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05/09/2018 11:31 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 11:31 CEST

Was Sachsens Integrationsministerin im Osten hört: "Integriert doch erstmal uns!"

Sachsens Integrationsministerin über die Frage, was die Menschen im Osten umtreibt.

JOHN MACDOUGALL via Getty Images
Demonstranten vom rechten Bündnis "Pro Chemnitz" am 1. September 2018 in Chemnitz

Nach den rechten Protesten in Chemnitz fragen sich viele Menschen, warum das Misstrauen in die etablierten Parteien und die Demokratie in Ostdeutschland so groß sind. Woher die Wut auf Flüchtlinge kommt, obwohl im Osten gar nicht so viele leben. 

Petra Köpping (SPD) ist Integrationsministerin in Sachsen. In ihrem Buch, das diese Woche erschienen ist, skizziert sie Erklärungen. Sie zeigt, wie aus großer Politik und menschlichen Begegnungen das Gefühl von Demütigung entstanden ist, das noch lange nicht verarbeitet ist. Köpping glaubt, dass Ost- wie Westdeutsche dringend nochmal über die Zeit nach der Wende reden müssen.

Der Titel des Buchs ist an einen Satz angelehnt, den ihr ein Demonstrant zuraunte: “Sie immer mit Ihren Flüchtlingen! Integriert doch erst mal uns!“

Es gibt genug Leute, die sagen: Lasst doch endlich diese Ost-West-Sache ruhen! Das wirbelt nur wieder Ärger und Wut auf!

Andere meinen, das sei eher ein Thema für Geschichtsvorlesungen, aber nicht für die Parlamentsdebatten. Man soll die Aufarbeitung “der Wissenschaft überlassen”. Doch das greift meiner Ansicht nach zu kurz.

Kränkungen vergisst man nicht

Kränkungen vergisst man nicht – sie prägen weiter, wenn sie nicht bearbeitet werden. Und werden weitergegeben. Wir brauchen eine Aufarbeitung der Nachwendezeit in der Breite der Gesellschaft.

Wir Ostdeutschen können dabei selbstbewusst und offensiv auftreten – was aber auch einen kritischen Blick auf die letzten 30 Jahre erfordert. Zum Selbstbewusstsein und zur Selbstachtung gehört auch, eigene Fehler einzugestehen und Defizite zu benennen.

Es wäre bitter, wenn uns die Entwicklung der letzten 30 Jahre nicht weiter zusammenführt, sondern spaltet. Und diese Gefahr besteht – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Erloschene Liebe zum Osten

Derartige Entfremdungsprozesse werden inzwischen offen benannt, etwa vom Journalisten Markus Decker in seinem Zeit-Artikel mit dem bitteren Titel, “Ich bin wieder der Wessi”.

Markus Decker ist nicht irgendeiner. Er schrieb für viele Zeitungen über 28 Jahre aus dem Osten und sogar Bücher über seine Liebe zum Osten.

Wie vielen “Wossis” machte es ihm immer wieder zu schaffen, “dass sich in der alten Heimat [im Westen] fast niemand zu interessieren schien für das, was in meiner neuen Heimat [im Osten] vor sich ging. Spätestens nach der Antwort auf die zweite Alibifrage hörte der Fragesteller nicht mehr hin. Der Osten war zweitrangig, bestenfalls.”

Und nun schreibt er nach den ausländerfeindlichen Exzessen: Die Liebe zum Osten sei erloschen. “Ich habe den Osten immer so verteidigt. (…) Doch inzwischen hat sich für mich vieles geändert. Meine Sicht auf den Osten, auf diese zweite Heimat. Mein Verständnisreservoir ist, was Ostdeutschland betrifft, seit der Flüchtlingskrise aufgebraucht.”

Fast möchte man antworten: Echte Liebe zeigt sich erst in der Krise. Bitte keinen Schnellschuss.

Entfremdung zwischen Hiergebliebenen und Weggezogenen

Doch ich sehe auch andere Entfremdungsprozesse, und zwar zwischen Jung und Alt, oder besser, zwischen den älteren Hiergebliebenen und den jüngeren, die zum Studieren und Arbeiten weggezogen sind.

Für die meisten, die heute in westdeutschen Großstädten oder irgendwo in Europa leben, bestehen die Kategorien Ost und West so nicht mehr. Viele kommen nun aber heim, sei es an Geburtstagen oder zu Weihnachten, und entdecken, dass ihre Eltern Pegida unterstützen und Vorurteile am heimischen Küchentisch Platz nehmen. Eltern und Kinder sind auf einmal erschrocken, welche Kluft sich zwischen ihnen aufgetan hat.

In wie vielen Familien sind die Tischtücher zerschnitten? Schon allein für den Zusammenhalt der vielen Familien ist es erforderlich, die Aufarbeitung der schwierigen Nachwendezeit anzugehen und gemeinsam nach neuen Lösungen zu suchen. 

Integriert doch erst mal uns!

Wenn mir Leute zuriefen: “Integriert doch erst mal uns”, dann beinhaltet dies den Wunsch, endlich nicht mehr Bürger zweiter Klasse zu sein, sondern gleichwertig in der bundesdeutschen Gesellschaft ankommen zu wollen. Manche haben daraus Ähnlichkeiten zur Lebenswirklichkeit von Migranten herausgelesen.

