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06/11/2018 12:27 CET | Aktualisiert 06/11/2018 12:27 CET

Ich wollte immer Mutter werden – dann hat eine Reise mir die Augen geöffnet

Man muss kein Kind gebären, um Mutterliebe zu empfinden.

Privat
Autorin Lindsay Tigar in Kolumbien.

Die US-Amerikanerin Lindsay Tigar wollte ihr Leben lang Mutter werden. Doch die Suche nach dem passenden Partner gestaltete sich als schwierig – und die Erfüllung ihres Wunsches rückte in weite Ferne. In ihrem Blog für die HuffPost schildert sie, wie eine Weltreise ihr half, zu erkennen: Man muss kein Kind gebären, um Mutterliebe zu empfinden.

“¿Por qué tus ojos son azules?”, fragt das kleine Mädchen mich. Sie blickt zu mir hoch und blinzelt, geblendet von einem Sonnenstrahl, der sich gerade seinen Weg durch die Wolkendecke bahnt. Wir befinden uns auf einem Berg irgendwo tief in den Slums von Bogota, Kolumbien.

“Hat sie mich gerade gefragt, warum meine Augen blau sind?”, vergewissere ich mich bei meiner Freundin, die fließend Spanisch spricht. Sie nickt und ich erwidere das liebevolle Lächeln des Mädchens. Ich nehme ihre Hände und versuche, ihr in gebrochenem Spanisch zu erklären, dass meine Augenfarbe ein Geschenk meiner Eltern war.

Meine Augen sind eines der vielen Dinge, für die ich sehr dankbar bin. Dazu gehört natürlich auch meine liebevolle Familie. Und dass ich eine glückliche und einfache Kindheit hatte. Ich bin auch dankbar für meine Ausbildung. Denn sie bildet die Grundlage für meine großen Leidenschaft, das Schreiben.

Mein Leben lang wollte ich Ehefrau und Mutter werden

Außerdem bin ich dankbar für das Privileg, dass ich immer schon ganz genau wusste, was ich später einmal werden wollte — nämlich nicht nur Autorin, sondern auch Ehefrau und vor allem Mutter.

► Ich habe schon als kleines Mädchen gerne mit Babypuppen gespielt. Ich habe sie angezogen und sie in den Armen gewiegt. Manchmal habe ich meine Puppen auch bestraft, was meine Mutter immer besonders lustig fand.

► Als ich etwas älter war, verdiente ich mir ab und zu als Babysitterin ein bisschen Taschengeld dazu.

► In meinem ersten festen Job meldete ich mich immer freiwillig dafür, den “Bring-dein-Kind-zur-Arbeit-mit-Tag” zu organisieren.

► Und wenn meine Kollegen ihre neugeborenen Babys zum Kennenlernen mit ins Büro brachten, war ich immer die Erste, die darum bat, sie im Arm halten zu dürfen.

Ich habe keinen einzigen Moment lang daran gezweifelt, dass ich selbst einmal eine tolle Mama sein würde. Doch es gab viele Augenblicke, in denen ich mich fragte, ob ich wohl jemals die Gelegenheit dazu bekommen würde.

Vor diesem entscheidenden Moment in Südamerika hatte ich sieben Jahre lang in New York City gelebt. Genauer gesagt hatte ich in Manhattan nach einem Partner gesucht.

Es ist nicht gerade ein einfaches Unterfangen, in New York den Mann fürs Leben zu finden. Denn die Stadt wimmelt geradezu von bindungsunwilligen Menschen, die lediglich auf One-Night-Stands aus sind. Eine feste Beziehung steht für die übereifrigen und hoch motivierten Yuppies nicht gerade weit ob auf der Prioritätenliste. Denn ihnen ist mehr daran gelegen, einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter zu machen, anstatt vor den Traualtar zu treten.

Als vor zwei Jahren mein 28. Geburtstag immer näher rückte, überlegte ich mir, meine Eizellen einfrieren zu lassen. Diese Maßnahme sollte mir sowohl körperlich als vor allem auch emotional etwas mehr Sicherheit verschaffen.

