POLITIK
25/03/2018 21:15 CEST | Aktualisiert 26/03/2018 16:59 CEST

Ich war undercover beim AfD-Stammtisch – plötzlich tauchte ein Muslim auf

Der Deutschtürke zeigte der AfD, was politisch in Deutschland falsch läuft.

Auf dem Jutebeutel des Mannes vor mir prangt eine riesige Deutschlandflagge. Sieht so aus, als befände ich mich auf dem richtigen Weg zum AfD-Stammtisch. Ich folge dem Mann in ein rustikales Münchner Restaurant. Eine Kellnerin begrüßt uns mit russischem Akzent.

“Stammtisch?”, fragt der Mann nur.

“Der Stammtisch findet dort im Hinterzimmer statt”, sagt sie freundlich.

Ich bin undercover hier und will als vermeintlich interessierte AfD-Wählerin herausfinden: Wie tickt die Basis der Partei knapp ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl?

Ich hoffe, eine ehrlichere Antwort zu bekommen, wenn mich die AfD-Anhänger an diesem Abend nicht als Journalistin erkennen – nicht als Vertreterin der von ihnen sogenannten Lügenpresse.

Männer trinken Bier und essen Wurst mit Kartoffeln

So viel soll schon an dieser Stelle verraten sein: Am Ende des Abends werde ich auf meine Frage keine Antwort erhalten haben.

Stattdessen habe ich erfahren, was in der aktuellen politischen Debatte in Deutschland grundsätzlich schief läuft – dank eines SPD-Mitglieds muslimischen Glaubens, das sich unter die AfD-Anhänger mischt.

Aber der Reihe nach.

Als ich die Klinke herunterdrücke und den Blick durch das Hinterzimmer streifen lasse, bin ich fast ein bisschen enttäuscht. Das Publikum ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.  

Mindestens ein Dutzend Männer mit lichtem Haar trinken Bier und essen Wurst mit Kartoffeln. Ich sehe nur drei Frauen mittleren Alters und eine ältere Frau.

Ich setze mich am Eingang neben ein Paar, nicht älter als Anfang 30. Er trägt ein Hemd, sie einen schwarzen Kapuzenpullover, auf dem in großen Druckbuchstaben “Bayern Dahoam” steht.  

“Schön, mal junge Gesichter zu sehen”

Ihr Blick bleibt an meiner Brosche hängen: eine kleine Deutschland- und eine Bayernflagge, die sich an ihren Fahnenstangen umschlingen. Ich habe sie extra kurz zuvor noch im Zeitungsladen am Münchner Hauptbahnhof gekauft, weil ich mir nicht sicher war, ob ich wie eine AfD-Wählerin wirke. Hoffentlich habe ich es damit nicht übertrieben, denke ich.

Nein, habe ich nicht. Das Paar lächelt mich an, ebenso wie der kleine alte Mann, der mir gegenüber sitzt.

“Das ist so schön, hier auch mal junge Gesichter zu sehen”, sagt er erfreut. “Kommen Sie aus München, junge Frau?”

“Ursprünglich aus Braunschweig”, behaupte ich. Das ist zwar nicht ganz, aber fast meine Heimatstadt.

“Aus Braunschweig, toll!”, ruft er begeistert. So enthusiastisch hat wahrscheinlich noch niemand auf die Stadt Braunschweig reagiert. “Dann hatten wir ja immerhin früher den gleichen Herrscher!”  

Da bin ich noch nicht mal fünf Minuten hier und schon geht es um Hitler, denke ich mir.  

“Heinrich den Löwen!”, ruft der Mann.

“Ach ja, stimmt”, sage ich und nehme mir vor, mich für den Rest des Abends mit meinen Klischees zurückzuhalten. 

Wüten gegen die Presse 

Ein AfDler, nicht älter als Mitte 30, steht auf und begrüßt uns förmlich. Zunächst beklagt er, wie schwierig es gewesen sei, einen neuen Veranstaltungsort “im roten München” zu finden. Ein paar Männer nicken wütend.

