POLITIK
05/01/2018 20:07 CET | Aktualisiert 06/01/2018 11:28 CET

Die Revolution ist ausgeblieben – warum dem Iran dennoch ein enormer Wandel bevorsteht

Enorm, aber schleppend.

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Eine Szene der Proteste 2009 – ganz so heiß wurden die Tumulte in diesem Jahr bislang nicht.
  • Die wütenden Proteste im Iran sind durch das rigorose Einschreiten des Regimes weitgehend unterdrückt worden
  • Ein Umsturz im Iran bleibt somit wohl aus – dennoch werden die Demonstrationen das Land nachhaltig verändern

Veränderungen brauchen im Iran Zeit. 

1925 kam die Pahlavi-Dynastie hier an die Macht. Erst im Juni 1963 kam es zu ersten Protesten gegen den Shah, angeführt wurden sie vom Shia-Geistlichen Ruhollah Chomeini. 

Es dauerte weitere 16 Jahre, bis eben dieser Chomenei nach langem Exil im Zuge der Islamischen Revolution die Macht im Iran an sich riss. 

40 Jahre später sind nun Rufe nach der Abschaffung der Islamischen Republik auf den iranischen Straßen zu hören. Es ist die dritte große Protestwelle gegen das Regime innerhalb eines Jahrzehnts. 

Und auch, wenn sie bislang brutal unterdrückt wurde, ist sie schon jetzt ein weiteres und wichtiges Signal, dafür, dass sich der Iran in Zukunft massiv verändern wird.

Aus gleich mehreren Gründen:  

1. Die  Proteste sind keine Eliten- Veranstaltung

In der jüngeren Vergangenheit waren Proteste im Iran stets eine Angelegenheit der städtischen Bildungselite. So war es etwa bei der Grünen Bewegung in Reaktion auf die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad im Jahr 2009.  

Die Aufstände dieser Tage zeichnen ein anderes Bild

► Sie fanden und finden auf das ganze Land verteilt statt, in Großstädten wie Teheran genauso wie in den ländlichen Regionen im Nordosten des Landes – wo die Proteste in der Stadt Maschad ihren Anfang nahmen.

► Zudem nehmen an den Protesten diesmal eben nicht nur Studenten und dem Westen zugewandte Mittelschichtler Teil. Vielerorts sind die Demonstrationen im Iran auch Ausdruck eines Klassenkampfs der Arbeiter, deren Wut sich am wirtschaftlichen Niedergang und der imperialen Außenpolitik des Regimes entzündet hat. 

Es ist eine Wut, die sich mit dem seit Jahrzehnten schwelenden Gefühl der Unterdrückung durch das Regime des Ayatollahs vermengt hat.

Ein explosives Gemisch, das sich plötzlich entzündet hat:  “Diese neuen Proteste im Iran hatten keinen spezifischen Auslöser”, sagt ein iranischer Aktivist aus dem Norden des Landes, der nur N.A. genannt werden möchte, der HuffPost.

“Sie werden nicht von nur einer Bevölkerungsgruppe getrieben, sondern von Einzelnen, die sich nicht mehr selbst versorgen können oder vom Regime ihrer Freiheit beraubt wurden.” 

Mehdi Mirghaderi, ein Demonstrant aus der Region Lorestan, formuliert es gegenüber der HuffPost drastischer: 

► “In einem Land, in dem viele Menschen Hunger leiden und Frauen eingesperrt und gefoltert werden, weil sie kein Kopftuch tragen, haben die Iraner einfach die Schnauze voll vom radikalen Islam.” 

2. Das Internet verbreitet sich wie ein Lauffeuer 

Und das zeigen die Iraner längst nicht nur auf der Straße – sondern auch im Internet.

N.A. schickt der HuffPost etwa ein Plakat, das sich unter jungen Demonstranten verbreitet habe. Darauf ist ein persischer Soldat zu sehen, der den Ayatollah in zwei Teile bricht. Darunter steht in etwa: “Wir werden den Iran von eurer schmutzigen Existenz befreien.” 

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Ausdruck der tiefen Wut auf das Regime: Ein Protestplakat im Iran

Mehr zum Thema: Frau protestiert gegen Zwangsverschleierung - und wird zum Symbolbild der Iran-Proteste

Was für die Grüne Bewegung 2009 Twitter war, ist für die neue Generation von Demonstranten die Chat-App Telegram. Sie ist im Iran millionenfach auf den Smartphones der Menschen installiert und wurde gerade in den ersten Tagen der Proteste intensiv für deren Koordination genutzt. 