Denn je näher der 30. Geburtstag heranrückt, umso mehr Gedanken müssen wir uns über unsere schwindende Fruchtbarkeit machen – nicht nur unsere Omas erinnern uns daran, sondern auch unsere Ärzte.

Mehr zum Thema:Eltern werden mit über 40: So urteilen Kinder alter Eltern

Die tief verwurzelte Sorge um die schwindende Fruchtbarkeit ist sehr bedrückend und kompliziert. Und für Frauen, die verzweifelt Mutter werden wollen, kann diese Sorge sogar so groß werden, dass sie ihnen komplett den Verstand raubt.

Der Kostenvoranschlag der Klinik für das Einfrieren meiner Eizellen lag bei 5000 US-Dollar aufwärts. Deshalb beschloss ich, meine Pläne lieber erst einmal zu verschieben.

Erst auf Reisen erkannte ich meinen Denkfehler

Stattdessen verwendete ich das Geld für etwas völlig Anderes: Ich ging meiner Reiselust nach. Und so kam ich vom Big Apple nach Kolumbien.

Mir wurde klar, dass meine Liebe zu Kindern nicht nur auf die Kinder beschränkt ist, die ich selbst zur Welt bringen kann.

Ich kündigte meine Festanstellung bei einem angesagten Fitness-Startup, um mich in Vollzeit als Freiberuflerin zu versuchen. Außerdem meldete ich mich bei einem Programm namens Remote Year an, bei dem ortsunabhängige Berufstätige die Gelegenheit erhielten, ein Jahr lang um die Welt zu reisen und von bis zu zwölf Ländern aus arbeiten zu können.

Nach 365 anstrengenden, aber auch sehr glücklichen Tagen hatte ich in
Kroatien, Portugal, Thailand und sieben weiteren Ländern eine zweite Heimat gefunden. Zu behaupten, diese Erfahrung hätte mich verändert, wäre eine Untertreibung.

Denn meine Reise hat mich nicht nur mutiger gemacht und meinen Horizont erweitert, sondern auch meine Sichtweise auf das Thema Kinderkriegen verändert. 

Ich zog jeden Monat woanders hin und lernte verschiedene Kulturen und Geschichten kennen. Dadurch traf ich unweigerlich auch auf Kinder aus allen möglichen Gesellschaftsschichten — von braven, tadellos gekleideten
Schulkindern, die gemeinsam durch die Straßen von Kyoto, Japan, spazierten bis hin zu ausgelassenen, begeisterungsfähigen und zweisprachigen Argentiniern, deren Lachen sämtliche Ecken meines Wohnviertels
erfüllte.

Dabei wurde mir klar, dass meine Liebe zu Kindern nicht nur auf die potenziellen Kinder beschränkt ist, die ich selbst zur Welt bringen kann. Meine Fähigkeit, zu lieben, hängt lediglich von der Größe meines Herzens ab.

Es war egal, ob es sich nun um ein thailändisches Kind handelte, das sich bemühte, Satz an Satz aneinanderzureihen, um mir von seiner Schmuckkollektion zu erzählen.

Oder ob es um ein portugiesisches Baby ging, das plötzlich zu weinen aufhörte, als ich in einem Café eine lustige Grimasse schnitt.

Mir wurde klar, dass man nicht über eine gemeinsame DNA verfügen musste, um sich miteinander verbunden zu fühlen.

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Den Begriff Familie definiert jeder für sich

So richtig begreifen konnte ich das Ganze jedoch erst im elften Monat meiner Reise, als das neugierige kleine Mädchen mich auf meine Augenfarbe ansprach.
Ich will meine Eizellen nicht einfrieren lassen. Sollte ich keine eigenen Kinder bekommen können, wenn ich später einmal einen Partner gefunden und wir uns ein gemeinsames Leben aufgebaut haben würden, würde ich das Geld
viel lieber für eine Adoption verwenden.

Den Begriff Familie definiert jeder Mensch anders. Und ich würde jede Frau voll und ganz bei ihrer Entscheidung unterstützen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Es handelt sich dabei um eine persönliche Entscheidung, die man meiner Meinung nach niemals auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Mir ist inzwischen jedoch klargeworden, dass für mich persönlich definitiv auch eine Adoption in Frage käme. Denn ich habe auf meinen Reisen aus erster Hand erfahren, wie groß der Bedarf danach ist.

