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06/02/2019 16:28 CET | Aktualisiert 15/02/2019 10:40 CET

Instagram hat ein Problem mit nackten Kindern und alten Männern

Eine HuffPost-Recherche zeigt, wie ungestört Pädophile in dem beliebten Foto-Netzwerk ihr Unwesen treiben.

Das perfekt angerichtete Essen beim Vietnamesen in der Innenstadt, die Urlaubsfotos aus Hawaii, ein Selfie mit dem neuen Makeup: Die meisten der rund eine Milliarde Instagramnutzer dürften die beliebte Fotocommunity genau dafür kennen.

Hier – so scheint es – posten vor allem unbeschwerte junge Menschen Sequenzen aus ihrem mal mehr und mal weniger aufregenden Alltag. Doch nur wenige Klicks von dieser vermeintlichen Wohlfühlzone entfernt, wird es düster.

Hier rekeln sich junge Mädchen und Jungen in aufreizenden Posen. Sie tragen Unterwäsche, manche von ihnen sind gerade elf Jahre alt geworden, andere sind 14 oder 15. Darunter kommentieren Männer: “Sexy”, “heiß”, “schmutzig”. Oder: “Zeig mir deinen Penis!” Einige von ihnen sind sogar mit ihrem Klarnamen bei Instagram angemeldet, haben Fotos von sich oder von den eigenen Kindern hochgeladen.

Es ist eine Seite des beliebten Foto-Netzwerks, die erschaudern lässt. Die das freundliche Image von Instagram, das lange dafür berühmt war, anders als andere soziale Medien vor allem angenehme Seiten des Zusammenlebens zu zelebrieren, in Zweifel zieht.

Denn, was die Fälle noch bedenklicher macht: Instagram scheint nicht systematisch gegen die Ausbeutung von Kindern und Teenagern vorzugehen. Eher scheint es, als würde die Tochterfirma von Facebook in vielen Fällen bewusst wegschauen. Experten warnen: Hier entsteht gerade ein gefährlicher Rückzugsort für Pädophile.

Ältere Männer kommentieren nackte Jungen

Falko (Name geändert) trägt einen Ohrring am linken Ohr, er hat kurze braune Haare, die an den Seiten schon ergrauen. Sein Profilname bei Instagram könnte darauf hindeuten, dass er 31 Jahre alt ist. Er sieht eher aus wie 45.

Etwas unbedarft schaut Falko auf seinem einzigen Foto, einem Selfie, in die Kamera, das Bild ist verwackelt, sein Gesicht füllt nur die untere Hälfte des Fotos aus.

Doch Falko ist ohnehin nicht bei Instagram, um eigene Bilder zu teilen. Darauf deutet zumindest einiges hin. 53 Nutzern folgt der Mann, der aus dem deutschsprachigen Raum zu stammen scheint.

Sie haben Namen wie “Cute Boy Models”, “Trade Kids 69″ oder “Boy Mark 2004”. Viele dieser Konten sind “privat”, man muss eine Anfrage stellen, bevor man die hier geposteten Fotos sehen kann. Andere sind öffentlich zugänglich.

Screenshot
Die meisten Accounts, die anzügliche Bilder kleiner Jungen verbreiten, sind "privat". Wir haben ihre Profilbilder und Namen unkenntlich gemacht.

Vor allem Fotos von vorpubertären Jungen sind hier zu sehen, meist verschiedene “Models” pro Account. Sie tragen Unterwäsche, auf einem Bild greift sich ein Junge in den Schritt um die Wölbung seines Penis in den Boxershorts zu zeigen. 

33 Nutzer haben kommentiert. “Sexy”, schreibt ein “Helmut”. Falko hat auf “Gefällt mir” gedrückt.

Teenagermodels und Perverse 

Andere Nutzer wie Falko folgen vor allem Accounts, die vorgeben, kleinen Mädchen zu gehören. Manche von ihnen folgen tausenden dieser Profile.

Die dort gezeigten Mädchen sind weit unter 18 Jahren – oft wohl auch unter 13. Das ist eigentlich das Alter, das Instagram als Mindestalter für den Gebrauch der Plattform definiert hat.

Die Mädchen liegen auf Betten oder am Pool, stehen in Unterwäsche vor einfarbigen Hintergründen, die wirken, als hätte der Fotograf mit einem Bettlaken eine Art Fotostudio improvisieren wollen. 

Wer sich die Uploader genauer ansieht, merkt, dass es sich wohl um mindestens zwei verschiedene Arten von Nutzern handelt.

