POLITIK
17/01/2019 17:43 CET | Aktualisiert 17/01/2019 17:43 CET

Inside Höcke, Teil 2

Höcke wettert gegen die Erinnerungskultur – und träumt von einem Aufstand.

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Im ersten Teil der Rezension des 2018 erschienenen Buchs “Nie zweimal in denselben Fluss” des AfD-Rechtsauslegers Björn Höcke und seines Interviewers Sebastian Hennig hat Liane Bednarz sich mit der Affinität des Politikers für deutsche Mythen, seiner Selbstheroisierung und Forderung nach mehr Männlichkeit sowie seiner ausgeprägten Verächtlichmachung politischer Gegner beschäftigt. Im zweiten Teil der Rezension stehen politische Forderungen Höckes sowie sein radikal rechter Blick auf die deutsche Erinnerungskultur im Vordergrund.

Liest man Höckes Buch, so fällt auf, was für einen ausgeprägt negativen, gar von Untergangsvorstellungen tief getrübten Blick der Mann auf die gesellschaftliche und politische Realität im Lande hat. Alles fügt sich wie zu einer große Erzählung aus einer düsteren Parallelwelt oder wie Szenen aus einem dystopischen Roman.

In Höckes Welt herrscht Verfall, wohin man sieht. Für ihn zeigen “unsere Schulen eindeutige Verfallssymptome” (S. 104), was ihn auf den folgenden Gedanken bringt:

“Eine alte Einsicht lautet: Gesunde Gesellschaften haben gesunde Schulen. Aus meiner unmittelbaren Erfahrung als Lehrer muss ich leider konstatieren, dass unsere Gesellschaft schwer krank ist.“ (S. 104)

► Auch hier also wieder eine Pathologisierung.

Das Gemeinwesen empfindet Höcke als “heruntergekommen” (S. 109), die Moderne hält er “für eine Verfallsform einer bedeutsamen Epoche, nämlich der Neuzeit, die vor rund fünfhundert Jahren in Europa einsetzte”. (S. 258 f.) Vom Verfall ist es bis zur Auflösung nicht weit. Das hört sich bei Höcke so an:

“Wir erleben die finale Auflösung aller Dinge: von den Identitäten der Geschlechter und Ethnien, den Familien, den religiösen Bindungen über die kulturelle Tradition, den Sinn für Form und Maß (…) bis hin zu den schützenden und formenden Grenzen der Staaten und Kulturen.” (S. 261 f.)

Damit erschöpft sich Höckes Lust an der Schwarzmalerei nicht.

► Er beklagt außerdem “unhaltbare Zustände in unserem Land“ und das “Totalversagen der politischen Klasse” (S. 231).

► Mit den westlichen Werten kann er nichts anfangen und diffamiert diese als “aufgeblasenen Werteschaum”, der “nur das tiefe Loch verlorener Identität” zudecken soll (S. 199).

► An anderer Stelle schimpft er über den “westlich-dekadenten Liberalismus” (S. 285).

Das war zu erwarten, denn der “Dekadenz”-Vorwurf gehört zu Höckes rhetorischem Standardrepertoire. Wer all das liest, wird sich nicht wundern, dass so viele Neurechte antiwestlich ausgerichtet sind und Putin bewundern, sehr wohl aber fragen, wie jemand bloß auf solche abseitigen Ideen kommen und diese, noch unverständlicher, dauerhaft beibehalten kann.

Für seine “Analyse der heutigen Krise” bemüht Höcke – er zitiert wie gesagt gerne - zudem “Machiavellis Hinweis, dass der Verfall immer von oben nach unten verläuft” und ergo “mit der Dekadenz der politischen Eliten” beginne.

