WIRTSCHAFT
06/04/2018 20:05 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 23:30 CEST

China droht eine Zombie-Apokalypse – sie ist auch für uns gefährlich

Der Volksrepublik steht eine lange Nacht der lebenden Wirtschaftstoten bevor.

VCG via Getty Images
Smog über Peking: Auch in Chinas Hauptstadt treiben Zombies ihr Unwesen. 

Sie nennen sie Jiangshi, die “starren Leichen”. Und sie bevölkern ganz China.

Seit Jahrzehnten treiben die Zombies in der Volksrepublik ihr Unwesen. In den riesigen Geisterstädten der Provinzen Jilin, Guandong, Liaoning, Jiangsu und Zheijang. Aber auch in der Hauptstadt Peking, in der ganze Straßenblöcke entvölkert sind. 

Die Jiangshi sind in China eine Epidemie, eine Pest, die sich langsam ausbreitet und nun droht, das ganze Land zu verschlingen.

Doch Chinas Zombies sind keine Menschen-, sondern Schuldenfresser – Unternehmen, die der Staat mit Milliardenkrediten künstlich aufgebläht hat, ohne dass sie auf dem Weltmarkt lebensfähig wären. 

Die Jiangshi haben China sein explosionsartiges Wirtschaftswachstum beschert. Doch nun drohen sie, das Reich der Mitte ins Verderben zu stürzen  – und den Rest der Welt gleich mit.

Chinas lange Nacht der lebenden Wirtschaftstoten

Chinas Wirtschaft verwest von innen heraus.

China hat sich über Jahrzehnte eine Scheinökonomie herangezüchtet. Die staatlichen Banken vergaben hohe Kredite an marode Industrie- und Baufirmen. Das Geld fließt in aus dem Boden gestampfte Geisterstädte im zentralchinesischen Niemandsland, in denen keiner lebt und Fabriken für Produkte, die niemand kaufen will.  

Die vom Staat zur Verfügung gestellten Anleihen konnten diese Unternehmen somit nie zurückzahlen. Stattdessen wurden und werden sie weiter durch Schulden finanziert.

Diese Firmen sind die Jiangshi, die wirtschaftlich Untoten Chinas. Und sie sollen für über 70 Prozent der Unternehmensschulden des Landes verantwortlich sein

Die Schuldenlast der chinesischen Unternehmen liegt Experten zufolge bei etwa 165 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) – umgerechnet sind das rund 20 Billionen US-Dollar. 

Was ersteinmal abstrakt klingt, ist eine Bedrohung für den Aufschwung Chinas und die Weltwirtschaft: Denn die Zombieunternehmen beschäftigen Hunderttausende Angestellte, denen bei einer Pleite die Arbeitslosigkeit droht. Die Folge: Die Nachfrage in China auch nach ausländischen Produkten könnte einbrechen - betroffen wären Unternehmen weltweit. 

Die Jiangshi sind Firmen wie der im Westen der Provinz Sichuan angesiedelte Maschinenfabrikant Erzhong. Die Staatsfirma wurde 1958 gegründet, 50 Jahre später beschäftigte sie mehr als 12.000 Mitarbeiter.  

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Ein Stahlarbeiter in einer Fabrik in China. 

Der Journalist und China-Experte Dinny McMahon beschreibt in seinem aktuellen Buch “Chinas Great Wall of Debt”, wie das Unternehmen zum Untoten wurde.

Laut McMahon versorgte der Staat die Firma unentwegt mit neuen Krediten – Geld, welches die Verantwortlichen in unsinnige Projekte steckten. 

Eines davon: Die mordernste hydraulische Pressschmiede der Welt, zehn Stockwerke hoch und 200 Millionen US-Dollar teuer. Als McMahon Erzhong im Jahr 2014 besuchte, war die Schmiede jedoch noch nie in Betrieb genommen worden – es gab schlichtweg keine Nachfrage nach Produkten, die sie hätte herstellen können

Dann, ein Jahr später, ging Erzhong pleite und musste vom chinesischen Staat gerettet werden. Es war der Beginn einer regelrechten Bankrottwelle der Zombie-Firmen in China.