Einige der Accounts gehören zu professionellen oder semiprofessionellen “Teenager-” oder “Kindermodels”. Sie posieren für kleinere und größere Modemarken, oft in knappen Outfits oder in Bademode und werden vorgeblich von den Eltern oder einer Agentur betrieben. 

Andere Accounts jedoch wirken wie Sammlungen von teilweise offenbar privaten Schnappschüssen von Kindern und jungen Teenagern. Viele von ihnen geben vor, von den abgebildeten Jugendlichen betrieben zu werden. Andere machen deutlich, dass die Betreiber lediglich “Sammler” anzüglicher Kinderfotos sind. 

Fotos eines Jungen mit entblößten Genitalien auf einem Bett, die rechtlich in den kinderpornografischen Bereich fallen dürften, finden sich hier ebenso, wie offensichtlich ungefragt geschossene Bilder von jugendlichen Mädchen am Strand.

Zum Hintergrund: Das Strafgesetzbuch definiert Kinderpornografie als Abbildung von a) sexuellen Handlungen von, an oder vor einer Person unter 14 Jahren, b) ganz oder teilweise unbekleideten Kindern in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung oder c) unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes. Sind die Gezeigten älter als 14 Jahre aber jünger als 18 handelt es sich um Jugendpornografie.

Experte warnt: Fast jedes Kind wird Opfer

Thomas-Gabriel Rüdiger kennt das Phänomen. Er arbeitet als Kriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft an der Fachhochschule der Polizei in Brandenburg. Er hat sich auf Cyberkriminologie spezialisiert und forscht auch zu sexuellem Missbrauch von Kindern im Netz.

Gegenüber der HuffPost erklärt er: “Eltern stellen leider nicht selten Bilder ihrer Kinder zum Beispiel auf Instagram, aber auch auf WhatsApp als Profilbild ein, da sie letztlich stolz auf ihre Kinder sind und dies auch von anderen hören wollen.”

Das könne auch dazu führen, dass sie Bilder von den Kindern beim Sport, am Strand oder auch in der Badewanne öffentlich posten, teilweise seien die Kinder dabei auch nackt. Kinder würden zudem im digitalen Raum auch mit diesen Mechanismen aufwachsen und dann selbst entsprechende Bilder und Videos posten.

Rüdiger
Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger warnt vor den dramatischen Ausmaßen, die sogenanntes "Cybergrooming" im Netz mittlerweile annimmt.

Rüdiger warnt: “Leider ist erkennbar, dass Sexualtäter explizit diese öffentlich geposteten Bilder sammeln und wenn die Bilder von den Kindern selbst hochgeladen werden auch den Kontakt suchen.”

Das nehme bisweilen drastische Ausmaße an, wie der Kriminologe bestätigt: “Persönlich gehe ich beispielsweise davon aus, dass annähernd kein Kind im digitalen Raum aufwachsen kann, das nicht auch mit einem Sexualtäter - einem Cybergroomer - konfrontiert wird.”    

Instagram sperrt Bilder zunächst nicht

Die HuffPost hat 40 Bilder aufgespürt, die Kinder und Jugendliche in sexualisierenden Posen zeigen, und über die in der App integrierte Melde-Funktion bei Instagram angezeigt. Das ernüchternde Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Fotos wurde nicht sofort gelöscht. Die standardmäßig ausgespielte Begründung:

“Wir haben den Beitrag, den du wegen Nacktheit oder Pornografie gemeldet hast, überprüft und festgestellt, dass er nicht gegen unsere Community-Richtlinien verstößt.”

Das mag verwundern. Denn das Unternehmen erklärt in den eigenen Gemeinschaftsrichtlinien, Bilder von “nackten und halbnackten Kindern” im Zweifelsfall aus Sicherheitsgründen zu löschen. Selbst wenn die Intention hinter den Fotos – wie etwa bei Familienfotos am Strand – harmlos zu sein scheint.

Trotzdessen blieb etwa ein Foto online, das eine obenrum unbekleidete Jugendliche – nicht älter als 15 Jahre – unter der Dusche zeigt. Nur mit einem Arm verdeckt sie ihre Brüste.

Oder ein Bild, das zeigt wie ein Junge, der kaum älter zu sein scheint als elf, nackt auf einem Bett liegt – nur mit einer Windel bekleidet. Laut Strafgesetzbuch wohl eine Abbildung in “unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung”, die das Bild als Kinderpornografie qualifizieren könnte.

Auf Anfrage der HuffPost teilt ein Instagram-Sprecher nur mit: “Die Sicherheit von Minderjährigen auf Instagram hat für uns oberste Priorität. Wir erlauben keine Inhalte, die Minderjährige gefährden.”

