POLITIK
09/09/2018 10:16 CEST | Aktualisiert 09/09/2018 10:55 CEST

"Bloomberg": Merkel wird international gerade wieder zur Anführerin

Auf den Punkt.

ROBERT ATANASOVSKI via Getty Images

Für Angela Merkel (CDU) sind es schwierige Zeiten.

Seit den rechten Ausschreitungen in Chemnitz sieht sich die Bundeskanzlerin  innenpolitisch in Bedrängnis. Merkel verurteilte die Aufmärsche Rechtsradikaler deutlich. Rechte werfen ihr seither vor, vom vorangegangenen gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen ablenken zu wollen.

Mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Verfassungssschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen hat die Kanzlerin in der Debatte zwei mächtige Gegenspieler. Maaßen zweifelt öffentlich an, dass es “Hetzjagden” in Chemnitz gegeben hat, die Merkel und Regierungssprecher Steffen Seibert kritisiert hatten.

Seehofer erklärte, er hätte in Chemnitz mitdemonstriert, wäre er nicht Bundesinnenminister.

► Ausgerechnet in dieser brisanten Phase kommt die US-Nachrichtenagentur Bloomberg zu dem Urteil: International steht Merkel so stark da wie lange nicht.

“Eine Stellung, so gut wie lange nicht”

“Nach 13 Jahren im Amt ist die deutsche Kanzlerin zwar innenpolitisch unter Druck, aber ihre internationale Stellung war fast nie besser”, analysiert Bloomberg.

► Das zeige sich etwa im Umgang mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Noch vor 18 Monaten habe der Merkel vorgeworfen, Terroristen zu unterstützen.

Nun reise er nach Deutschland, um einen Verbündeten im Streit mit den USA zu suchen, der die türkische Wirtschaft zu Boden geworfen hatte.

► Auch Wladimir Putin habe erst kürzlich eine Einladung Merkels zum ersten bilateralen Treffen seit 2013 angenommen.

► Donald Trumps ständige Stichelei gegen Merkel sei zudem ein Beweis ihrer politischen “Schlagkraft”, glaubt Bloomberg.

Doch warum ist die Kanzlerin in den Augen der US-Agentur so hoch im Kurs?

“Ohne Deutschland passiert nichts”

Gerade in einer Zeit, in der sich das politische Klima stärker in Richtung Nationalismus entwickle, komme der CDU-Chefin eine besondere Rolle als Verteidigerin des Freihandels und der Geschlossenheit Europas zu, argumentiert der Autor. 

Daniel S. Hamilton, Wissenschaftler am John Hopkins University’s Foreign Policy Institute in Washington, sagte Bloomberg zudem: “Merkel ist die einzige Anführerin mit Erfahrung, Einfluss, Format und den Mitteln, den Unterschied zu machen.”

► Deutschland trage das größte Risiko, sollte Europa zersplittern – und zeige deshalb Initiative.

Auch Erik Nielsen, Chefökonom der Unicredit Bank sagte: “Nichts passiert in der EU ohne Deutschland. Merkel ist die entscheidende Figur.”

Und die hält die Kommunkationswege auch zu schwierigen Partnern offen: Etwa zu Putin und Erdogan. “Sie führt einen europäischen Vorstoß an, mehr Verantwortung für die Weltordnung zu übernehmen”, glaubt Bloomberg.

Vor allem, weil US-Präsident Trump sich weiter feindlich gegenüber EU und Nato äußere.

Afrika, Georgien, nur nicht Chemnitz

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg spiele Merkel die traditionell vor allem ökonomische Macht Deutschlands auch diplomatisch aus.

Im Ausland hinterlässt das offenbar mehr Eindruck als daheim.

Zuletzt traf sich Merkel in Mazedonien mit dem Ministerpräsidenten Zoran Zaev. Zuvor besuchte die Kanzlerin auch Georgien, Armenien und Aserbaidschan, davor reiste sie nach Afrika, um über Fragen der Migrationspolitik zu beraten.

Nach Chemnitz reiste sie in all diesen Tagen nicht.

Auch das ist Teil der Erzählung. Und womöglich Teil der Erklärung, warum der Blick aus der Ferne auf die Kanzlerin so anders ist als der vieler Deutscher.