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15/03/2018 14:13 CET | Aktualisiert 04/04/2018 11:23 CEST

Tausende alte Menschen sterben in Japan unbemerkt – in Deutschland droht Ähnliches

Menschen vereinsamen – und die Gesellschaft schaut zu.

Education Images via Getty Images
Sogenannte einsame Tode sind auch in Deutschland keine Einzelfälle mehr.
  • In Japan sterben immer mehr Menschen durch einen “einsamen Tod” – ein Trend, der sich auch in Deutschland zeigt 
  • Doch anstatt tatenlos zuzusehen, können wir etwas dagegen tun  

Niemand hat sie vermisst. Zwei Jahre lang lag eine 91-jährige Münchnerin tot in ihrem Haus. Der Briefkasten quoll über. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Monate alte Fernsehzeitschrift, wie die Polizei München vor zwei Jahren in einem Bericht mitteilte.

Damals erregte der Fall Aufsehen, denn in München, einer Stadt mit mehr als 1,4 Millionen Einwohnern, hatte niemand den Tod der Frau bemerkt.

Sogenannte einsame Tode wie dieser sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. 

“Wir finden jeden Tag in einer Münchner Wohnung einen toten Menschen, der offensichtlich niemandem gefehlt hat”, teilt die Polizei München auf Anfrage der HuffPost mit. 

Die Beamten sprechen in diesem Fall von Polizeileichen.

Haben die Polizeileichen keine Angehörigen und niemanden, der sie beerdigt, gibt es eine Ordnungsamtbestattung. 

Eine Bestattung, die trauriger kaum sein könnte und auf der dennoch niemand weint. Denn wenn der Sarg in die Erde gelassen wird, steht neben den Sargträgern nur der Pfarrer am Grab. Niemand, der eine persönliche Beziehung zu dem Toten hat. Nur Menschen, die ihren Job machen. 

Deutlich mehr einsame Menschen als noch vor 20 Jahren

In Japan ist dieser einsame Tod schon so verbreitet, dass die Japaner ihm einen eigenen Namen gegeben haben: “Kodokushi”. 

► Allein in Tokio sterben jährlich 30.000 Menschen vereinsamt in ihrer Wohnung und werden oft erst Monate später entdeckt. 

Altenheime sind in Japan oft verpönt, die Arbeit hat teils einen höheren Stellenwert als die Familie, viele trauen sich nicht, Hilfe einzufordern. 

Anstatt die Gründe zu bekämpfen, machen die Japaner aus dem Kodokushi ein Geschäft: Denn wenn es an Angehörigen fehlt, wird der Bedarf der Menschen, die die Wohnung eines Verstorbenen säubern, größer. 

So gibt es in Japan mittlerweile schon 4.000 Unternehmen, die sich nur den Wohnungs-Säuberungen Verstorbener widmen. 

Eine dieser Menschen ist die 24-jährige Japanerin Miyu Kojima. “Ich merke, dass die Familie in Japan immer unwichtiger wird. 

Wenn ich Angehörige der Toten finde und ihnen Überreste wie Fotos übergebe, sehen sie diese oft nicht einmal an oder wollen sie nicht haben”, sagte sie im Interview mit der internationalen Online-Zeitung “Al Jazeera”.

Die Arbeit wird wichtiger, Freunde und Familie unwichtiger

Es ist, als würden alte Menschen, die nicht mehr arbeiten können, ihren Wert verlieren. Oft haben sie auch Pech und Freunde und Familie sterben vor ihnen. Die Vereinsamung scheint unausweichlich. Ein Trend, der sich von Japan aus anscheinend schon bis nach Deutschland verbreitet hat. 

Ein Anzeichen dafür: Die Zahl der Ordnungsamtbestattungen steige, wie der Bundesverband Deutscher Bestatter der HuffPost mit. Genaue Zahlen gebe es jedoch nicht. 

Über die Vereinsamung schon:

► Im Jahr 2014 lebte ein Drittel der 65-jährigen und älteren Menschen in Deutschland allein in einem Einpersonenhaushalt, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. 

► Eine Studie des Marktforschungsinstituts Harris Interactive von 2015 belegt: Heute leben deutlich mehr einsame Menschen in Deutschland als noch vor 20 Jahren. 

Die Gründe für den Trend sind vielfältig. Einer der wichtigsten: Unsere Gesellschaft wird immer älter.

Ein weiterer: Die schleppende Integration. So haben die Hälfte der älteren Menschen, die das Münchner “Alten und Service”-Zentrum Westend besuchen, ein Zentrum, das Senioren unterstützt, einen Migrationshintergrund, wie die Leiterin des Zentrums, Melanie Ritter, sagt. 

“Viele Migranten wurden nie integriert” 

“Viele von ihnen sind in den 50er- und 60er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Sie kamen mit dem Vorhaben, eine gewisse Zeit hier zu arbeiten und dann wieder zurück in ihr Ursprungsland zu kehren, diesen Plan verfolgte auch die BRD”, erklärt Ritter.

“Eine aktive Integrationspolitik wurde deshalb bis in die 80er Jahre nicht umfassend betrieben. Der Versuch, Menschen aus dieser Generation zu integrieren und Vereinsamung vorzubeugen oder entgegenzuwirken, verstehen wir, das ASZ Westend, als Aufgabe.”

Viele ältere Menschen sind noch dazu körperlich oder geistig krank und können deshalb nur noch eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. 

Die Studie des Marktforschungsinstituts Harris Interactive zeigt aber nicht nur, dass mehr Menschen als früher in Deutschland einsam sind. Sie zeigt auch, wie kompliziert Wege aus der Einsamkeit sind. 

Im Teufelskreis der Einsamkeit

Anstatt andere Menschen zu treffen, bleiben  alleine Zuhause, weil sie beispielsweise nicht mehr gut laufen können. Ein Teufelskreis beginnt. Wenn sie sterben, ist oft niemand mehr da, der sie vermissen wird. 

In vielen Städten helfen noch zu unbekannte Service-Zentren alten und einsamen Menschen. In München gibt es 32 “ASZ”, “Alten- und Service-Zentren”.

Dort beraten und unterstützen Sozialpädagogen ältere Menschen und Angehörige. Einsamkeit sei häufig ein Thema, sagt Ritter. Deshalb bieten die Fachkräfte auch präventive Hausbesuche an. Diese können dafür sorgen, dass Menschen gar nicht erst vereinsamen. 

Die Angebote des ASZ sind vollkommen freiwillig.

“Wir kommen immer nur auf Wunsch der Person selbst.” 

Ein Satz kann Menschen vor dem einsamen Tod bewahren 

Deshalb aber sei es umso wichtiger, zu älteren, möglicherweise vereinsamten Menschen in der Nachbarschaft den Kontakt zu suchen.

“Oft wissen sie vielleicht nichts von unserem Angebot. In München gibt es in fast jedem Viertel ein Alten- und Service-Zentrum, in anderen Städten ähnliche Angebote. Viele Menschen brauchen vielleicht einfach nur den Ratschlag der Nachbarin: Klingel da doch mal.”

Ein einziger Hinweis, dass es Unterstützung für sie gibt. Dass es vielen so geht wie ihnen. Und dass sie nicht alleine sind. 

(ben)