Im Buch kommt er davon ausgehend zu folgender Bilanz: “Unsere Parteiendemokratie ist über den Weg einer Oligarchie zu einer Ochlokratie, einer Herrschaft der Schlechten, verkommen.” (S. 227)

Kulturessentialismus à la Höcke und sein Kreisen um das “Volk”

Wie bei vielen Neurechten bleibt auch bei Höcke nebulös, wie er das deutsche Volk definiert, dessen “bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch” er fürchtet. (S. 216)

Das ist vor allem deshalb verblüffend, weil er die AfD dazu aufruft, “ganz selbstbewusst darauf hin(zu)weisen, dass die Kategorie ‘Volk’ der zentrale Orientierungspunkt in unserem politischen Denken und Handeln ist”. (S. 133)

Auf die Frage von Sebastian Hennig, “was überhaupt ein Volk” sei, antwortet Höcke, dass sich das “nicht mit mathematischer Exaktheit sagen”, sondern “nur umschreiben” lasse (S. 127).

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Und zwar “als eine dynamische Einheit aus Abstammung, Sprache, Kultur und gemeinsam erlebter Geschichte”. Zudem seien “analog zur christlichen Auffassung des Menschen auch Völker leibseelische Einheiten”. (S. 131). Einen “biologischen Reduktionismus” (S. 128) lehnt Höcke ebenso ab wie eine “phänotypische Einheitlichlichkeit” (S. 131): Stattdessen beruft er sich auf den Philosophen und Anthropologen Arnold Gehlen, weil er wie jener den Menschen “vor allem als Kulturwesen” sehe. (S. 128)

Ein solcher Ansatz ist typisch für die heutige Neue Rechte, die an Stelle von biologischen Kriterien für die Feststellung von Homogenität einen Kulturessentialismus gesetzt hat.

Dieser geht grob gesagt davon aus, dass die Herkunftskultur Menschen nahezu unveränderbar prägt, weshalb verschiedene Kulturen möglichst in homogenen Räumen verbleiben und sich untereinander nicht vermischen sollen. Das klingt zwar harmloser als Trennungsforderungen aufgrund von Hautfarbe und ethnischen Merkmalen, läuft im Ergebnis aber ebenfalls darauf hinaus, den Zuzug von Menschen aus, wie es unter Rechten oft heißt, “raumfremden Kulturen”, möglichst kleinhalten zu wollen. Besonders deutlich ist das an Höckes Äußerungen zum Islam zu sehen, auf die noch zurückzukommen ist.

Den Begriff “völkisch” verwendet Höcke nach eigener Angabe nicht, weil dieser “für eine bestimmte politische Richtung Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts” stehe, deren Inhalte er “nicht teile”. Für besser halte er, der die AfD als “Vertretung der Volksopposition” sieht (S. 232), die Begriffe “volksverbunden” oder “volksfreundlich”, weil diese “die Gegner als eben nicht volksverbunden, ja volksfeindlich” entlarven würden.

► Womit sich wieder einmal zeigt, was von dem angeblich so dialogbereiten Höcke wirklich zu halten ist.

Je weiter man sich durch das Buch liest, umso klarer wird, wie sehr dieser Mann in Freund/Feind-Kategorien denkt. Und noch etwas zeigt sich an einer Stelle: die Bereitschaft, anderen das unterzuschieben, was man selbst in ähnlicher Weise andeutet.

So wirft ausgerechnet Höcke der “gegenwärtigen politischen Rhetorik” vor, “oft genug wie die Ouvertüre zu einem Bürgerkrieg” zu klingen (S. 136). Das muss man bizarr nennen.

Denn es ist Höcke, der seit Jahren behauptet, die AfD sei die „letzte evolutionäre” Chance für Deutschland. Was konsequenterweise bedeutet, dass im Falle des Scheiterns der AfD revolutionäre Zustände eintreten können. Und zu solchen kann, wenn auch nicht zwingend, nun einmal auch ein Bürgerkrieg gehören.

Das Wettern gegen die deutsche Erinnerungskultur –Höckes Dauerthema

Wenig überraschend beklagt Höcke die angeblich übermäßige Hingabe des deutschen Volkes an das “Fremde”, woraus er die Gefahr der Selbstabschaffung Deutschland ableitet. Und noch weniger überraschend macht er als Ursache dafür die deutsche Erinnerungskultur und die “Siegermächte” aus. Ein Thema, das er bereits in seiner berüchtigten Dresdner Rede im Januar 2017 auf die Spitze trieb.

