POLITIK
24/06/2018 07:10 CEST | Aktualisiert 24/06/2018 08:50 CEST

Muharrem Ince: Er zeigt, was Deutsche von der Türkei lernen können

Für viele Deutsche sind die Politiker heute eine abstrakte, abgehobene Elite – für die Türken sind sie Teil der Gesellschaft.

Bloomberg via Getty Images
Ein Blick auf das Millionen-Publikum, das Ince am Samstag anzog.

Muharrem Ince hat Istanbul an diesem Samstag in ein rotes Fahnenmeer verwandelt.

Der Präsidentschaftskandidat der Partei CHP und Gegner von Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan mobilisierte am Tag vor der Wahl ersten Schätzungen zufolge rund fünf Millionen Menschen.

Damit zeigte er: Die Wahl ist ebenso wenig verloren wie die Demokratie in der Türkei. Denn die Türken bewiesen, wie frenetisch sie bereit sind, für Freiheit und politische Mitbestimmung zu kämpfen.

Ein Beispiel, das weit über die Türkei hinausstrahlt. Und dass auch in Deutschland Beachtung finden sollte.

“Halt den Mund, Erdogan”

Schon Stunden vor Beginn des Auftritts im Stadtteil Maltepe auf der asiatischen Seite der Metropole ging in weiten Teilen Istanbuls nichts mehr.

Autos stauten sich kilometerweit, Menschen ließen ihre Wagen stehen und liefen, obwohl es zu dieser Zeit noch in Strömen regnete.

Hunderttausende kamen so erst lange nach der angekündigten Auftrittszeit Inces um 13 Uhr am riesigen Park an der Küste von Maltepe an. Doch Ince wartete.

Als der 52-Jährige schließlich die Bühne betrat, wurde es laut. “Präsident Ince”, schrieen die Massen. “Genug!” Und: “Halt den Mund, Tayyip Erdogan.”

Die Freiheit als Köder

Es ist durchaus erstaunlich, welche Begeisterung Ince in der Türkei entfacht hat.

Bereits seit 2002 sitzt er im Parlament, ein neues Gesicht ist er nicht, kein alles über Bord werfender Quereinsteiger wie Emmanuel Macron.

Eher ein Gerhard Schröder, wie es der Deutschland-Vorsitzende der CHP Kenan Kolat in der HuffPost zuletzt beschrieb. Ein grobschlächtiger Typ, laute Stimme, ungehobelte Rhetorik. Einer, der vor seinen Auftritten die Ärmel hochkrempelt.

Vor allem ist Ince aber jemand, der zu allererst mit positiven Botschaften überzeugt. Während Erdogan seine Anhänger vor allem mit Angst ködert – mit Angst um den Verlust ihres unter seiner Regentschaft gewonnenen Wohlstands und ihrer Freiheit, den Islam auszuleben – spricht Ince über Freiheit.

Er verspricht, das Justizsystem wieder zu einer freien Instanz zu machen. Er verspricht mehr Demokratie. Und: Eine Normalisierung der vergifteten Atmosphäre – innerhalb der Türkei und auch in der Außenpolitik.

Jede europäische Hauptstadt wolle er besuchen, erklärte er am Samstag in Istanbul. Europa müsse wieder zum Freund werden.

Millionen Menschen jubelten. Sie stehen stellvertretend für eine noch weit größere Gruppe innerhalb der Türkei, die noch immer auf einen dauerhaften Anschluss an den Westen hofft.

Die vielen Atatürk-Fahnen in Maltepe: Auch sie sind ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem antieuropäischen Kurs Erdogans.

Eine politische Ausnahmesituation

Fünf Millionen Menschen: Die bloße Zahl wirkt aus deutscher Sicht surreal.

Rund 5000 Menschen folgten zuletzt in Berlin einem Aufruf der rechten AfD, darauf kamen rund 25.000 Gegendemonstranten. In deutschen Medien wurde die Versammlung behandelt wie ein beispielloses Großereignis.