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Die Autorin mit ihrer Reisegruppe von Remote Year.

Im Rahmen meiner Auslandsaufenthalte nahm ich auch an einem Wohltätigkeitsprojekt namens Yugen Build teil, das die Organisation Remote Year auf die Beine gestellt hat.

Während ich Löcher grub und Nägel einhämmerte, beobachtete ich fasziniert die Kinder einer kolumbianischen Gemeinde. Wenn wir im Regen Steine für die Stiftung sammelten, hielten sie Regenschirme über unsere Köpfe. Und sie stapelten auch selbst Steine aufeinander, nur, um uns zu helfen.

Sie brachten uns selbstgemachte Kettchen mit – ein Geschenk, das sämtliche Unterschiede zwischen unserem persönlichen Hintergrund und unserer Herkunft verblassen ließ.

Die Kinder sangen Lieder mit uns und sie liebten es, mit uns zu spielen. Sie baten uns immer wieder darum, sie hochzuheben und durch die Luft zu wirbeln. Ich wusste bereits, dass ich eines Tages die Mutter eines Kindes sein würde. Doch als ich diese Kinder beobachtete, wurde mir klar, dass ich mein eigenes Geld viel besser dafür einsetzen konnte, einem Kind ein schönes Leben zu schenken, das sich eine eigene Familie wünschte.

Denn während ich mir immer eine Tochter, einen Sohn oder sogar beides gewünscht hatte, träumten unzählige Kinder davon, eine Mutter zu haben.

Allein in den USA gibt es mehr als 400.000 Pflegekinder, die auf eine
Adoption warten. Und weltweit ist diese Zahl sogar noch bedeutend höher.

Unsere DNA ist nicht das einzige, was uns verbindet

Die Gebühren für das Einfrieren von Eizellen und für eine Adoption variieren sehr stark und hängen von vielen Faktoren ab. Doch wenn es soweit ist, will ich mein Erspartes lieber darauf verwenden, einem Kind ein Zuhause zu schenken.

Die Gebühren für das Einfrieren von Eizellen und für eine Adoption variieren sehr stark. Doch wenn es soweit ist, will ich mein Erspartes lieber darauf verwenden, einem Kind ein Zuhause zu schenken, das dringend eines braucht.

Durchs Reisen lernt man, sich verstärkt auf die Eigenschaften zu konzentrieren, die Grenzen überbrücken können, anstatt auf die Dinge, die diese Brücken wieder einreißen könnten.

Außerdem erfahren wir auf Reisen mehr über die Gefühle, die alle Menschen gemeinsam haben, wie beispielsweise Wut, Trauer, Freude und natürlich Liebe.
Reisen erinnert uns daran, dass wir alle Kinder dieser Erde sind.

Und dass wir noch ein wenig weiterkommen könnten, wenn wir uns gegenseitig helfen.

Wir können mehr Zeit damit verbringen, uns über die Farbe unserer Augen zu unterhalten und uns gegenseitig Tipps zu geben, wie man den größten Stein findet. Und wir müssen uns weniger den Kopf darüber zerbrechen, wie viel Zeit uns noch bis zum Verfallsdatum unserer Eierstöcke bleibt.

Um den Wunsch nach eigenen Kindern wahr werden zu lassen, muss man nichts einfrieren lassen.

Denn ebenso wie bei Fahrplänen und bei Flugzeiten ist auch der Weg zur Gründung einer Familie unvorhersehbar und voller Überraschungen.

Es verläuft nicht immer alles nach Plan. Doch diese Tatsache hat mich dazu motiviert, zu versuchen, immer mit mir selbst im Reinen zu sein. Und zwar unabhängig davon, wohin das Leben mich auch führen mag.

Und vielleicht komme ich ja eines Tages zu diesen frohen und dankbaren Menschen zurück und nehme ein Kind mit nach Hause, das nicht durch meine Gebärmutter mit mir verbunden ist.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(amr/ak)