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07/04/2018 16:19 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:44 CEST

Warum ich nie völlig deutsch sein werde – dieses Land aber trotzdem liebe

Nicht nur Klischees wie Brot und Weißbier sind für mich typisch deutsch.

Agatha Kremplewski
Agatha Kremplewskis Eltern kommen aus Polen. Sie selber hat nie woanders als in Deutschland gelebt – und fühlt sich dennoch nicht komplett angekommen. 

Dass ich nicht wirklich deutsch bin, merkte ich, als ich “Wetten, dass…?” kennenlernte.

Wer sich nicht mehr erinnert: Bei der Fernsehshow forderte Thomas Gottschalk wöchentlich ungewöhnlich talentierte Menschen heraus, etwas Unglaubliches zu tun – zum Beispiel ein Telefonbuch auswendig zu lernen. Meine polnische Familie schaute so etwas nicht.

Ich war etwa 12, hatte mein ganzes Leben in Deutschland verbracht und beherrschte die Sprache perfekt. Was die deutsche Kultur anging, hatte ich allerdings offensichtlich noch Lücken.

Deutsche Fernsehunterhaltung

Zu dieser Zeit etwa besuchte ich, gemeinsam mit anderen Klassenkameradinnen, eine Freundin am Stadtrand von Düsseldorf. Sie hatte ein schönes Haus mit Garten, einen Hund – und sonntags schaute die gesamte Familie abends gemeinsam fern.

“Jaaa - gleich kommt ‘Wetten, dass…?’” - “Das schaue ich auch immer mit meinen Eltern!” - “Hast du die Folge letzte Woche gesehen?!”, riefen meine Freundinnen durcheinander. Und ich stand dazwischen und dachte: Au Backe, hab ich was verpasst?

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Bei uns zu Hause wurde zwar viel ferngesehen, aber es gab keine typische, deutsche Show, die wir gemeinsam angeschaut hätten (übrigens auch keine polnische – polnisches Fernsehen gab es bei uns zu Hause nie). Meist liefen amerikanische Filme.

Ehrlich gesagt dachte ich als Kind immer, die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender schauten nur Omas. Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass ARD, ZDF & Co. im Wesentlichen zur deutschen Kulturlandschaft gehörten und sogar das familiäre Unterhaltungsprogramm nachhaltig prägten.

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Während ich also meine erste Folge “Wetten, dass…?” schaute (und mich dabei, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilte), lernte ich, wie der Sonntagabend bei einer typisch deutschen Familie verläuft. Oder so kam es mir zumindest vor. Was für sie normal war, war für mich fremd.

Lauwarm integriert – deutsche Gastfreundschaft

Von da an sind mir regelmäßig Kleinigkeiten aufgefallen, die ich als unglaublich deutsch empfinde und die ich von mir selbst nicht kenne – vielleicht gerade, weil ich sie im Kreise meiner ausländischen Familie nicht erlebt habe.

Was mir schon immer sehr deutsch vorkam, waren nicht nur kultige Fernsehshows oder Klischees wie deutsches Brot oder Weißbier. Ein Thema ist etwa die deutsche Gastfreundlichkeit, die ich recht speziell finde.

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Wenn ich zum Beispiel als Kind bei deutschen Familien eingeladen war, hatte ich oft eher den Eindruck, lauwarm integriert als herzlich willkommen zu sein. Natürlich wurde für mich mit gekocht und gedeckt, ich durfte an allem teilhaben, an dem die Familie teilhat. Es war ein bisschen so, als hätten die Eltern einen Abend lang eben ein weiteres Kind.

In vielen anderen Kulturen, auch in der polnischen, wird wesentlich mehr Tamtam gemacht bei Besuch.

Vielleicht durfte ich auch deswegen als Kind nur selten und auf besondere Erlaubnis hin Freunde mit nach Hause bringen, weil meine Eltern sich dann immer verpflichtet fühlten, dem Gast, selbst wenn es nur ein neunjähriger Schulkamerad war, etwas Außergewöhnliches bieten zu müssen.