Natürlich sind die Vorzeichen anders.

In der Türkei herrscht eine politische Ausnahmesituation. Gewinnt Erdogan die Wahl war dieser Samstag für die Menschen wohl der vorletzte Tag in einem formal demokratischen Staat. Nicht zuletzt treibt die starke gesellschaftliche Polarisierung die Menschen auf die Straße.

Beneidenswert ist diese Situation beileibe nicht.

Osman Orsal / Reuters
Ince umarmt seine Mutter auf der Bühne.

Und doch kommt man nicht umhin, sich ein zumindest ein Fünkchen der Polit-Begeisterung in der Türkei auch in Deutschland herbeizusehnen.

Allein, dass unter den Umständen der immer autoritär werdenden Erdogan-Regierung der Draht zwischen Politikern und Bevölkerungen nie abgerissen ist, zeigt, dass ein wesentlicher Teil der türkischen Demokratie erstaunlich intakt ist.

Kandidaten aller Parteien sprechen noch immer vor zehn- bis hunderttausenden Menschen, Menschen jeden Alters, Geschlechts und Berufsstandes. Trotz der Hoffnungslosigkeit, die die Erdogan-Ära für viele Andersdenkende mitbrachte, ist von Politikverdrossenheit wenig zu spüren.

Was Deutschland von Ince lernen könnte

Ein Grund dafür ist vor allem die Sprache, mit der sowohl Erdogan als auch Ince sich an die Bürger wenden. Beide verstecken sich nicht hinter technischen Polit-Diskussionen, hinter Floskeln und Kompromissen.

Beide Spitzenkandidaten polemisieren und spotten. Sie poltern oder üben sich im großem Pathos. Auch hier mag die Türkei sich von Deutschland unterscheiden, ein gewisser Hang zum Romantisierenden, ein Faible für das Historische, das Große, liegt in der Kultur verankert.

Und dennoch machen türkische Politiker dieser Tage schlicht und einfach manches besser als ihre deutschen Kollegen. 

Ince zum Beispiel benutzt das Wort “Erdogan” so oft wie kaum ein anderes. Er wirft dem Präsidenten vor, zu lügen, zu manipulieren, sich vom einfachen Volk entfernt zu haben. 

Es ist ein einfaches aber effektives Mittel. Und ein mutiges obendrein. Allein am Samstag wurden vier Besucher der Ince-Wahlveranstaltung in Istanbul wegen Beleidigung des Präsidenten festgenommen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz traute sich im TV-Duell mit Angela Merkel (CDU) kaum, auch nur zwei Worte der Kritik aneinanderzureihen.

SPD gegen CHP: Hier sieht man die Unterscheide

Die SPD, internationale Schwesterpartei der CHP, versteckt sich seit Jahren hinter komplizierten Formelvorschlägen über “den Familiennachzug für subdisiär geschützte Flüchtlinge” oder die “Brückenteilzeit zur Rückkehr von Arbeitnehmern von Teilzeit in Vollzeit”.

► Wie die meisten deutschen Parteien merkt sie schon lange nicht mehr, dass was niemand versteht, auch niemanden begeistern kann.

Ince verspricht dagegen eine Rückkehr zur parlamentarischen Republik. Jede zweite Frau soll in Zukunft einen Job haben. Die Türken einen höheren Mindestlohn bekommen. Seine Pläne sind einfach formuliert und genau auf die Zielgruppe abgestimmt.

Das macht einen Unterschied.

Für viele Deutsche sind die Politiker heute eine abstrakte, abgehobene Elite. Eine Kaste, die weder Vertrauen versprüht, noch Begeisterung. Von Spaß ganz zu schweigen.

Wenn Ince loslegt, lachen die Menschen. 

Über seinen Optimismus, seine Witze über Gegner Erdogan.

Für Türken sind Politiker Teil der Gesellschaft. Deutsche Politiker könnten von Ince lernen.

(jg)