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08/02/2018 12:24 CET | Aktualisiert 08/02/2018 12:24 CET

INTELLIGENT INVESTIEREN: Vorsicht vor Börsenprognosen

Viele Geldanleger, private wie institutionelle, zeigen großes Interesse an Prognosen, vor allem an Prognosen, die zum Jahresanfang veröffentlicht werden. Sie wollen wissen, wie sich die Aktienkurse, Zinsen, Wechselkurse und Rohstoffpreise künftig entwickeln werden. Solche Prognosen sind für viele eine wichtige Grundlage, um Anlageentscheidungen zu treffen.

Das aber ist alles andere als unproblematisch. Denn Konjunktur- und Finanzmarktprognosen sind nicht verlässlich, wie man es aus der Naturwissenschaft gewohnt ist, und sie können es auch gar nicht sein – so überzeugend die prognostizierenden Analysten und Volkswirte auch daherkommen mögen.

In den Naturwissenschaften gewinnt man Erkenntnisse üblicherweise im Zuge von Laborversuchen. Unter gleichen Bedingungen wird zum Beispiel getestet, wie sich Substanz X verhält, wenn sie mit Substanz Y gemischt wird. Auf diesem Wege kommt man Naturgesetzen auf die Spur. Etwa in dem Sinne, dass man sagen kann: Wenn Substanz X mit Substanz Y in Verbindung gebracht wird, dann stellt sich stets die Reaktion Z ein. Solch ein Vorgehen ist im Bereich des Wirtschaftens – allgemein gesprochen: im Bereich des menschlichen Handelns – nicht möglich. Warum nicht?

In der Naturwissenschaft lassen sich die für Untersuchungszwecke erforderlichen gleichartigen Beobachtungen mittels Laborversuchen in beliebiger Zahl beschaffen. Im Bereich des menschlichen Handelns ist das nicht möglich. Menschliches Handeln vollzieht sich stets unter ganz bestimmten, nicht wiederholbaren Bedingungen und ist einmalig. Denn der Mensch ist lernfähig. Das ist eine (handlungs-)logische Erkenntnis, die sich nicht widerspruchsfrei verneinen lässt.

Lernfähigkeit bedeutet nun aber, dass der Wissensstand, der Ziele, Vorlieben und Wertungen der Handelnden (mit-)bestimmt, nicht unveränderlich ist. Er verändert sich vielmehr im Zeitablauf fortwährend. Daher ist eine Datenbasis, wie es sie in der Naturwissenschaft gibt, im Bereich des menschlichen Handelns nicht verfügbar.

Das ist der Grund, warum man nicht davon ausgehen kann, dass Menschen auf einen bestimmten Faktor immer und überall in der gleichen Weise reagieren. Erhöht beispielsweise die Zentralbank die Geldmenge, so kann es sein, dass die Marktakteure – weil sie optimistisch gestimmt sind – mit dem neu erhalten Geld beispielsweise Aktien kaufen. Die Folge wären steigende Aktienkurse (im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht erhöht und keine Aktien nachgefragt worden wären). Die Erhöhung der Geldmenge kann aber auch gehortet werden – weil die Marktakteure pessimistisch gestimmt sind. In diesem Falle blieben die Güterpreise, einschließlich der Aktienkurse, unverändert, obwohl die Geldmenge gestiegen ist. Im Bereich des menschlichen Handels gibt es halt keine im Zeitablauf konstanten (zeitinvarianten) Verhaltensparameter.

Selbst wenn man schon heute wüsste, was die Zentralbank künftig macht, ließe sich daraus noch nicht verlässlich ableiten, wie die Marktakteure darauf reagieren werden, wie Aktienkurse, Zinsen und Edelmetallpreise sich dann verändern. Denn um die Folgen der Zentralbankpolitik zu prognostizieren (also selbst wenn man sie schon heute kennen würde), muss man auch die sonstigen Faktoren – die „besonderen Umstände“ – kennen. Hebt die Zentralbank in sechs Monaten die Zinsen an, spricht das zwar für künftig fallende Aktien- und Häuserpreise. Wenn aber zum Zeitpunkt der Zinserhöhung die Wirtschaft brummt, könnte sich der Zinsanstieg als zu gering erweisen, und die Aktien- und Häuserpreise steigen.

Kurzum: Im Bereich des menschlichen Handelns lassen sich keine konstanten Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten charakterisieren, ausfindig machen. Es gibt sie schlichtweg nicht. Und doch bedienen sich viele Prognostiker aus Geschäfts- und Zentralbanken und Forschungsinstitutionen einer im Kern naturwissenschaftlichen Vorgehensweise. Das mag auch erklären, warum die Prognosegüte für das Finanzmarkt- und Wirtschaftsgeschehen vielfach enttäuschend ist. Für den Investor bieten die handelsüblichen Prognosen der Ökonomen zumindest keine solide Grundlage, um gute Investitionsentscheidungen treffen zu können.

Wohlgemerkt: Kritisiert wird hier die Prognosetätigkeit, die sich auf eine naturwissenschaftliche Vorgehensweise beruft (hierzu zählt auch zum Beispiel der Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“ in Form von „neuronalen Netzen“ in der Finanzmarktprognose). Ihren Ergebnissen sollte der Investor aus den genannten Gründen kein Vertrauen entgegenbringen. Das heißt nun aber nicht, dass es niemanden geben könnte, der sich durch treffsichere Prognosen im Finanz- und Wirtschaftsbereich auszeichnen würde.