Doch wie 2009 den Zugang zu Facebook und Twitter, hat das Regime nun den Zugang zu Telegram gesperrt, um die Ausweitung der Proteste zu verhindern. 

Gleichwohl bleibt der Zugang zum Internet im Iran. Durch sogenannte VPNS –private Netzwerke, die die Sperren der Regierung umgehen – können sogar Facebook, Twitter und Telegram noch erreicht werden. 

Das Tor zur Welt steht den Iranern also noch offen. Und wie auch nach den Zensurmaßnahmen 2009 werden sie wieder neue und mehr Wege finden, es zu durchschreiten. 

3. Die Jungen sind im Iran in der großen Mehrheit

Das gilt gerade für die junge Generation der Iraner – und die ist riesig. 

Das Durchschnittsalter im Iran ist 30 Jahre, etwa die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als das – und fast ein Viertel von ihr ist zwischen 0 und 14 Jahren alt

Diese Menschen sind die Zukunft eines ganzen Landes – und das wird auch das Regime zwangsläufig anerkennen müssen. Denn fast 27 Prozent der bis zu 25 Jahre alten Iraner sind arbeitslos. Das fördert eine Wut, die sich auf Dauer nicht ersticken lassen wird. 

Mehr zum Thema: Warum ein Regime-Sturz im Iran ganz andere Folgen haben könnte, als alle denken

“Die Iraner haben ihre Taktik geändert”, sagt deshalb der in London arbeitende Iran-Analyst Raman Ghavami der HuffPost. Die Proteste gegen das Regime würden heute vor allem von jungen Leuten und Frauen angeführt.

“Sie wissen zwar, dass es nicht nur eine Woche dauern wird, bis das Regime verschwindet”, sagt Ghavami. “Aber ihre Proteste sind ein Signal: Wir erkennen eure Legitimität nicht an – und das werden sie in Zukunft auch im Alltag zeigen.” 

4. Das Regime ist zu Zugeständnissen bereit 

Ein Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt: Es ist eine Taktik, die Erfolg verspricht. 

Denn auch wenn die Grüne Bewegung zerschlagen wurde, ohne dass sie Ahmadinedschad oder gar das Regime stürzen konnte, so hat doch auch sie ein starkes Signal gesendet: Die Iraner wollen Veränderung

Ein Signal, auf das die Herrscher im Iran reagiert haben. Mit Hassan Rohani wurde nach Ahmadinedschad ein Geistlicher Präsident des Landes, der den Menschen liberale Reformen und einen wirtschaftlichen Aufschwung versprach. 

Es war auch Rohani, dem es gelang, als moderates Gesicht der Islamischen Republik den Iran-Deal mit der internationalen Gemeinschaft auszuhandeln, der das Land der Welt wieder öffnen sollte. 

► Und doch: Rohani bleibt nur ein Feigenblatt der eigentlichen Herrscher im Iran. 

Analyst Ghavami sagt: “Es gibt nur einen wahren Herrscher in der Islamischen Republik: Den Ayatollah. Reformismus, Moderate, Hardliner – das alles bedeutet nichts.”

5. ... und wird dennoch nie genug einlenken

Die Iraner seien sich dessen mehr als bewusst, sagt Ghavami.

Sie seien das Schauspiel der herrschenden Elite satt – zumal diese all ihre Versprechen, die Bevölkerung besser zu versorgen, gebrochen habe. Und das sei es, was die Menschen auf die Straße treibe.

N.A., der Aktivist aus dem Norden, ist sich sicher: “In Zukunft werden sich mehr und mehr Menschen zu diesen Protesten anschließen.” Die Regierung habe zu oft bewiesen, dass es nicht willens oder fähig sei, die Lebensrealität seiner Bürger zu verbessern. 

► “Die Tage des Regimes sind gezählt”, sagt N.A. voller Überzeugung.

“Selbst wenn sie uns töten, einsperren und es schaffen, die Leute weiter zu unterdrücken: Es wird eine weitere Revolution im Iran geben, die ihrer Terror-Herrschaft ein Ende setzen wird.” 

Wann das passieren wird, ist nicht abzusehen. Veränderungen brauchen im Iran eben ihre Zeit. Aber sie geschehen. 

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