WIRTSCHAFT
14/12/2017 17:51 CET | Aktualisiert 14/12/2017 21:19 CET

Gender-Pay-Gap: In diesen Regionen verdienen Frauen mehr als Männer

Die neuen deutschen Bundesländer haben die Nase vorn.

  • Frauen verdienen durchschnittlich noch immer deutlich weniger als Männer
  • Doch das ist nicht in allen Regionen Deutschlands der Fall, wie eine Untersuchung zeigt
  • Im Video oben: Matthias Machnig: “Dramatische Diskrepanz bei Gehalt von Männern und Frauen”

Es ist ein Armutszeugnis: Deutschland gilt als fortschrittliches Land, doch europaweit ist in kaum einer Nation der Unterschied bei der Bezahlung von Frauen und Männern so groß wie hier.

Wie die EU-Kommission in Brüssel darlegte, belegt Deutschland mit einer Gehaltsdifferenz von 22 Prozent den drittletzten Platz von 28 EU-Ländern. Der Gender-Pay-Gap ist demnach nur in Tschechien (22,5 Prozent) und Estland (26,9 Prozent) größer. Zum Vergleich: Der Durchschnitt in Europa liegt bei 16,3 Prozent.

Das gilt allerdings nicht für ganz Deutschland. Eine Analyse zur regionalen Verteilung dieser Gehaltsunterschiede, durchgeführt von der Tageszeitung “Berliner Morgenpost”, kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Nämlich: Es gibt Regionen in Deutschland, in denen Frauen tatsächlich mindestens genauso viel oder sogar mehr verdienen als Männer. 

Im reichen Süden herrscht die größte Kluft

Für ihre Analyse hat die Zeitung 401 Kreise und kreisfreie Städte untersucht. Grundsätzlich lässt sich anhand der Auswertung sagen: Frauen verdienen dort mehr, wo sonst wenig verdient wird. 

Alle 44 Kreise und Städte, in denen Frauen etwa das gleiche Geld bekommen, liegen ausnahmslos im strukturschwachen Osten. Frauen verdienen in 15 davon sogar mehr als ihre männlichen Arbeitskollegen.

Laut der Analyse fällt die Gehaltslücke vor allem in Frankfurt/Oder und Cottbus zugunsten von Frauen aus – mit einem Plus von jeweils 17 Prozent.

Weit abgeschlagen liegt dagegen der reiche Süden. Die Negativlücke ist hier besonders groß. Spitzenreiter ist dabei der Kreis Dingolfing-Landau. Hier verdienen Frauen 38 Prozent weniger als ihr männlichen Kollegen.

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Schaut man sich also die Gehaltsunterschiede auf einer Karte an, wird in großen Teilen die alte DDR sichtbar. Das liege nicht nur an den weniger gut bezahlten Jobs, sondern generell an der Arbeitskultur, sagte Katharina Wrohlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der “Berliner Morgenpost”.

“Frauen haben noch immer das Nachsehen”

“Es gab nicht diese klassische Rolle der Hausfrau und Mutter. Stattdessen war es selbstverständlich, dass Frauen neben der Familie auch Karriere machen konnten.”

Auch im dritten Jahrzehnt nach der Maueröffnung sei die Kindertagesbetreuung dort besser ausgebaut, sagte die Forscherin. Dadurch werde Müttern der Berufsalltag erleichtert.

Schon vergangenes Jahr zeigte eine ähnliche Analyse des statistischen Landesamts Rheinland-Pfalz ein vergleichbares Ergebnis auf. Während die alten Bundesländer einen weitaus höheren Gehaltsunterschied aufweisen, liegen alle neuen Bundesländer auf den vorderen Plätzen in Richtung Gleichberechtigung.

Nur ein Umdenken in der deutschen Unternehmenskultur kann das Ungleichgewicht verkleinern. Katharina Wrohlich (DIW)

Dass sich diese Bewegung bald durch ganz Deutschland zieht, bezweifelt Wrohlich. “Noch gibt es zu viele negative Anreize für klassische Zweitverdiener, also typischerweise Frauen” sagte sie der “Berliner Morgenpost”. “Auch wegen der Präsenzkultur in den Unternehmen und dem unzureichenden Angebot an Kitabetreuung haben Frauen noch immer das Nachsehen in der Karriereplanung.”

Laut der Expertin können nur ein Umdenken in der deutschen Unternehmenskultur sowie Reformen des Steuersystems das Ungleichgewicht in der Bezahlung von Männern und Frauen verkleinern.

Männer verdienen teilweise das Doppelte

Die Daten der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2016, die der Analyse zugrunde liegen, geben aber noch weitere Aufschlüsse zur Gehaltsverteilung.

Beim Vergleich der mittleren Gehälter (Vollzeit) von Frauen und Männern stellte die “Berliner Morgenpost fest”, dass nicht nur die Region eine große Rolle spielt, sondern auch die Berufsgruppe. Denn lediglich in jedem achten Berufsfeld verdienen Frauen in Deutschland so viel wie Männer. In fünf davon werden sie besser bezahlt.

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Überraschend ist: Frauen verdienen vor allem in männerdominierten Jobs gut. So ist das Gehalt der weiblichen Arbeiter im Hochbau 24 Prozent höher als bei Männern. Ähnlich sieht es in der Fahrzeugbautechnik (+21 Prozent) und im Tiefbau (+19 Prozent) aus.

Wrohlich vermutet unterschiedliche Gründe für die Lücken in verschiedenen Berufsgruppen: “Frauen, die sich für männerdominierte Berufe entscheiden, sind häufig besonders für diese speziellen Berufe motiviert und vielleicht auch besonders ehrgeizig – dies kann sich wiederum positiv auf ihr Gehalt auswirken”, sagte sie der Zeitung. 

Frauenberufe werden schlechter bezahlt

Trotzdem gibt es deutlich mehr Berufsgruppen, in denen Männer mehr verdienen. Gleichzeitig ist die Gehaltslücke in diesen Jobs auch deutlich größer.

Den größten Unterschied findet man in Berufen der Justiz und Rechtsberatung. In diesem Bereich erhalten die Frauen durchschnittlich die Hälfte, wie die Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verdeutlicht, dass der deutsche Arbeitsmarkt noch immer stark geschlechtersegregiert ist.

So arbeiteten im Jahr 2010 insgesamt 60 Prozent der Frauen in Frauenberufen, 29 Prozent in Mischberufen und elf Prozent in Männerberufen. Von Frauenberufen spricht man ab einem Frauenanteil von mehr als 70 Prozent. Laut der Studie werden diese Berufe generell schlechter bezahlt als klassische Männerberufe oder Mischberufe.

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(lk)