Zwar grenzen sich Neurechte wie Höcke vom NS-Regime ab, jedoch lief ihrer Meinung nach 1945 in puncto Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung fast alles grundlegend schief. Dementsprechend groß ist die Rolle, die dieses Thema in “Nie zweimal in denselben Fluss” einnimmt.

Für Björn Höcke haben wir Deutsche mittlerweile “eine Disposition zum Exotismus, eine Liebe zum Fremden, die in Maßen adelt, aber in der extremistischen Ausprägung von heute sich zu unserem Schaden auswirkt”. (S. 217). Zu dieser “extremistischen” “Liebe zum Fremden” komme ein “pathologischer Selbsthass” hinzu. (S. 124)

Desgleichen diagnostiziert Höcke eine “Ideologie der Selbstaufgabe”, zu der sich der “alte europäische Universalismus und Kosmopolitismus” im Verbund “mit einem tiefsitzenden Schuldkomplex” extremisiert habe (S. 200).

Derlei Gerede ist einer der wichtigsten Topoi der deutschen Neuen Rechten, die insoweit oft und gerne auch von einem “Schuldkult” sprechen und die ganze Nation so zum Opfer einer vermeintlichen Verknechtung durch die “Siegermächte” beziehungsweise einer Selbstverknechtung machen. Ohne dieses Basisthema würde ihnen die große Opfererzählung vom deutschen Volk deutlich schwerer fallen.

So behauptet Höcke, dass “uns Deutschen” “die Legitimität jeglichen Widerstands gegen eine wahnsinnige Politik” “mit dem Verweis auf unsere historische Schuld abgesprochen” werde. Wen er damit meint, also wer “uns” das angeblich abspricht, lässt er offen.

Derlei Raunen ist typisch für viele Rechte. Wenn es konkret wird, bleibt man gerne vage. Allgemeine Unterstellungen sind bequemer. So auch diejenige Höckes, derzufolge “unsere Medien und der überwiegende Teil unserer öffentlichen Vertreter sich in dem Gefühl der eigenen nationalen Verworfenheit geradezu suhlen”. (S. 100)

Höckes Aversion gegen die “Siegermächte” geht allerdings noch weit darüber hinaus. Er spricht vom “Inferno des anglo-amerikanischen Bombenterrors”, beklagt gar, dass Teile des “Heimatlands” “ohne jede Volksbefragung den Nachbarstaaten zugeschlagen” wurden (S. 39) und prangert an, dass die Bundeswehr “nie eine genuin deutsche Armee” gewesen sei, “die an die großen nationalen Militärtraditionen anknüpfen wollte, sondern bewusst diesen Bruch forcierte und stets im Dienste fremder Mächte stand”. (S. 53)

Höcke meint außerdem zu wissen, dass es nach 1945 einen “weit verbreiteten aufrichtigen Willen” der Deutschen gegeben habe, “die Verfehlungen und Verbrechen des Dritten Reiches zu verarbeiten”.

Dieser aber sei “von den Interessen der Siegermächte (überlagert)” worden, was “eine wirkliche Katharsis erschwert, wenn nicht gar vereitelt” habe. Überhaupt habe “eine Stärkung unserer nationalen Substanz” “ohnehin nicht im Interesse der Alliierten” gelegen. Vielmehr seien diese “gewillt” gewesen, “uns als Völkerrechtssubjekt vollständig auszuschalten”. Nur der Kalte Krieg habe “uns Deutsche davor bewahrt”. (S. 65)

In Höckes Ideenwelten ist “der vorhandene moralische Impuls” der Deutschen nach 1945 “geschickt in die einsetzende ‘Vergangenheitsbewältigung’ überführt (worden) – zum Zwecke politischer Gängelung und Paralyse unserer nationalen Identität”. (S. 65/66).

Angesichts solcher Ansichten ist Höckes Dresdner Forderung nach einer “180-Grad-Wende” in der Erinnerungspolitik oder sein Gerede von einer “dämlichen Bewältigungspolitik” nicht weiter verwunderlich.