Das kann ganz schön anstrengend sein (wahrscheinlich auch für den Neunjährigen, der vielleicht einfach nur sein Wurstbrot bei einer Folge “Wetten, dass…?” genießen will).

Daran, wie vergleichsweise beiläufig Deutsche ihre Gäste behandeln, merkte ich, wie viel Polin eigentlich in mir steckte. Bis heute werde ich ein wenig nervös, wenn ich Besuch erwarte und feststelle: Oh Gott, der Kühlschrank ist quasi leer!

Auch habe ich gelernt, dass sich Deutsche viel weniger scheuen, ihr Recht einzufordern.

Wenn ich mit meinen deutschen Freunden verreise, schämen sie sich zum Beispiel nicht, ein dreckiges Hotelzimmer bei der Rezeption zu melden. Mir ist das peinlich, obwohl das durchaus zu meinen Gunsten ausgehen kann.

Weniger günstig ist es allerdings, wenn meine deutsche Mitbewohnerin es als ihr gutes Recht ansieht, um 10 Uhr morgens wie ein Elefant durch die Wohnung zu stapfen, während ich noch schlafe. Schließlich ist es auch ihre Wohnung und 10 Uhr eine christliche Tageszeit.

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Von meiner polnischen Familie kenne ich es jedoch, dass wir immer auf Zehenspitzen laufen, wenn jemand schläft – egal zu welcher Tageszeit.

Was ich als Deutsch empfinde

So viele Begebenheiten es auch gab, in denen ich die deutsche Mentalität als nervig oder fremd empfand – so viele schöne Situationen und Eigenschaften gibt es, die ich bewundere und mit denen ich mich identifiziere.

► Deutsch sein bedeutet für mich zum Beispiel ernst gemeinte Freundlichkeit.

Ja, die Deutschen sind keine Weltmeister im Smalltalk. Überschwängliche Freude, Körperkontakt und Offenheit sind hier nicht so. Aber wenn ein Deutscher sein Herz öffnet, kann man sich auf ihn verlassen.

► Deutsch sein bedeutet für mich Respekt.

Was andere vielleicht als distanziert empfinden, ist für mich die Akzeptanz meiner Privatsphäre und meiner Grenzen. In der Bahn wird sich selten jemand an mich drängen oder schubsen und wenn, wird er sich in den meisten Fällen entschuldigen.

Vielleicht wird man seltener umarmt oder angefasst - aber es ist auch angenehm, dass mein Gegenüber mein persönliches Empfinden mitdenkt.

► Deutsch sein bedeutet für mich Toleranz und Weltoffenheit.

Die meisten Menschen, die ich hier kennengelernt habe und mit denen ich aufgewachsen bin, sind sensibilisiert auf Rassismus und Diskriminierung insgesamt. In vielen anderen Ländern habe ich eine stärkere Stereotypisierung erlebt, weniger politische Korrektheit und weniger Verständnis für andere Kulturen.

Ich fühle mich in Deutschland tief verwurzelt

Ja, dieses Land ist nicht perfekt. Aber ich habe den Eindruck, in Hinblick auf Willkommenskultur und interkulturelle Akzeptanz kann sich manch andere Nation ein Beispiel nehmen.

Ich fühle mich in Deutschland tief verwurzelt – auch wenn ich mir der polnischen Herkunft meiner Familie durchaus bewusst bin. Ich weiß, dass meine Kindheit nicht vollständig deutsch war und mein Leben niemals vollständig deutsch sein wird. Das muss es auch nicht.

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Ich bin froh über die verschiedenen Kulturen, die ich in mir vereine und den objektiveren Blick, den ich dadurch gewinne. Denn so kann ich sagen:

Ich liebe dieses Land nicht nur, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich liebe dieses Land, weil ich es mir so ausgesucht habe.

(vl)