion.”

► Die Tatsache, dass die CSU das Thema aufgreift, zeigt, dass die angebliche “Einheitsfront” aus SPD, CDU und Grünen zumindest eine Lücke hat.

► Kelek schreibt da außerdem nicht von der Verharmlosung radikaler Strömungen, sondern von der Gefahr, die von Religion an sich ausgehe. Ihr Ideal ist keine Religion. Das kann Kelek selbstverständlich für sich so sehen.

Nur sieht das Grundgesetz in Deutschland das eben anders. Religion beziehungsweise deren Ausübung steht darin erst einmal nicht unter Generalverdacht. Sondern unter besonderem Schutz.

Und das ist es, was zählt im Rechtsstaat Deutschland.

2. “Gehört also auch der Faschismus zu uns?”

Kelek bedient sich eines Vergleichs, um zu illustrieren, dass nicht alles, was es in einem Land gibt, auch gewünschter Teil davon sein muss.

Seehofer hatte gesagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland – wofür er hart kritisiert worden war.

Kelek schreibt also: “Gehört also auch der Faschismus zu uns, weil er in Deutschland Anhänger hat? Wohl kaum.”

► Es ist ein weit verbreitete argumentative Technik, durch ein Extrembeispiel die Essenz eines Gedankengangs zu zeigen.

► Aber so ein Vergleich weckt eben auch die Assoziation, dass da eine Analogie hergestellt werden soll. Natürlich kann sich Kelek darauf herausreden, dass sie Islam und Faschismus nicht verglichen habe. Aber wer mit diesen Vokabeln zündelt, muss damit rechnen, dass der Funke überspringt.

3. Die “Integration führt nicht über die Verbände”

 Kelek hegt tiefes Misstrauen gegenüber muslimischen Verbänden.

“Die Integration der Muslime führt nicht über die Verbände, sondern über die Stärkung der Freiheitsrechte”, schreibt sie. 

Und hofft, dass Seehofer, wenn er die Islamkonferenz wiederbeleben wolle, mit einzelnen Muslimen reden werde und nicht “nur mit den vom Ausland gesteuerten und finanzierten Verbänden”.

► Wo Kelek Recht hat: Muslimverbände in Deutschland gelten den meisten Experten als konservativ. Und die von der Türkei beeinflussten Ditib-Verbände stehen regelmäßig wegen dieser Verbindungen in der Kritik, bis hin zu Spitzelvorwürfen gegen einige ihrer Imame.

Es gibt Gründe, strukturelle wie inhaltliche, warum die großen Muslimverbände nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt werden.

► Aber Kelek vergisst hier etwas Wesentliches: Die Strukturen im deutschen Recht sind auf Religionsgemeinschaften ausgelegt. Wenn Muslime selbstbestimmt mitreden sollen in Sachen Religionsunterricht etwa, dann führt die Integration zumindest derzeit eben nur über die Verbände. 

Vielleicht müsste man auch das deutsche Recht anpassen, das aus einer Zeit stammt, in der sich keiner vorstellen konnte, dass es außer Katholiken und Evangelischen noch einmal nennenswerte Glaubensgemeinschaften in Deutschland geben würde.

Aber was würde Kelek dann sagen? Dass der Rechtsstaat vor den Muslimen kapituliere?

Das Getöse hilft niemandem

Kelek argumentiert, wie so viele, Schwarz-Weiß. Das wird so einem vielschichtige Thema nicht gerecht. Und erst recht nicht den vielen Menschen, die davon betroffen sind.