Auch in “Nie zweimal in denselben Fluss” fordert er erneut “eine ganz andere” “Beschäftigung mit unserer Geschichte”, da mit der jetzigen “Geschichtsverarbeitung” “nur unser nationales Selbstwertgefühl unterminiert werden” solle. (S. 69)

Zwar räumt der AfDler ein, dass man die “Augen nicht vor den Fehlern und Verbrechen der NS-Zeit verschließen” dürfe, kommt dann aber gleich wieder darauf zu sprechen, dass “kein Mensch und kein Volk sein Selbstbewusstsein nur auf negativen Bezügen aufbauen” könne. (S. 67)

Damit stellt er nicht zuletzt einen klassischen Pappkameraden auf, denn wer außerhalb gewisser marginaler radikal linker Kreise fordert das schon?

Drohende “kulturelle Kernschmelze” infolge der “Masseneinwanderung”

Wie die meisten Neurechten ist Höcke nicht grundsätzlich gegen Einwanderung, was aber im Lichte seiner noch vorzustellenden Ansichten zur “Remigration” nicht überbewertet werden sollte.

Für ihn “kommt es bei der Einwanderung auf die Zahl und die kulturelle Kompatibilität” der Migranten an. Eine “Tropfeneinwanderung” sei “unproblematisch”, eine “Masseneinwanderung” hingegen kritisch zu sehen, “besonders wenn die einströmenden Menschen ethnisch kulturell nicht so verwandt sind”. (S. 130).

Wie seine weiteren Äußerungen zeigen, sind in puncto Masseneinwanderung aus seiner Sicht bereits so gut wie alle Dämme gebrochen.

Der AfD-Politiker dramatisiert und dramatisiert. Für ihn droht, sollte die “gewaltsame Transformation des hergebrachten Nationalstaates in eine multikulturelle Zuwanderungsgesellschaft nicht bald” gestoppt werden, “in Deutschland und Europa tatsächlich eine kulturelle Kernschmelze”. (S. 185) Er geht sogar noch weiter, stellt allen Ernstes die “Multikulti-Ideologie” insofern in eine Reihe mit dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus, als er behauptet, jene sei nicht weniger “wirklichkeitsfremd”. (S. 147)

Das passt zu seiner Rede beim “Kyffhäusertreffen” im Juni 2018, auch er wenn dort nochmals extremer sprach und es für möglich hielt, dass “wir schon in Kürze einen Kultur- und Zivilisationsbruch erleben, wie wir ihn wahrscheinlich und unsere Vorfahren in ihrer Geschichte niemals erlebt” haben, womit er suggerierte, dass sich die Zuwanderung als noch schlimmer als das Dritte Reich erweisen könnte.

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Höcke beim "Kyffhäusertreffen". 

Höcke arbeitet auch bei diesem Thema mit Unterstellungen und behauptet, es gehe in der Flüchtlingskrise “nur vordergründig um Schutz und Hilfe”.

In Wahrheit, so fährt er fort, “sollen nach den Vorstellungen unserer Machthaber, die zu einer geschlossenen transatlantischen politischen Elite gehören, alle Menschen, die es geschafft haben, nach Europa und Deutschland zu kommen, hierbleiben und möglichst noch viele mehr dazukommen – am besten aus nichteuropäischen Ländern”. Man müsse endlich diesen “lügenhaften Schleier lüften“ (S. 200).

Das wahre Ziel der “Globalisten” bestehe darin, “das farbenprächtige Pluriversum ethnisch-kultureller Eigenständigkeit mit Heimatrecht und Ansiedlungsmonopolen durch eine neuartige Kosmopolis multitribaler Gesellschaften mit internationaler Niederlassungsfreiheit” abzulösen, welche “dann umso leichter beherrschbar wären”. (S. 206/207). Auch hier zeigt sich, wie aus rechten Vorstellungen Verschwörungstheorien werden können.

Wenig überraschend sorgt Höcke sich noch dazu vor einer angeblichen “Islamisierung, Orientalisierung und Afrikanisierung” (S. 200).

Wenn es so weitergehe, werden, so fürchtet er, “künftige Völker durch unsere verödeten Rathäuser, Bahnhöfe, Museen, Theater und Schwimmhallen gehen und darüber staunen, wie eine so mächtige, geistreiche und wohlhabende Gesellschaft daraus hinweggewischt wurde” (S. 194). Letzteres sagte er fast wortgleich auch im Sommer 2018 beim “Kyffhäusertreffen”.

