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07/03/2018 18:53 CET | Aktualisiert 06/04/2018 15:26 CEST

Obdachlosigkeit: Warum in Finnland fast niemand mehr auf der Straße lebt

Und was Deutschland davon lernen kann.

  • Die Obdachlosigkeit in Deutschland steigt seit Jahren
  • Finnland schafft es, mit dem Housing-First-Programm diesem Trend entgegenzuwirken
  • Im Video oben: Was Menschen wirklich über Obdachlose denken - und deren bewegende Reaktionen

“Jeder Tag ist wie ein Neuanfang”, sagt Lino. “An manchen Abenden werde ich mit Flaschen beworfen, von den jungen Männern, die hier saufen und kiffen.”

Linos Wohnzimmer liegt direkt an der Isar in München. Seit fünf Jahren lebt er hier, ohne ein Dach über dem Kopf.

Obdachlose Menschen gibt es auf der ganzen Welt – auch in Finnland. Doch es ist das einzige Land in Europa, in dem die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren gesunken ist. Inzwischen lebt dort fast niemand mehr dauerhaft auf der Straße – dank dem Housing-First-Programm.

► Das bedeutet: Menschen müssen nicht erst ihre Probleme lösen, um Anspruch auf eine Wohnung zu haben.

“Für mich war es immer schwer zu verstehen, warum wir es in Wohlfahrtsgesellschaften nicht schaffen, dass jeder Bürger eine Wohnung hat”, sagt Juha Kaakinen der HuffPost.

Er ist Leiter der finnischen Nichtregierungsorganisation Y-Foundation, die Obdachlosen Wohnraum zur Verfügung stellt.

Jeder soll einen festen Wohnsitz haben

Sich um alle Mitglieder der Gesellschaft zu kümmern, sei seit Jahrzehnten tief verankert in der finnischen Gesellschaft, sagt Kaakinen. Aber Langzeitobdachlose von der Straße zu holen, gestaltete sich lange schwierig. So lebten Obdachlose beispielsweise in der Hauptstadt Helsinki in Zeltdörfern in Parks.

► Doch seit 2008 gibt es in Finnland das von der Regierung unterstützte Housing-First-Programm. Das Ziel: Jeder Bürger Finnlands soll einen festen Wohnsitz haben.

“Das ist der wichtigste Faktor, um Menschen zu helfen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Studien zeigen, dass Menschen, die ein Zuhause haben, viel besser Probleme wie Alkohol- oder Drogensucht, Antriebslosigkeit und Depressionen in den Griff bekommen”, sagt Kaakinen.

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4600 Wohnungen wurden durch Housing-First in den vergangenen zehn Jahren bereitgestellt. 2017 waren zwar noch immer 1900 Menschen in Finnland ohne festen Wohnsitz: “Aber für die stehen ausreichend Betten in Notunterkünften bereit, bis wir weiteren Wohnraum geschaffen haben”, gibt sich Kaakinen optimistisch. Außerdem sinkt die Obdachlosigkeit seit fünf Jahren kontinuierlich.

Regierung, NGOs und Sozialverbände arbeiten zusammen

► Der Schlüssel zum Erfolg liegt ihm zufolge dabei vor allem an zwei Dingen:

“Zum einen wissen wir ganz genau, wie viele Menschen in Finnland auf der Straße leben. Außerdem ist Housing-First ein landesweites Programm – unterstützt und mitfinanziert von der Regierung in Zusammenarbeit mit NGOs, Sozialverbänden und Immobilienbesitzern. Das macht unser Modell einzigartig.

Zum Teil sind es Notunterkünfte, die zu Wohnungen umgebaut werden. Aber auch leerstehende Gebäude, neu gebaute Häuser oder auf dem Privatmarkt gekaufte Immobilien nutzt das Housing-First-Programm.

Allen, die kritisieren, das Modell koste den Staat zu viel Geld, setzt Kaakinen entgegen: “Es ist für die Gesellschaft nicht nur aus moralischen Gründen günstiger, sondern auch aus finanziellen. Insgesamt hat uns das Projekt bislang 270 Millionen Euro gekostet. Für Häuser, Renovierungen und die Löhne der Sozialarbeiter. Im Vergleich kostet das das Land aber pro Obdachlosen 15.000 Euro weniger im Jahr als zuvor.”

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So gebe es zum Beispiel weniger Notfälle durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch, bei denen Obdachlose in einem Krankenhaus versorgt werden müssten. Aber auch die Kosten für die Justiz und für Polizeieinsätze seien gesunken.

Außerdem müssen sich die Bewohner selbst um die Miete kümmern. Wer arbeitslos ist, erhält Wohngeld und Sozialleistungen vom Staat.

“Ein ähnliches Modell könnte auch in Deutschland funktionieren”

Dennoch möchte nicht jeder Obdachlose freiwillig in eine solche Wohnung ziehen. “Jedes Schicksal ist anders”, sagt Kaakinen, “jeder braucht andere Rahmenbedingungen, um sich darauf einzulassen und Motivation wiederzufinden, um beispielsweise arbeiten zu gehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch viele Sozialarbeiter haben, die sich um die Betroffenen kümmern.”

Könnte das Konzept auch in Deutschland helfen?

860.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße, das zeigen Schätzungen aus dem Jahr 2017. Im Vergleich mit dem Jahr 2014 hat sich die Zahl damit mehr als verdoppelt.

Die Zahlen zu Wohnungsnotstand und Obdachlosigkeit in Deutschland sind alarmierend.

“Wir haben gezeigt, dass es machbar ist, Straßenobdachlosigkeit massiv zu reduzieren. Auch wenn der Wohnungsmarkt anders ist, bin ich mir sicher, dass ein ähnliches Modell in Deutschland funktionieren könnte”, sagt Kaakinen. Wichtig sei dabei vor allem: die Unterstützung von der Politik.

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Wohnungsnotfallstatistik und präventive Maßnahmen

Auch in Deutschland könnte mit diesen Maßnahmen die Obdachlosigkeit bekämpft werden.

► Laut Experten ist ein erster Schritt dazu etwa die Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik. Diese sei zwingend notwendig, um verlässliche Zahlen zu erhalten, sagt der Deutsche Caritasverband der HuffPost. Damit könnte zum einen der konkrete Bedarf für Wohnungen besser erfasst und gleichzeitig freier Wohnraum schneller und effizienter genutzt werden.

► Notwendig seien zudem präventive Maßnahmen, um frühzeitig zu verhindern, dass Menschen ihn prekären Lagen ihre Wohnungen verlieren. “Dazu zählen auf kommunaler Ebene der Ausbau von aufsuchenden Hilfen, Mieter- und Schuldnerberatung. Auf Länder- und Bundesebene müssten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, sozial gemischte Quartiere zu fördern, in denen auch benachteiligte Menschen bezahlbaren Wohnraum finden”, sagt der Caritasverband.

Auch dafür hat Finnland eine Lösung gefunden. Die ehemals Wohnungslosen müssen ihre Miete zwar selbst bezahlen, aber die ist bedeutend geringer als für andere Bürger. In Helsinki beispielsweise kostet der Quadratmeter Miete oft mehr als 20 Euro. Für die Obdachlosen liegt der Preis zwischen 11 und 13 Euro.

Der Obdachlose Lino will sein Zuhause unter der Brücke an der Isar in München nicht verlassen. Außer er findet das große Glück. “Ich spiele drei Mal die Woche Lotto”, erzählt Lino. In Finnland müsste er dafür nicht Lotto spielen. Hoffentlich auch bald in Deutschland nicht mehr.