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08/02/2018 13:22 CET | Aktualisiert 08/02/2018 13:22 CET

In die Reserve Locken

Bundeswehr: In ihrer aktuellen Planung verlagert die Bundeswehr wieder mehr Verantwortung auf die Reserve. Dieser fehlt aber das Personal.

©Reservistenverband/Dennis Hallac.
Reservisten üben den scharfen Schuss

„Feind rückt über linke Flanke vor!“ und „Feind bekämpft!“ Bei diesem Wortwechsel handelt es sich nicht um einen Ausschnitt aus einem Film, sondern von einer Gefechtsübung einer Reservisteneinheit.

Bei Reservisten denken viele Deutsche an alte Herren, die in Uniform am Stammtisch sitzen und am Schützenfest teilnehmen. Tatsächlich erfüllen Reservisten aber eine Reihe wichtiger Aufgaben.

„Ich mache das, weil ich der Gesellschaft etwas zurückgeben will“ so Frederik Lotze, 28 Jahre alt, Unternehmensberater und Reservist.

Reservisten sind, nach eigenem Verständnis, das Bindeglied zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft. Seit dem Ende der Wehrpflicht tragen sie als letztes die Bundeswehr in den Alltag.

Die Bundeswehr bezeichnet die Reserve als unverzichtbar in der Landes- und Bündnisverteidigung, beim Heimatschutz sowie bei internationalen Einsätzen.

Bei Katastrophen wie den Hochwasserfluten von 2013 waren es auch Reservisten, welche die Bundeswehr und die zivilen Hilfskräfte unterstützt haben.

Insofern liegt auch eine hohe Verantwortung bei der Reserve.

“Der Dienst ist eine gute Chance und Möglichkeit sich weiter zu entwickeln und Verantwortung zu lernen” meint auch Lotze.

©Bundeswehr/Rott
Bundeswehr und THW beim Hochwassereinsatz.

Gerade die Zivil-Militärische-Zusammenarbeit ist heute eine der Kernkompetenzen der Reserve und qualifiziertes Personal gefragter denn je. Dazu gehört auch Jonas Wehnekamp. Der 27-jährige ist gelernter Rettungssanitäter und studiert Risiko- und Sicherheitsmanagement an der HfÖV Bremen. Er gilt als dringend benötigte Fachkraft.

Wehnekamp beklagt, er habe einen Mangel in diesem Bereich wahrgenommen. Im Zivilen gäbe es wenige, die gleichzeitig die militärische Sicht kennen und verstehen können. Der Bedarf ist hoch, experten rar. Weiterhin hätten wenige in der Bundeswehr Erfahrung in der Zusammenarbeit mit zivilen Einsatzkräften, was es doppelt schwierig macht zusammenzuarbeiten.

Seit Jahren schrumpft die Reserve. Gab es laut Bundeswehr im Jahr 2000 noch 356.247 beorderte Reservisten, waren es 2011 nur noch 27.819.

Einen Grund dafür kennt Dieter Hummel, Bezirksleiter des Reservistenverbandes Mittelfranken: „Das ist wie bei der Feuerwehr und beim Roten Kreuz. Ehrenamtliches Engagement ist für Jugendliche nicht mehr so attraktiv wie früher. Teilweise sind wir daran selbst schuld“. Die Reserve sei in den vergangenen Jahren nicht in die Öffentlichkeit getreten um für sich zu werben. „Es reicht nicht, wenn man nur einmal jährlich am Volkstrauertag Präsenz zeigt“, stattdessen sollten Reservisten öfter in Erscheinung treten, in dem sie zum Beispiel auch bei kommunalen Empfängen in Uniform erscheinen. Man müsse potenzielle Reservisten aktiver umwerben.

©Bundeswehr
Verkürzte Grundausbildung: In 20 Tagen zum Reservesoldat

Was potenzielle Reservisten betrifft hat das Bundesverteidigungsministerium seinen Rekrutierungspool erweitert. Seit 2017 können auch Ungediente in der Bundeswehr Reservisten werden. Nach einer verkürzten Grundausbildung von 20 Tagen gelten diese als ausgebildete Soldaten.

Das weitere schrumpfen der Reserve konnte diese Reform zunächst stoppen. 2017 registrierte die Reserve zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder einen Zuwachs von circa 1000 Freiwilligen auf 28.382 beorderte Reservisten.

Dennoch ist die Entwicklung nach Meinung des Verteidigungsministeriums immer noch nicht optimal.

„Mit Stand 2017 gibt es insgesamt 32.903 unbesetzte Beorderungsdienstposten in der Verstärkungsreserve bzw. nicht genutzte Beorderungsmöglichkeiten in der Personalreserve“ meldet ein Sprecher des Ministeriums.

Laut Dieter Hummel und dem Reservistenverband fallen immer mehr Wehrübungstage auf immer weniger Reservisten. „Dadurch zeigt sich, dass wir mehr gefordert werden als früher.“ Das bedeutet, immer mehr Arbeit wird von immer weniger Personal geschultert.

Ob dieser Trend in den nächsten Jahren gestoppt werden kann ist ungewiss.

Frederik Lotze und Jonas Wehnekamp wissen aber, dass sie ihren Dienst gerne machen. Auch wenn das für sie mehr Arbeit bedeutet.