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01/10/2018 21:56 CEST | Aktualisiert 01/10/2018 23:39 CEST

Berlin: In diesem Haus leben Obdachlose und dürfen sich betrinken – das ist gut so

"Außenstehende sagen immer, ich lebe im betreuten Saufen. Denen sage ich: Aber ich lebe noch.”

HuffPost / Uschi Jonas
Das William-Booth-Haus in Berlin

Eigentlich müsste er längst tot sein, sagt Andi. Seit er ein kleiner Junge war, hatte er Angst. Angst vor Menschen. Angst vor engen Räumen.

Verstanden, was da mit ihm passiert, hat Andi aber viel zu lange nicht. Es hat ihm auch nie jemand erklärt. Aber irgendwann hat er herausgefunden, was ihm hilft, wie er U-Bahn fahren kann, ohne dass er vor Angst ohnmächtig wird: Alkohol.

Damals war Andi 16 Jahre alt. “Ich hatte immer Alkohol dabei. Ganz egal, wo ich hin bin. Immer wenn ich eine Panikattacke bekommen habe, habe ich gesoffen.”

Nach der 8. Klasse hat er die Schule abgebrochen, angefangen, auf dem Bau zu arbeiten. Doch er hat immer mehr Wein und Schnaps gebraucht, irgendwann konnte er nicht mehr arbeiten, hat sich in seiner Wohnung verbarrikadiert, tagelang getrunken.

“Irgendwann trinkst du nur noch, um das Zittern wegzukriegen”, erzählt der gebürtige Neuköllner.

Heute trinkt Andi immer noch – aber nur donnerstags

Bis zu einem Tag im Februar 1996. “Da hatte ich meinen ersten epileptischen Krampfanfall im Supermarkt. Ich habe noch heute die Schreie der Kassiererin im Kopf.” Erst dann kam er in eine psychiatrische Klinik und hat erfahren, dass er eine Angsterkrankung hat.

Heute ist Andi 48 Jahre alt. Und er trinkt noch, aber nur donnerstags. “So kann ich endlich ein geregeltes Leben führen. Ich habe gelernt, mich selbst zu versorgen.”

Es war ein langer Weg dorthin. Andi sitzt im Hinterhof des William-Booth-Hauses in Berlin-Wilmersdorf. Einer Einrichtung der Heilsarmee für wohnungslose und psychisch erkrankte Menschen. Das Haus ist nach dem Gründer der Heilsarmee benannt.

HuffPost / Uschi Jonas
Andi

Hier ist Andi vor elf Jahren angekommen. Zuvor war er jahrelang immer wieder in Obdachlosenheimen, psychiatrischen Kliniken, lebte auf der Straße. Nichts hat geholfen. Überall ist er gescheitert.

Im William-Booth-Haus läuft vieles anders als in anderen Suchteinrichtungen. “Wir arbeiten zieloffen und suchtakzeptierend. Das bedeutet, dass viele unserer Bewohner nicht abstinent sind, sondern noch weiter Alkohol trinken”, sagt Feodora Haßlauer. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin im William-Booth-Haus.

Gemeinsam mit den Bewohnern und Suchttherapeuten werden individuelle Vereinbarungen getroffen – je nachdem, welche Ziele ein Bewohner erreichen will und wie sein derzeitiger Zustand ist.

Wer woanders rausfliegt, weil er den Entzug nicht schafft, bekommt hier noch eine letzte Chance, bevor er auf der Straße landet. Das Ziel ist nicht primär die Heilung der Alkoholsucht, sondern ein Zurückfinden in die Gesellschaft, in den Alltag, ein Leben, das nicht mit dem Tod unter einer Brücke endet.

Seit 4,5 Jahren habe ich Zähne im Mund. Früher war das undenkbar. Als ich hier angekommen bin, hatte ich noch einen einzigen Schneidezahn. Ich sah schlimm aus. Andi, 48 Jahre alt, Alkoholiker, der unter Angststörungen leidet

Andis Augen glänzen in der Mittagssonne, genauso wie sein leuchtend blauer Trainingsanzug. Er spielt nervös mit einem Stofftaschentuch in seiner linken Hand und grinst. Er brennt darauf seine Geschichte zu erzählen, zu erzählen, was er geschafft hat.