Als die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt kommentierte, “30 Prozent der Kinder und Jugendlichen heute haben bereits einen Migrationshintergrund, und dabei habe ich die Ossis jetzt noch nicht mitgerechnet”, sorgte dies für massive Aufregung im Netz und zu einer üblen Kampagne von rechts außen gegen sie.

Auch manche ostdeutsche Leserin und Leser werden sich gefragt haben: “Werde ich jetzt mit Türken und Syrern verglichen?” Einige warfen der Ostdeutschen Göring-Eckardt Rassismus und Diskriminierung von Ostdeutschen vor.

“Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, ähneln Erfahrungen von migrantischen Personen”

Doch lassen wir uns doch mal kurz auf den Gedanken ein! Die Migrationsforscherin Naika Foroutan stellte etwa fest: “Sehr viele Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, ähneln den Erfahrungen von migrantischen Personen in diesem Land.

Dazu gehören Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen.”

Sowohl den Türken, Italienern und Ostdeutschen sei von den Westdeutschen gleichsam unterstellt worden, “sie hätten nie gelernt, richtig zu arbeiten. Oder die Reaktion, wenn jemand über Ungleichheit spricht. Jammer-Ossis heißt es bei den Ostdeutschen, Opferperspektive bei Migranten. Auch der Vorwurf, hier nicht richtig angekommen zu sein, ist ähnlich. Ebenso wie der, sich in der sozialen Hängematte auszuruhen und von Sozialleistungen oder dem ‘Soli’ zu leben. Sogar der Vorwurf, nicht demokratiekompatibel zu sein.”

“Die üblichen Begleiterscheinungen vieler Integrationsprozesse”

Ähnlich schrieb es Ralph Bollmann in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”:

“Nüchtern betrachtet, sind das die üblichen Begleiterscheinungen vieler Migrationsprozesse. Die erste Generation von Einwanderern muss oft Jobs annehmen, die unter ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau liegen. Diese Erfahrung machten die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg genauso wie später die Russlanddeutschen. Das hat viele Gründe. Die völlig verschiedene Wirtschaftsstruktur von Herkunfts- und Aufnahmeland zählt dazu, andere Ausbildungsgänge, fehlende Netzwerke in der neuen Gesellschaft, geringere materielle Absicherung. Es geht auch um Habitus und kulturelle Missverständnisse: Was der Ostdeutsche vielleicht als bescheiden empfindet, gilt dem westdeutschen Chef womöglich als Mangel an Initiative.”

Oder lesen wir bei Jagoda Marinić in der “Süddeutschen Zeitung” nach:

“Die Ostdeutschen bekamen den deutschen Pass natürlich schneller als die neuen Deutschen, die zuerst da waren, schließlich waren die Ostdeutschen verlorene Söhne. Dafür, dass sie wieder in die Familie aufgenommen wurden, verloren sie ihr Schulsystem, ihr politisches System, ihre Wirtschaftsordnung. Sie hätten diese Zeit als Gewinn erleben können, doch das vereinte Deutschland versäumte es, einen gemeinsamen Neubeginn zu wagen. So trat der Osten einfach der Bundesrepublik bei. Die Ossis kamen zu Wessi-Konditionen zur Einheit, sie wurden eingegliedert. Man erwartete von ihnen eine Integrationsleistung wie von jedem Ausländer auch.”

Eine höchst bedenkenswerte Perspektive!

Was können wir nun tun?

Kann Deutschland zusammenwachsen, solange sich seine Bürgerinnen und Bürger nicht auf Augenhöhe begegnen und voneinander wissen?

Kann allein Geld heilen? Oder geht es nicht eher um Genugtuung? Und um Deutungshoheit: Wer darf wen beurteilen und über seine Perspektive entscheiden? Welche Erfahrungen müssen aufgearbeitet werden? Wo kann die Politik helfen? Und an welchem Schopf müssen wir Ostdeutsche uns aus manchem Selbstmitleid ziehen?

Wenn ich durch das Land fahre und versuche, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen, ist die Reaktion oft zweigeteilt. Während die einen froh darüber sind, dass ich mich als Ministerin diesem Thema widme, winken die anderen ab und meinen, es ändere sich doch sowieso nichts, denn darauf habe man schon fast 30 Jahre vergeblich gewartet.

Nicht wenige haben sich bereits aus dem demokratischen Prozess verabschiedet, bevor sie überhaupt in den Diskurs getreten sind, weil sie die Erfahrung gemacht haben – ob nun zu Recht oder nicht –, dass ihre Meinung nicht gehört wird, nicht durchdringt, nichts zählt.

Aber ist das wirklich so? Kann man nicht auch Dinge ändern, Fehler korrigieren? Gerechtigkeit herstellen? Sich auf Augenhöhe begegnen?

Ich denke schon.  

 Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch ”‘Integriert doch erst mal uns!’ – Eine Streitschrift für den Osten”, erschienen im Ch. Links Verlag.

Ch Links Verlag