Höcke und der Islam: Fernhaltung statt Verwestlichung

Höcke hat, womit er ebenfalls klassisch neurechtem Denken entspricht, nicht grundsätzlich etwas gegen den Islam, lehnt “Vorurteile oder Hass” ab, möchte ihn aber nicht in Deutschland haben. Und ist in dieser Hinsicht äußerst radikal.

Zur Erinnerung: Bereits vor rund einem Jahr ließ er sich bei einer AfD-Veranstaltung in Eisleben wie folgt ein:

“Wir werden die Macht bekommen – und dann werden wir das durchsetzen, dann werden wir das durchsetzen, was notwendig ist, damit wir auch in Zukunft noch unser freies Leben leben können. Dann werden wir nämlich die Direktive ausgeben, dass am Bosporus mit den drei großen M - Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss ist.”

Insofern hat Höcke wie viele andere Rechte auch kein Interesse an einem liberalen Islam und will diesen nicht “verwestlichen”. (S. 196). Stattdessen pocht er darauf, dass der Islam “einen eigenen, geographisch umreißbaren Raum” habe, zudem “Mitteleuropa traditionell nicht dazu(gehört)”. (S. 197)

Weiter meint Höcke, dass man “den Muslimen unmissverständlich klarmachen (könne), dass ihre religiöse Lebensweise nicht zu unserer abendländischen-europäischen Kultur passt”.

Wenn man “keine Islamisierung” wolle, sollte man “das ursächliche Problem der Einwanderung lösen”. Dann könne man sich “im Grunde die ganze Islam Debatte sparen”, denn ohne “die Massen an Orientalen und Muslimen ins Europa und Deutschland hätten wir auch kein elementares Problem mit dem Islam”.

Machtphantasien und Traum von der “Wendezeit”

Aus den aus seinem Blickwinkel so grauenhaften Zuständen leitet Höcke die Notwendigkeit einer “fundamentalen Kritik des Bestehenden” ab. Von der etablierten Politik erwartet er nichts.

Ein “hoffnungsloser Naivling” sei, wer “von Volksverächtern die Rettung des Volkes erwartet” (S. 231). Unter “Rettung des Volkes” macht es der 46-jährige nicht.

Und auch bei diesem Thema zeigt sich Höckes antipluralistische Grundhaltung. Mehr noch, er offenbart, wie sehr er die politische Konkurrenz auf Linie bringen will. Besonders diese Passage macht das deutlich:

“Jedwede Überlegung über ein Zusammengehen oder Koalieren mit Teilen des politischen Establishments setzt deren Läuterung und prinzipielle Neujustierung voraus. Das ist erst zu erwarten, wenn das Altparteienkartell unter der steigenden Krisenlast zerbrochen ist.” (S. 261)

Höcke träumt von der Macht und sieht die Zeit für einen grundlegenden Wechsel anrücken. Während er insoweit sonst oft von einer “Schleusenzeit” spricht, verwendet er in dem Interviewbuch den Begriff “Wendezeit”. Bereits jetzt liegt für ihn “eine Wendestimmung in der Luft, die von den USA bis nach Europa reicht”. (S. 178).

Diese macht der Thüringer AfD-Chef an der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, dem “Einzug der AfD in den Bundestag” und, darauf achte man besonders, dem “Abzug der globalistischen, völkerfeindlichen Soros-Stiftung aus Ungarn” fest.

Höcke freut sich also anscheinend, und auch das ist dezidiert antipluralistisch, darüber, dass die Stiftung, die zu einem beliebten Feindbild der Neuen Rechten zählt, sich von Victor Orbán aus Ungarn hat wegekeln lassen.

Immer wieder ist darüber hinaus gleichsam erstaunlich wie aufschlussreich, wie offen Höcke über seine Taktik spricht.