Chinas wirkungsloser Kampf gegen die Zombieinvasion 

Allein im Jahr 2016 zwang Chinas Regierung laut einem Bericht von Bloomberg 5665 Unternehmen in die Insolvenz.

Sie alle waren hochverschuldete Firmen, die in die wirtschaftliche Leere hinein produzierten und dem Staat das Geld aussaugten. 

Auch im Jahr 2017 wurden tausende Unternehmen in den Bankrott gezwungen

Geholfen hat die Maßnahme nicht.

Chinas Wirtschaft wird weiterhin von Zombies überrannt. Noch immer schreiben viele Unternehmen im Land tiefrote Zahlen – trotz aller immer wieder betonten Bemühungen der Regierung, den Kampf gegen die hemmungslose Verschuldung mit allen Mitteln zu führen. 

Auch der Internationale Währungsfond (IWF) warnt in einem Bericht aus dem Dezember, dass China trotz erster Reformen und beginnendem Schuldenabbau seine Zombie-Unternehmen einfach nicht unter Kontrolle bekommt. 

Laut Analysten der Ratingagentur Standard & Poors droht nun sogar ein staatlicher Kreditfonds für Lokalregierungen im Wert von einer Billion US-Dollar pleite zu gehen.

Es wäre ein fataler Meilenstein auf Chinas Weg in die Schuldenkrise – und ein Zeichen dafür, dass aus der Zombie-Plage eine Apokalypse zu werden droht. 

Zombiejäger Xi Jinping

Chinas Zombies werden so zu einer der größten Herausforderungen für Chinas Präsidenten Xi Jinping.

Gerade erst hat sich dieser ermöglicht, lebenslanger Herrscher über die Volksrepublik zu werden – doch schafft Xi es nicht, eine Schuldenkrise abzuwenden und Chinas Wirtschaft zu modernisieren, wird es zu so einer Xi-Dynastie nicht kommen. 

Autor und Experte McMahon nennt in einem Interview mit dem US-Sender ABC zwei Maßnahmen, die Chinas Machthaber nun direkt ergreifen müsse:

► Zunächst müsse Xi sofort die Geld- und Ausgabegier der Zombie-Firmen in China in den Griff bekommen – etwa, in dem er ihnen Kredite verweigere oder sie gleich auflöse. 

► Xis zweite Aufgabe sei es dann, einen nicht von Schulden abhängigen Weg zu finden, die chinesische Wirtschaft weiter wachsen zu lassen. 

In den vergangenen fünf Jahren ist Xi an dieser Aufgabe gescheitert. Tut er dies auch in Zukunft, wird das auch Folgen für den Rest der Welt haben. 

Wie Chinas Zombies die Welt bedrohen

“Wenn es China nicht gelingt, seine Wirtschaft wieder in Balance zu bringen, hat das böse Folgen für die ganze Welt”, warnte Michael Bettis, Finanzstratege und Experte für die chinesische Wirtschaft an der Universität von Peking, schon am Tag von Xis Machtergreifung im Gespräch mit der HuffPost. 

Zwar betrifft Chinas Zombieplage vor allem den Binnenmarkt des Landes – nur gut fünf Prozent des Kapitals der chinesischen Unternehmen stammen von ausländischen Investoren.

Doch bricht das Wachstum in China ein, hat das direkte Folgen für die Weltwirtschaft, die verheerend sein könnten. 

Die Welt ist auf Geld und Produkte aus China angewiesen. 

Kollabiert in der Volksrepublik die Wirtschaft, wird diese weniger Investitionen im Ausland tätigen und weniger Waren importieren.

Gerade für eine Exportnation wie Deutschland, an dessen China-Geschäften im Wert von jährlich rund 86 Milliarden Euro etwa 200.000 Arbeitsplätze hängen, wäre das fatal. 

Chinas Jiangshi sind also nicht nur eine Bedrohung für das Reich der Mitte – sondern für die ganze Welt.