POLITIK
14/11/2018 18:59 CET

Wie der Zugang zu Verkehrsmitteln die Ungleichheit in Deutschland bestimmt

"Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hängt vom Auto ab”, sagt eine Expertin. "Für ärmere Haushalte ist das dramatisch."

DAVID YOUNG via Getty Images
Nicht jeder in Deutschland kann es sich leisten, im Stau zu stehen.

Henry Ford hat den Kapitalismus verstanden. 

Der Fabrikant wusste, dass er Kunden für seine Produkte brauchen würde – Produkte, die nicht für jeden in den USA erschwinglich seien würden: Autos. 

Ford hob also die Mindestlöhne in seinen Fabriken an. Bisweilen lagen sie ein vielfaches über den gängigen Löhnen in den USA. Im Jahr 1918 etwa zahlte Ford bis zu 6 US-Dollar pro Stunde. 

Die Folge: Seine Fabrikarbeiter konnten mehr Geld ansparen – und mit diesem Geld Fords Autos kaufen. Sie erwarben damit ein Stück Mobilität, für viele Menschen erschloss das Auto die Gesellschaft. 

Das ist auch heute noch so: Viele Wege im Alltag lassen sich nur mit dem Auto erledigen. Der Weg zur Arbeit, der Weg zurück. Der zur Verwandtschaft auf dem Land. Der zum Supermarkt in der Kleinstadt. 

Doch Mobilität ist für viele Menschen zum Problem geworden. Oder vielmehr: zur Herausforderung. 

Denn längst hängen nicht mehr alle Unternehmer in den Vereinigten Staaten den Idealen Fords an. Dumpinglöhne, befristete Minijobs, Einkommensarmut – all diese Phänomene sind in den USA weit verbreitet.

Armut ist in den USA weit verbreitet: Im Jahr 2016 waren laut dem US-Statistikamt 12,6 Prozent der Bevölkerung arm. Das sind über 40 Millionen Menschen. 

Viele von ihnen schaffen es nicht, der Armut zu entkommen. Buchstäblich.

Im Jahr 2015 zeigte eine Harvard-Studie, dass die Zeit, die Arbeitnehmer in Städten wie Detroit, Boston oder Los Angeles für ihren Arbeitsweg brauchen, der bestimmendste Faktor ist, wenn es für sie darum geht, sich aus der Armut zu befreien.

Stadtteile, in denen Transportgelegenheiten nur schlecht erreichbar waren, hatten der Studie zufolge die höchsten Arbeitslosenraten und die niedrigsten Einkommen. 

Armut und Mobilität bedingen sich also. Wer in armen Vierteln lebt, sitzt dort oft fest – wegen der eigenen Armut. 

Es ist ein Effekt, den es nicht nur in den von extremer Ungleichheit geplagten USA gibt. Sondern auch in Deutschland. 

Soziale Ungleichheit in Deutschland: Eine Frage der Fortbewegung

Das zeigt etwa die Studie “Mobilität in Deutschland” des Bundesverkehrsministeriums für das Jahr 2017. Dort heißt es über die Auswirkungen des ökonomischen Status auf die Mobilität im Alltag: 

“Die Entwicklung von 2008 auf 2017 – sie offenbart eine ansteigende Lücke, vor allem entstanden durch einen Aktivitätsrückgang bei finanziell unterdurchschnittlich oder schlecht dastehenden Haushalten.”

Diese “Aktivitätslücke” hänge vor allem damit zusammen, dass ärmere Haushalte weniger häufig ein Auto zur Verfügung hätten.

Tatsächlich zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015: Etwa 7 Prozent aller Haushalte (fast 2,9 Millionen Menschen) in Deutschland können sich kein eigenes Fahrzeug leisten. Einkäufe, Arbeitswege, Freizeitaktivitäten – all das wird für diese Menschen zur Herausforderung. 

24 Prozent der Haushalte können es sich zudem nicht leisten, auch nur einmal im Jahr für sieben Tage in den Urlaub zu fahren. Erholung wird so zum Luxus. 

Wie in den USA gilt also auch in Deutschland: Armut ist auch eine Frage der Möglichkeiten zur Fortbewegung. 

Mehr zum Thema: In Städten findet eine Verkehrsrevolution statt, ohne dass wir es merken

“Die Mobilitätskosten sind bei armen Haushalten höher, als bei reichen”

Leider sei dieser Umstand jedoch noch viel zu wenig erforscht, sagt Ute Bauer, Expertin für Zusammenhänge zwischen Mobilität und sozialer Ungleichheit am Deutschen Institut für Urbanistik, der HuffPost. 

Das liege zum einen daran, dass es keine Forschungsgelder und offenbar auch kein ausgeprägtes Forschungsinteresse zu dem Thema gebe – auch nicht im zuständigen Ministerium. 

Zum anderen sei es ein Problem, dass viele arme Haushalte bei Mobilitätserhebungen gar nicht erst erfasst würden. Es fehle also schon die empirische Grundlage für Forschung zu den Zusammenhängen von Mobilität und sozialer Ungleichheit. 

Einige Erkenntnisse gibt es laut der Expertin aber bereits. 

► So würden repräsentative Erhebungen zum Mobilitätsverhalten deutlich zeigen, dass Haushalte mit geringen Einkommen weniger stark “automobil” seien. Das wirke sich auch auf das verfügbare Einkommen ärmerer Haushalte aus

“Die Mobilitätskosten sind bei armen Haushalten oft höher, als die bei reichen”, sagt Bauer. “Die öffentlichen Verkehrsmittel werden jedes Jahr teurer, die Kosten für den Automobil-Verkehr stiegen längst nicht so stark an. Das heißt: Wer sich im Alltag ein Auto leisten kann, kommt im Zeitvergleich günstiger weg.”

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Armut und Mobilität: die sogenannte fehlende Umweltgerechtigkeit. Bauer sagt: 

“In Großstädten ist es empirisch belegt, dass an Hauptverkehrsstraßen mit hoher Lärm- und Schadstoffbelastung, wo die Mieten geringer sind, auch die Einkommensschwächeren wohnen. Die Haushaltsgruppen, die Schadstoffe produzieren, tragen nicht die Hauptlast der Verschmutzung. Sie wohnen eher im Grünen oder verkehrsberuhigten Gegenden. Die Hauptlast tragen die Armen.” 

► Und das mehrfach – denn in den Großstädten findet laut Bauer eine “Verdrängung an den Stadtrand” statt. Dort sei das Angebot an Fortbewegungsmitteln viel schlechter, die Möglichkeiten im privaten und beruflichen Alltag seien also eingeschränkt. 

► Noch drastischer sei es im ländlichen Raum. “Hier hängt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vom Auto ab”, sagt Bauer, “für ärmere Haushalte ist das dramatisch.” 

Lösungen für das Problem sind nicht in Sicht.

(ben)