“Seit 4,5 Jahren habe ich Zähne im Mund. Früher war das undenkbar. Als ich hier angekommen bin, hatte ich noch einen einzigen Schneidezahn. Ich sah schlimm aus. Aber jetzt bin ich wieder in der Gesellschaft angekommen.”

Jeder wird aufgenommen, so wie er ist

Im William-Booth-Haus wird jeder erst einmal aufgenommen, so wie er ist. Mit seinem Konsum, seinem Geruch, seinem verwilderten Aussehen, seiner Vorgeschichte. “Wir versuchen uns dem anzunehmen, wo andere aufgeben”, sagt Sabine Duhrmann. Die Sozialpädagogin hat das Konzept des William-Booth-Hauses vor elf Jahren mitentwickelt.

Wenn jemand ankomme und sage, er könne oder wolle gerade nicht ganz vom Alkohol weg, aber er wolle an sich arbeiten, an seiner Selbstständigkeit, an seinem Konsum, dann werde er aufgenommen, sagt Duhrmann.

Und gerade dieses tolerante Herangehen scheint vielen zu helfen, ihr Leben wieder in geregeltere Bahnen zu bekommen, als sie es manchmal jahrzehntelang nicht geschafft hatten. 

Betreutes Trinken? Lange war für Mediziner völlige Abstinenz der einzige Weg aus der Alkoholsucht. 

In Deutschland galt generell lange: Wer Hilfe suchte, musste sich verpflichten, dem Alkohol abzuschwören. Doch in den vergangenen Jahren hat sich diese Sicht gewandelt.

Kontrolliertes Trinken ist keine Wundermethode – aber eine Chance

Bereits 1999 hat der Psychologe und Suchtforscher Joachim Körkel das Konzept des “kontrollierten Trinkens” entwickelt. An oberster Stelle: Eigenverantwortung der Patienten. Sozialpädagoge Christoph Straub arbeitet als Ausbilder in der suchtmedizinischen Behandlung im Rahmen des “Kontrollierten Trinkens”.

Der HuffPost sagte er: “Kontrolliertes Trinken ist keine Wundermethode, es ist eine Angebotserweiterung und Ergänzung in der Suchthilfe. Das ist nicht besser, als etwas anderes, nicht zwangsläufig ein Weg hin zur Abstinenz. Stattdessen ist es ein Weg, Süchtige zu fragen: Was willst du verändern? Wie muss Dein Konsum aussehen, damit du mehr Lebenszufriedenheit hast?”

Es stehe außer Frage, dass es am gesündesten sei, gar keinen Alkohol zu trinken. Aber gerade für Menschen, die seit Jahrzehnten süchtig sind, auf der Straße gelebt haben, brauche es Zieloffenheit. “Und bereits seit den 1970er Jahren gibt es Studien, die nachweisen, dass das Konzept Erfolg haben kann.”

Das William-Booth-Haus ist eine Einrichtung der Heilsarmee für wohnungslose Menschen. Die Bewohner werden 24 Stunden lang von Sozialarbeitern betreut. Die Konzeption der Therapeutischen Wohngemeinschaft gibt es seit 2007. 

  • 14 Männer leben direkt im Haus, in therapeutischen Wohngemeinschaften. Das sind vor allem Männer, die noch nicht abstinent sind, an Folgeerkrankungen des Alkoholismus und oft auch an psychischen Erkrankungen leiden.
  • 26 Plätze in Einzelzimmern gibt es für wohnungslose Männer zur Überwindung sozialer Schwierigkeiten.
  • 40 weitere Männer und Frauen leben in therapeutisch betreuten Wohngemeinschaften außerhalb des Hauses. Sie haben Abstinenzphasen, aber sind noch nicht in der Lage, ganz ohne Hilfe und Betreuung auszukommen.