Nach der Kontaktaufnahme durch die HuffPost hat Instagram die erwähnten Accounts immerhin doch noch gesperrt. “Wir haben die Konten entfernt und sie an die Behörden gemeldet”, heißt es von Seiten des Unternehmens.

Soziologe glaubt: Händler wollen Kunden locken

Experten kritisieren allerdings scharf, dass das kaum systematisch passiert. So auch Professor Frederic Vobbe, der an der Hochschule Heidelberg zu sexualisierter Gewalt im Internet forscht.

Vobbe sagte der HuffPost: “Webanbieter zum Teilen von Bildern- und Videos haben, wenn es sich nicht um nachweisliche Strafhandlungen handelt, zunächst einmal kein Interesse, derartige Profile und Handlungen zu sanktionieren.”

Der unzensierte Handlungsspielraum der Nutzer sei für Unternehmen wie Bargeld, da sich die Zahl der Nutzer und Nutzerinnen auch am Maß der Handlungsfreiheiten bemesse.

Vobbe erklärt: “Man will niemanden einschränken, damit er nicht den Dienstanbieter wechselt. An dem Thema beißt sich die politische Prävention übrigens schon seit ein paar Jahren die Zähne aus.”

Auch die Nutzern eingeräumte Freiheit in sozialen Netzwerken sorge dafür, dass sich das Problem anzüglicher Kinderfotos beispielsweise in Richtung von Plattformen wie Instagram verlagere.

“Vor ein paar Jahren waren es noch einschlägige Seiten die meist nur vorgaben, Kindermodels zu umwerben, deren Zweck aber eigentlich darin bestand, Menschen, die ein Interesse daran haben, Missbrauchsabbildungen zu konsumieren, als ‘Appetizer’ zu dienen”, erklärt Vobbe.

“Meistens verabredete man sich von dort, um auf anderen Kanälen damals meist mittels Clouds explizite Bilder zu verkaufen oder zu tauschen.” Heute komme es auch bei Instagram zu ähnlichen Aktivitäten.

So vermutet der Soziologe, dass auch kommerzielle Anbieter von Missbrauchsabbildungen längst bei öffentlichen Sozialen Netzwerken aktiv seien, um “Kunden“ anzulocken – und womöglich auch von ihren eigentlichen Aktivitäten im Darknet abzulenken.

Jenem weitgehend anonymen Teil des Internets, der immer wieder als Marktplatz für kriminelle Dienstleistungen missbraucht wird.

Kindermodels sammeln hunderttausende Follower 

Klar ist: Solche Fälle stellen im Falle Instagram die krasse Ausnahme dar.

Weit verbreitet sind dagegen die Fotos professioneller “Teenager-” und “Kindermodels”, die bei teilweise kommerziellen Fotoshootings in wenig kindgerechten Posen abgelichtet werden.

Hunderttausende Follower haben einige von ihnen – schon bevor sie das Instagram-Mindestalter von 13 Jahren erreicht haben. Wer die Liste der Follower stichprobenartig durchsucht, bekommt den Eindruck, dass es auch hier einen signifikanten Anteil älterer Männer gibt.

Die fragwürdige Entscheidung von Eltern, ihre Kinder schon im jungen Alter vor einem riesigen weltweiten Publikum zu Bikini-Models zu stilisieren, ist das eine. Das andere ist das Umfeld, das Instagram für Pädophile schafft, die in den Kommentarspalten dieser Bilder ihre Fantasien ausleben.

Unter den Fotos einer elfjährigen Russin, die sich in engem Poledance-Kostüm an einer Stange rekelt oder im auffällig kurzen Rock auf der Küchenanrichte sitzt, schreiben Nutzer ungehemmt obszöne Kommentare. “So sexy”, “fantastische Beine”, “was ein Hintern”. Oder: “Willst du 25 Zentimeter in deiner Muschi und deinem Arsch?”

Screenshot / HuffPost
Die Elfjährige ist stets im kurzen Rock zu sehen, meist trägt sie ein enges Top, ihre Beine sind gespreizt. Wir haben die Bilder verfremdet.

Experte Vobbe warnt: “Das sexualisierte Kommentieren von Kinderbildern kann auch als exhibitionistische Handlung betrachtet werden, deren Zweck im Machterleben mittels der verübten Integritätsverletzung liegt.”

Instagram äußert sich zum Problem der anzüglichen Kommentare nicht.

Die Bilder der elfjährigen Poledancerin im kurzen Rock jedenfalls findet das Unternehmen offenbar nicht anstößig. Auch nach mehrfacher Meldung bleiben alle Fotos online.

(jg/ben)