POLITIK
14/05/2018 19:03 CEST | Aktualisiert 15/05/2018 17:48 CEST

Irak-Wahlen: Wer ist Muktada al-Sadr – und warum ist er so gefährlich?

Die möglichen Pläne des so radikalen wie unberechenbaren schiitischen Klerikers auf den Punkt gebracht.

HAIDAR HAMDANI via Getty Images
Muktada al-Sadr wird in den kommenden Jahren einer der einflussreichsten Männer des Iraks sein. 

Als Königsmacher wurde Muktada al-Sadr vor den Wahlen im Irak bezeichnet, als möglicher politischer Verbündeter. Oder als Feind des als Wahlfavoriten angesehenen Premierministers Haider al-Abadi, wenn es darum ginge, eine Regierungskoalition zu bilden. 

Doch nach den ersten Prognosen des Wahlergebnisses im Irak zeigt sich: al-Sadr ist womöglich nicht nur ein Königsmacher – sondern der König. Nach Auszählung von mehr als der Hälfte der Stimmen in einem Großteil der Wahlkreise lag der 44-Jährige laut der irakischen Wahlkommission in Front. 

Statt nur eine Koalition zu ergänzen, könnte al-Sadr nun selbst eine formen und die irakische Politik auf Jahre hinaus bestimmen. 

Wer ist Muktada al-Sadr? Und was macht ihn gefährlich? Die möglichen Pläne des unnahbaren Klerikers auf den Punkt gebracht. 

Die wichtigsten Fakten über Muktada al-Sadr: 

Al-Sadrs Vater war der im Irak sehr beliebte Mohammed Sadeq al-Sadr, ein schiitischer Groß-Ayatollah und Widersacher des Diktators Saddam Hussein. Hussein ließ al-Sadrs Vater im Jahr 1999 umbringen. 

Al-Sadr selbst machte sich im folgenden Jahrzehnt einen Namen – als radikaler Kriegsherr, der mit seiner gefürchteten Mahdi-Armee einen blutigen Guerillakrieg gegen die Invasoren aus den USA führte. 

In den vergangenen Jahren hat al-Sadr – zumindest vordergründig – einen Wandel vollzogen. Der schiitische Kleriker hat eine große Bewegung besonders aus jungen und sozial benachteiligten Menschen um sich geschart und tritt als strenger Nationalist auf. 

Al-Sadrs Rolle bei den Wahlen im Irak: 

Im Wahlkampf kam al-Sadr eine Außenseiterrolle zu. Der Schiitenführer trat selbst gar nicht als Kandidat für das Amt des Premierministers an, gewählt werden konnte nur die hinter ihm stehende Partei, die sich mit den Kommunisten verbündet hat. 

Al-Sadrs Taktik im Wahlkampf war es vor allem, die bei den irakischen Wählern tief sitzende Frustration mit der politischen Elite im Land auszunutzen. Al-Sadr warf der Abadi-Regierung Korruption vor und gab ihr die Schuld daran, dass die Terrororganisation Islamischer Staat ihr Kalifat im Irak ausbreiten konnte.   

Es ist eine Strategie, die bei den Wahlen am Wochenende für al-Sadrs Erfolg gesorgt hat. Jedoch nicht unbedingt, weil der Kleriker viele neue Wähler für seine Bewegung gewinnen konnte – sondern weil viele Iraker die etablierteren Parteien abstraften. Nur 44,5 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Wie die Irak-Expertin Akiko Yoshioka aufzeigt, war es vor allem al-Sadr, der von diesem Stimmenschwund verschont blieb. 

(Anmerkung zur Grafik: Yoshioka hat fälschlicherweise die Zahl 2017 benutzt. Die Wahldaten stammen laut der Expertin jedoch aus dem aktuellen Jahr.)

Wie al-Sadr den Irak in Zukunft prägen wird: 

Muktada al-Sadr ist gefährlich. “Er hat versprochen, das irakische Militär zu stärken, Einflüsse aus dem Ausland zu unterbinden und die Korruption im Land zu bekämpfen”, sagt Ahmad Majidyar, Irak-Experte am Middle East Institute, der HuffPost. “Doch zunächst wird es al-Sadrs Hauptanliegen sein, seine Macht im Kabinett und im Parlament zu sichern.” 

Majidyar geht davon aus, dass al-Sadr versuchen wird, sich seiner Rivalen in der irakischen Shia zu entledigen: “Die irakischen Shiiten sind so gespalten, wie noch nie zuvor. Al-Sadr wird die konkurrierenden Shia-Parteien kalttstellen, besonders die vom Iran unterstützte Fatah-Allianz.” 

Es bleibt möglich, dass al-Sadr der ganz große Sieg über die alte politische Garde im Irak verwehrt bleibt – er selbst trat nicht als Kandidat an, sollte er die Wahl gewinnen, könnte ein von ihm vorgeschlagener Premier von den anderen Fraktionen abgelehnt werden. Dennoch hat der Kleriker an diesem Wahlwochenende enorm an Einfluss gewonnen – Einfluss, den auch der bisherige Premier al-Abadi am Montag anerkannte, als er in einer TV-Ansprache die Bereitschaft über eine mögliche Zusammenarbeit mit al-Sadr signalisierte. 

Denn klar ist im Irak seit dieser Wahl: Auch wenn viele irakische Politiker sich schwer tun werden mit al-Sadr Politik zu machen – sie gegen den Islamgelehrten zu machen, wird nahezu unmöglich sein.

Dieser innerirakische Zustand wird auch eine enorme Auswirkung auf die regionalen Konflikte im Nahen Osten haben – denn Al-Sadr ist im Irak ein seltener Sonderling. “Er hat sich vom Iran distanziert und ist zum Nationalisten geworden”, sagt Experte Majidyar. “Gleichzeitig hat er seine Anti-USA-Rhetorik abgeschwächt und enge Verbindungen zu Saudi Arabien aufgebaut.” 

Laut Majdyar wird al-Sadrs Wahlerfolg nun Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten mehr Einfluss auf die Politik und Wirtschaft im vom IS befreiten Irak geben. 

Zudem gilt: Im Syrienkrieg, im Palästina-Streit, in dem regionalen Wettkampf zwischen Saudi Arabien und dem Iran um die Vorherrschaft im Nahen Osten – in all diesen Konflikten wird nun auch Muktada al-Sadr eine gewichtige Rolle spielen.  

Muktada al-Sadrs Wahlerfolg im Irak auf den Punkt gebracht: 

Ein ebenso radikaler, wie politisch geschickter und unberechenbarer schiitischer Kleriker ist einer der größten – wenn nicht sogar der größte – Gewinner der Wahlen im Irak.

Muktada al-Sadr hat während der 2000er-Jahre in dem Land einen erbitterten Guerillakrieg gegen die US-Besatzer geführt. In den vergangenen Jahren scharte er mit nationalistischen Parolen und einem angeblichen Kampf gegen Korruption eine starke Bewegung um sich. 

Al-Sadr könnte es zwar verpassen, der neue Premierminister des Iraks zu werden. Seinem Einfluss aber kann nach einem starken Ergebnis mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen kein Politiker in dem Land mehr entkommen. 

Der gefährliche Stratege Al-Sadr wird den Irak und den Nahen Osten einmal mehr prägen. Die Frage ist nur noch: Als Königsmacher – oder als König?  

(mf)