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19/09/2018 12:13 CEST | Aktualisiert 19/09/2018 12:13 CEST

Irakische Polizisten folterten mich, weil ich Atheist bin

Auch in Deutschland droht man mir mit dem Tod.

Amed Sherwan
Amed Sherwan in seiner neuen Heimatstadt Flensburg.

Ich bin mit 15 Jahren als Ex-Muslim im Irak inhaftiert und gefoltert worden und danach aufgrund der anhaltenden Verfolgungssituation nach Deutschland geflüchtet, wo ich glücklicherweise als Flüchtling anerkannt bin.

Ich habe für meine Freiheit viel riskiert und aufgegeben, deshalb mache ich mich auch hier in Deutschland für eine offene Gesellschaft stark.

“Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie gefährlich totalitäre Ideologien sind”

Mir ist es wichtig, für Toleranz und friedliches Zusammenleben in Unterschiedlichkeit zu kämpfen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der Vielfalt keinen Raum hat. Und ich habe am eigenen Leib gespürt, wie gefährlich totalitäre Ideologien sind.

Gerade weil ich als Ex-Muslim sehr viel Schreckliches mit dem Islam erlebt habe, will ich nicht dem Hass und schlichten Weltbildern verfallen oder Gleiches mit Gleichem vergelten.

Ich versuche, Muslime zum Nachdenken anzuregen und Erneuerungsprozesse mit anzustoßen. Ich begegne den Menschen persönlich mit Respekt, aber ich habe keinen Respekt vor menschenfeindlichen Denkstrukturen.

Und um etwas zu bewegen, bin ich auch bereit Grenzen zu überschreiten und zu provozieren. Ich möchte auf die Probleme von Frauen, LGBTQ+, Ex-Muslimen und Andersdenkenden in muslimischen Communitys hinweisen.

“Allah is Gay”

Amed Sherwan

Gleichzeitig möchte ich auch rassistischen Pauschalisierungen widersprechen und zeigen, dass es auch innerhalb des muslimischen Kulturkreises weltoffene Menschen gibt, die anders leben, lieben und denken, als die gängigen Vorurteile es glauben machen wollen.

Im Sommer habe ich auf dem Christopher Street Day in Berlin mit einem T-Shirt mit der provokanten Aufschrift “Allah is Gay” ein Zeichen für orientalische Vielfalt gesetzt.

Für die Ankündigung dieser Aktion auf Facebook habe ich zahlreiche ernstzunehmende Morddrohungen erhalten. Und die Aktion habe ich nur mit Personenschutz durchführen können. Ich werde weiter bedroht und beschimpft. Die Morddrohungen kommen von Muslimen.

“Der Hass macht mir Angst”

Beschimpfungen erreichen mich aber auch von Nicht-Muslimen. Einige unterstellen mir, ich schüre damit Islamhass, und andere nennen mich Islamappeaser. Und wieder andere meinen, ich wolle mir damit nur einen Aufenthaltsstatus erschleichen. Und einige meinen, ich sei hier zu Gast und müsse schon deshalb die Klappe halten.

Mir macht der zunehmende Hass in Deutschland Angst.

Islamisten und Rassisten polarisieren unsere Gesellschaft mit schlichten Feindbildern und einfachen Lösungen. Aber die Wirklichkeit ist viel komplizierter. Und auf komplexe Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Ich versuche mit meinen Erfahrungen und Aktionen ein Beitrag für Aufklärung und Humanismus zu leisten. Dafür bin ich auch bereit Risiken einzugehen.

Ich habe Deutschland als freies und offenes Land kennen und schätzen gelernt und hoffe, dass es uns gemeinsam gelingt, es für alles lebenswert zu erhalten.