Wenn es ihn gibt, wird sich sein Erfolg jedoch nicht damit erklären lassen, dass er sich bei der Erstellung seiner Prognosen einer naturwissenschaftlichen Vorgehensweise bedient. Seine Treffsicherheit muss eine andere Ursache haben. Beispielsweise die ihm ganz eigene Fähigkeit – die ihm vielleicht von der Natur geschenkt wurde, oder die er sich hart durch das Verstehen des Weltgeschehens erarbeitet hat –, den künftigen Gang der Dinge richtig abschätzen zu können. Eine letztendlich allgemeingültige Erklärung für eine solch beneidenswerte, vermutlich rar gesäte Begabung muss man jedoch wohl schuldig bleiben.

Was kann der Anleger aus all dem lernen? Er sollte gegenüber Wirtschafts- und Finanzmarktprognosen skeptisch sein, sie am besten unter den Generalverdacht stellen, sie nicht kritiklos als Basis für Investitionsentscheidungen verwenden. Verlässliche Prognostiker zu finden, mag zwar nicht gänzlich unmöglich sein (vielleicht gibt es sogar viele von diesen Exemplaren), aber für die meisten Anleger ist es nicht allzu wahrscheinlich, dass sie sie auffinden und mit ihnen zusammenarbeiten können.

Ein vernünftiger Schluss aus Sicht des Investors lautet: „Mikro statt Makro“. Das heißt: Richte Deine Aufmerksamkeit und Energie auf das Analysieren von Unternehmen aus, mache Deine Investitionsentscheidungen nicht abhängig von luftigen Einschätzungen über die Zukunft.

Aber ist nicht der künftige Erfolg von Unternehmen ebenso schwer vorhersehbar? Die Antwort lautet nein – wenn man sich auf den Kreis der Unternehmen beschränkt, deren Geschäfte man versteht, und wenn man die Unternehmen meidet, deren Geschäftsmodelle nicht in den eigenen Kompetenzradius passen. So begibt der Investor sich in eine aussichtsreiche Position, die (Markt-)Veränderungen, die relevant für den Erfolg des Unternehmens sind, frühzeitig zu erkennen, richtig einzuschätzen und kluge Entscheidungen treffen zu können.

Wenn man sich mit einem Unternehmen auskennt, wird man vor allem in der Lage sein, seinen Wert – verstanden als Summe aller künftigen Unternehmensgewinne, abgezinst auf die Gegenwart – mit hinreichender Gewissheit zu ermitteln. Zwar nicht auf die Nachkommastelle genau, aber immerhin doch in einer gewissen Bandbreite.

Und wenn man das kann, dann lassen sich gut begründete Investitionsentscheidungen treffen: Der Anleger investiert, wenn der Wert des Unternehmens deutlich über dem Preis – also über seinem Börsenwert - liegt. Wenn der Wert zu nahe am oder gar unter dem Preis liegt, investiert er nicht. Er übt sich in Geduld, wartet bis der Preis stimmt und hält weiter Ausschau nach attraktiven Gelegenheiten.

Ein solches Vorgehen ist bei Investitionsentscheidungen, die sich auf Makro-Prognosen stützen, im Regelfall nicht möglich. Zum Beispiel lässt sich für den Aktienmarkt insgesamt oder die Wechselkurse von Währungen der Wert nur sehr schwer oder gar nicht ermitteln. Wenn man aber nicht mit hinreichender Gewissheit sagen kann, was der Wert des, sagen wir, US-Dollar-Euro-Wechselkurses ist, wie will man dann eine sinnvolle Investitionsentscheidung treffen? Die Antwort, die auf diese Frage passt, unte-streicht noch einmal die Ratio „Mikro statt Makro“.

Und was ist mit Zukunftseinschätzungen zu den großen Veränderungen im „Big Picture“? Hierzu zählen zum Beispiel Umbrüche in der weltweiten Geld- und Kreditarchitektur. Zweifelsohne hätten sie das Potenzial, die Kaufkraft der Währungen nachhaltig zu beschädigen, die weltweite Produktions- und Beschäftigungsstruktur aus den Angeln zu heben und letztlich auch den Wert der Geschäftsmodelle vieler Unternehmen nachhaltig zu beeinträchtigen. So bedeutsam sie auch sein mögen: Es lässt sich nicht vorab sagen, ob sie sich leichter prognostizieren lassen als das Auf und Ab der Börsen und Konjunkturen. Weil sie aber „Game Changer“ sein können, zahlt es sich vermutlich für den Investor aus, die Möglichkeit großer Veränderungen im „Big Picture“ im Blick zu haben.

Der Investor, der auf „Mikro statt Makro“ setzt, kann dem Unwissenheitsproblem vermutlich am besten die Stirn bieten, indem er langfristig in großartige Unternehmen investiert – und an ihnen festhält, durch Hausse und Baisse, durch Boom und Bust hindurch. Großartige Unternehmen sind in der Lage, für lange Zeit hohe Eigenkapitalrenditen zu erwirtschaften, den Gewinn pro Aktie zu steigern und durch wirtschaftlich und monetär schwierige Phasen durchstehen. Stimmt das Geschäftsmodell, wird sich das langfristig im Aktienkurs zeigen, ungeachtet kurzfristiger Kursrückschläge und -einbrüche.

Das jedenfalls zeigen die Ergebnisse der erfolgreichsten Investoren unmissverständlich. Und solange es keine bessere Strategie gibt, macht es da nicht Sinn, dem Vorgehen der wirklich Erfolgreichen zu folgen?

Dieser Beitrag wurde am 31. Januar 2018 auf WirtschaftsWoche Online veröffentlicht.