So hofft er, dass die “Festung der Etablierten” nicht nur von einer “protestierenden Bürgerbasis” sowie der AfD “in die Zange genommen” wird, sondern hält zudem “eine weitere Front aus den frustrierten Teilen des Staats und Sicherheitsapparates heraus, die die Wahnsinnspolitik der Regierenden ausbaden müssen und auf das Remonstrationsrecht zurückgreifen könnten”, für “wichtig”. (S. 233)

Beim Remonstrationsrecht handelt es sich um das Recht von Beamten, gegen die Umsetzung einer Weisung Einwände zu erheben, sofern der Beamte Bedenken an deren Rechtmäßigkeit hat. Denkt Höcke dabei an Polizisten?

Zur Kenntnis nehmen sollte man überdies, dass sich die AfD laut Höcke entscheiden muss, “ob sie eine wirkliche Alternative zum Bestehenden sein will – was eine globalisierungs- und kapitalismusüberwindende Position einschließt”. (S. 250) Mit dem Wunsch nach der ”Überwindung” des Kapitalismus geht Höcke über die typisch neurechte Kapitalismuskritik noch hinaus.

Aufstandsfantasien

Höcke belässt es nicht beim Träumen vom einer “Wendezeit” im Sinne eines friedlichen Hineingleitens in ein Deutschland unter politischer Dominanz der AfD, sondern stellt auf Seite 111 auch eine Aufstandsfantasie an, in die er seine Männlichkeitsideale einbaut:

“Die Entladung des aufgestauten Drucks wird irgendwann kommen, die geballten Fäuste werden dann in die Luft gerissen und das Volk, der große Lümmel, an den Festungstoren der Macht aber rütteln. Ich bin fest davon überzeugt: Vor allem die Männer werden aufwachen und sich ihrer besonderen Verantwortung für das Ganze bewusst werden. Unsere Zukunft hängt auch an der Frage männlicher Ehre und Würde.”

Rund 100 Seiten später nimmt er den Gedanken erneut auf:

“Aber irgendwann ist auch bei uns die Geduld zu Ende, dann bricht der legendäre ‘Furor teutonicus’ hervor, vor dem die alten Römer schon gezittert haben.” (S. 212)

Höcke macht sich zudem schon jetzt Gedanken darüber, dass er und die seinen nach einer etwaigen Wende “etwaigen Rachegefühlen” “keinen Raum geben” dürfen, weshalb das “christliche Vergebens- und Gnadengebot vielleicht einmal viel von uns abverlangen” werde (S. 223)

Allein in solchen Kategorien zu denken, zeigt, wie tief verankert Höcke in antipluralistischen Kreisen ist, in denen man politische Gegner nach einem Machtwechsel offenbar am Liebsten bestrafen möchte. Sonst käme er kaum auf die Idee, prophylaktisch von Rachegelüsten abzuraten.

Für den Fall, dass es vorerst nicht zu einer Wendezeit kommt, erwägt Höcke, und an dieser Stelle kommt man sich nun wirklich endgültig wie in einem dystopischen historischen Film vor, “einen möglichen Rückzug auf Länderebene”, von wo aus die “Rückeroberung” “ihren Ausgang nimmt” (S. 253).

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Höcke und Parteichef Gauland. 

So oder so, eines ist gewiss. Der AfD-Mann sieht sich und die AfD auf einer großen, ja einzigartigen Mission. Vor der “historische Aufgabe”, “nach dem finalen Austoben der Moderne eine wirkliche neue Ära vorzubereiten und einzuleiten”, eine “Nach-Moderne”. (S. 258).

Nach seiner Vorstellung werde man dabei “um eine Rekonstitution des Staates in seiner neuzeitlich klassischen Form nicht herum(kommen)” (S. 269). Dazu würde man gerne Näheres von Höcke hören, auch welche Rolle das Grundgesetz dabei spielen soll.

“Remigration” – Höckes zentrales Vorhaben für die “Wendezeit”

Die brisanteste Thematik in Höckes Buch ist seine ausdrückliche Forderung nach einer “Remigration”, ein Konzept, das weit über die Ausweisung abgelehnter Asylbewerber oder illegal sich in Deutschland aufhaltender Personen hinausgeht.