Es gibt nur wenige Einrichtungen in Deutschland, die ein ähnliches Konzept wie das William-Booth-Haus verfolgen. Doch der Ansatz funktioniert. “Wir haben bei den meisten, die zu uns kommen, Erfolg”, sagt Sozialpädagogin Sabine Duhrmann.

Auch wenn sie es nicht schaffen, trocken zu leben, machen sie erst einmal andere Fortschritte im Weg zurück in die Gesellschaft. Jeden Morgen aufstehen, duschen, frühstücken, Wäsche waschen, einkaufen gehen.

Das erste Mal seit Jahren ein echtes Zuhause

Viele landen im William-Booth-Haus, weil sie überall sonst gescheitert sind. Einige waren schon dutzende Male im Krankenhaus zur psychischen Entgiftung oder psychischen Stabilisierung, haben häufige Einrichtungs- und Betreuerwechsel erlebt.

“Bei uns haben sie die Möglichkeit sich zu stabilisieren und sich angenommen zu fühlen. Da sie sich nicht mehr so gegängelt fühlen, sich wohler fühlen, lassen sich mit der Zeit neue Ziele vereinbaren, die sie auch erreichen können”, sagt Feodora Haßlauer, Duhrmanns Kollegin.

14 Bewohner leben in Einzelzimmern oder WGs im Haus, manche nach einer Zeit lang auch in Wohngemeinschaften außerhalb des Hauses. Wie Andi, der seit einiger Zeit mit drei anderen Männern zusammenwohnt.

Sie haben auf den ersten Blick ein ganz normales WG-Leben, kochen gemeinsam, haben einen Putzplan, machen gemeinsam Ausflüge – und sie trinken. Das allerdings nur alleine. Das ist der Deal. Das soll verhindern, dass sich die Bewohner gegenseitig zum Trinken animieren.

Jeder hat seine Absprache, wie er trinkt, wann er trinkt, wo er trinkt – individuell festgelegt, was nach Selbsteinschätzung der Bewohner und von Suchttherapeuten am besten umsetzbar ist.  

So auch Andi. Montags bis Mittwochs arbeitet er beim Hausmeister im William-Booth Haus. Donnerstags trinkt er – und kommt erst freitags wieder aus seinem Zimmer. 

In der WG reden die Bewohner über ihre Sucht, keiner verurteilt den anderen. “In anderen Einrichtungen ist das strenger, wer einen Rückfall hat, wird disziplinarisch bestraft. Hier hat man Verständnis füreinander. Hier fühle ich mich zu Hause.”

Zu Hause fühlt sich auch Johannes. Er ist erst seit Februar im William-Booth-Haus. Graue Haare, stoppeliger Bart und ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen.

Johannes lebte wie ein Messi – heute schreibt er ein Buch

Der 66-Jährige sitzt auf einem Ledersessel und erzählt voller Ruhe, dass er unter Depressionen leidet, seitdem er denken kann. Vom Kindergarten bis zum Studium hat er versucht, das mit Sport zu kompensieren. Lange hat das geklappt, aber irgendwann nicht mehr.  

Er hat Mathematik studiert und Medizin, eine Weile als Internist im Krankenhaus gearbeitet. “Aber ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich Medikamente nehmen muss. Ich bin manisch depressiv.”

Stattdessen hat er lieber Nächte durchgemacht, viel getrunken – und viel Geld ausgegeben. “Ich hab irgendwann immer mehr Geld ausgegeben. Geld, das ich nicht hatte, Sachen angehäuft in der Wohnung. Dazu kam, dass ich alles vermüllt haben. Letztlich hab ich wie ein Messi gelebt und zu allem Überfluss hat es auch noch gebrannt.”

Dann erst – nach 20 Jahren voller Chaos und Scheitern – ist Johannes Anfang des Jahres im William-Booth-Haus gelandet. Und lebt seitdem fast trocken.  