Ausdrücklich fordert der AfD-Rechtsausleger die “konsequente Verhinderung der drohenden Islamisierung Deutschlands und Europas” und hält insoweit unter anderem die “Rückführung der nichtintegrierbaren Migranten” für erforderlich (S. 195).

► Dabei differenziert er nicht zwischen Migranten mit und ohne deutschen Pass und schließt somit mindestens implizit Deutsche mit Migrationshintergrund mit ein. Offen bleibt, wer definieren soll, ob jemand “integrierbar” ist; womit Höcke der Willkür die Türen öffnet.

So verstörend bereits diese Gedankengänge sind, so sehr werden sie noch von Höckes ganz praktischen Vorstellungen von der Durchführung der “Remigration” übertroffen. Das, was er sich insoweit ausmalt, ist mit dem bundesrepublikanischen Wertekanon schlichtweg unvereinbar und zeugt von ausgeprägter Verrohung.

Höcke “fürchtet”, dass man bei dem “großangelegten Remigrationsprojekt” “nicht um eine Politik der ‘wohltemperierten Grausamkeit’ herumkommen“ werde.

Bei dem Begriff “wohltemporierte Grausamkeit” beruft er sich auf Peter Sloterdijk, der den Begriff allerdings nicht im Zusammenhang mit einer “Remigration” verwendet, sondern gesagt hatte, man könne es in der Flüchtlingspolitik so machen wie “wie die Kanadier, Australier und Schweizer”, was aber dazu führe, “dass eine allzu attraktive Nation ein Abwehrsystem aufrichtet, zu dessen Konstruktion eine wohltemperierte Grausamkeit vonnöten ist”. Man fragt sich, warum Höcke das nicht klargestellt hat.

“Menschliche Härten und unschöne Szene”, so Höcke weiter zur Remigration, würden sich “nicht immer vermeiden lassen”. Die “staatlichen Exekutivorgane” sollten “so human wie irgend möglich, aber auch so konsequent wie nötig vorgehen”.

Eine “neue politische Führung” werde “dann schwere moralische Spannungen auszuhalten haben”, denn sie sei “den Interessen der autochthonen Bevölkerung verpflichtet” und müsse “aller Voraussicht nach Maßnahmen ergreifen, die ihren eigentlichen moralischen Empfinden zuwiderlaufen”.

Wenn man das liest, drängt sich der Gedanke an Deportationen mehr als auf. Höcke selbst benutzt dieses hässlich klingende Wort nicht, sondern spricht sprachlich verharmlosend von einer “geordneten Rückführung der hier nicht integrierbaren Migranten in ihre ursprünglichen Heimatländer”.

Und hat sogar die Chuzpe, sich einen schlanken Fuß zu machen, indem er die Verantwortung für die geplanten Maßnahmen denjenigen zuweist, “die die Notwendigkeit dieser Maßnahme mit ihrer unsäglichen Politik herbeigeführt haben”. (S. 254). Auch schweben ihm angesichts “der schlechten Erfahrungen der Vergangenheit” neben der Remigration ein “Interventionsverbot raumfremder Mächte”, ein “Investitionsverbot raumfremden Kapitals” sowie ein “Migrationsverbot raumfremder Bevölkerungen” vor (S. 283).

Am Ende des Buchs ist klar, wie gefährlich Höckes politische Vorstellungen wirklich sind und wie weit sie reichen. Dementsprechend ist auch eine AfD, die ihn so frei gewähren lässt, wie sie das in Form ihrer beiden Parteivorsitzenden tut, eine gefährliche Partei.

Man sollte sie und ihre Vertreter bei jeder Gelegenheit mit Höckes Buch konfrontieren, vor allem, wenn sie ihre Partei wieder einmal verharmlosend darstellen. An Höckes Entschlossenheit jedenfalls besteht kein Zweifel, wie nicht zuletzt diese Äußerung von ihm zeigt:

“Aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen. Dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt (…).” (S. 258)

Und dann, in der Wendezeit, soll nach den Wünschen Höckes eine “fordernde und fördernde politische Elite”, “die unsere Volksgeister wieder weckt”, als “Zuchtmeister” auftreten (286).

Was er damit genau meint, sagt Höcke nicht. Bedrohlich genug klingt es auch so allemal.

(ll)