HuffPost / Uschi Jonas
Johannes

“Viele wohnungslose Alkoholiker sind psychisch krank, aber es gibt zu wenig Angebote, die auch darauf Rücksicht nehmen”, erklärt Duhrmann.

Es ist ein Teufelskreis. Viele können sich auf Angebote, die es im Rahmen von Eingliederungshilfen gibt, gar nicht einlassen. “Manche halten Gruppensituationen gar nicht lange aus. Viele Pflichttermine, Therapien, Beschäftigungsangebote und zu viel Tagesplan sind da oft kontraproduktiv.”

Im William-Booth-Haus gibt es deswegen wenig Verpflichtungen. Eine davon ist das gemeinsame Frühstück, alle paar Wochen eine Gruppen-Sitzung und jeder Bewohner übernimmt eine Mini-Aufgabe für die Gemeinschaft: Tisch decken, Gruppenraum pflegen.

Ich will alles, was passiert ist in meinem Leben, noch einmal darlegen – vor allen Dingen für meine vier Kinder. Johannes, 66 Jahre alt, Alkoholiker und manisch depressiv

Und jeder hat für sich Dinge, die er schaffen will. Kleine, aber stetige Fortschritte. Wieder selber essen einkaufen, das Zimmer putzen, zum Arzt gehen, sich ein wenig Geld dazu verdienen – zum Beispiel beim Hausmeister im William-Booth-Haus – oder eben ein Buch schreiben, so wie Johannes.

“Ich will alles, was passiert ist in meinem Leben, noch einmal darlegen – vor allen Dingen für meine vier Kinder.”

Der 66-Jährige zeigt sein Zimmer. An der Wand ein Regal mit vergriffenen Zeitschriften und Büchern, ein kleiner Schreibtisch mit einem alten Computerbildschirm, ein schmales Bett. Drei Einhornkuscheltiere liegen darin verteilt. “Ich liebe Einhörner”, sagt Johannes und lächelt.

Viele wären längst auf der Straße gestorben

Die Einhörner sind wohl ein Überbleibsel aus der Parallelwelt, in der er viele Jahre gelebt hat. Seit er wieder Medikamente gegen die Depression nimmt, fühle sich alles viel realer an, sagt er.

Es ist farbenfroh in Johannes Zimmer. An der Wand hängen zwei riesige Gemälde, eins zeigt das Porträt einer Frau. “Das ist meine Ex-Frau, ich habe früher viel gemalt.”

Außenstehende sagen immer, ich lebe im betreuten Saufen. Denen sage ich: Aber ich lebe noch. Andi

Alles ist bunt, so als wöllte Johannes mit seinem neuen, kleinen Reich alles Dunkle und Graue aus seiner Vergangenheit hinter sich lassen. Auch wenn er seine Manie nie ganz loswerden wird, sagt er, gehe es ihm so gut wie seit Jahren nicht.

“Wir schenken einigen nochmal ein paar Jahre Lebenszeit. Auf der Straße wären viele wohl früher gestorben, wir feiern einige 55. und 60. Geburtstage”, sagt Sozialpädagogin Duhrmann.

Auch Andi weiß, dass er krank ist. Und für immer Alkoholiker bleiben wird. “Ganz ohne schaff ich es nicht. Außenstehende sagen immer, ich lebe im betreuten Saufen. Denen sage ich: Aber ich lebe noch.” Aber sein Körper sagt, dass er es irgendwann ohne schaffen muss. “Ich habe Bauchspeicheldrüsenprobleme, Zirrhose – und keine eiserne Leber, so wie andere”, lacht er.

Es ist Galgenhumor. Er musste schon auf viele Beerdigungen gehen.

Wegen all dem, glaubt Andi, müsse er eigentlich längst tot sein. Aber vorher will er sich noch einen großen Traum erfüllen. Einmal im Leben mit einem Flugzeug in den Urlaub fliegen – Türkei, Ägypten, New York, das ist ihm egal, Hauptsache fliegen. Weg von all den Sorgen.

(mf)