“Wir wollen heute über Deutschland sprechen”, sagt er. Worüber auch sonst.

“Wir haben hier viele Probleme zu beheben. Wir müssen unseren Kindern ein lebenswerteres Land bieten. Und wir müssen über die Medien sprechen. Darüber, wie wir dargestellt werden.”

Er zitiert die Überschrift eines “Zeit”-Artikels.

“‘Die Zeit’ hat ernsthaft geschrieben: ‘Afd-Abgeordnete beschäftigen Rechtsextreme und Verfassungsfeinde’”, sagt er. Gelächter erfüllt den Raum. Ich lächle gequält, als der Mann gegenüber mich anlacht.

“Ich habe mir mal angesehen, wer für diese Menschen als rechstextrem gilt.” Gespanntes Schweigen. “Menschen, die in einer rechten Burschenschaft waren oder Journalisten der Zeitungen ‘Junge Freiheit’ oder ‘Compact’ zum Beispiel.” 

Wieder erklingt Gelächter im Raum, jetzt noch etwas verächtlicher. 

Der Sprecher hebt zwei Ausgaben der jeweiligen Zeitungen in die Höhe. “Ich gebe die mal rum, dann könnt ihr euch selbst davon überzeugen, dass das keine rechtsextremen Zeitungen sind”, sagt er.

Die meisten werfen nur einen kurzen Blick in die Zeitungen, schütteln dann den Kopf und geben sie weiter.

Ich blättere in der “Compact”. Wissenschaftler bewerten das Magazin als rechtspopulistisch. Über sich selbst schreibt es: “Ehrlicher Journalismus in Zeiten der Lüge”. Fast auf jeder Seite sind IS-Terroristen abgebildet. Und es geht darum, wie die Araber Deutschland durch ihren Einfluss angeblich kaputtmachen. “Die Kopfabschneider”, lautet der Titel eines Textes.

Angst vor der Bevölkerungsexplosion

“In Berlin gibt es mittlerweile sieben Messerstechereien am Tag”, sagt der Sprecher ernst. “Und unser Münchner Hauptbahnhof ist zur No-Go-Area geworden. Deutsche sind dort nicht mehr sicher.”

Was für ein Glück, dass ich den Kauf meiner Deutschland-Brosche am Münchner Hauptbahnhof gerade noch so überlebt habe, denke ich.

In den nächsten Minuten geht es um Flüchtlinge, die angeblich den deutschen Sozialstaat ruinieren, um Merkel, die Europa “zu Grabe” trage und um eine drohende Bevölkerungsexplosion in Deutschland.

“Die Bevölkerungsexplosion ist doch schon morgens in der U-Bahn zu sehen”, ruft einer der Männer hinter mir. “Erst neulich habe ich wieder eine schwarze Frau mit acht Kindern in der Münchner Bahn gesehen. Die hatte zwei Kinder im Bauch, zwei Kinder an der Hand, noch mehr dabei und wahrscheinlich noch mehr Zuhause!”

Ich weiß nicht genau, wie seine Rechnung aufgeht, aber die Zuhörer nicken wütend.

“Die Schwarzen haben eben eine andere Mentalität”, sagt der Sprecher. Er spricht in einem Tonfall, als würde er allen Anwesenden die Welt erklären.

“Wir Deutschen geben unser Geld dafür aus, zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Die Schwarzen bekommen viele Kinder”, sagt er. 

Mit Blick in die anderen Gesichter stelle ich fest, dass ich die Einzige bin, die seine Argumentation vollkommen absurd findet. Ich sehe nur Zustimmung. 

Auch ein Homosexueller ist da

Der offizielle Teil ist jetzt vorbei. Mittlerweile bin ich die einzige Frau im Raum. Die anderen sind nach dem öffentlichen Teil gegangen.

Im Gespräch mit einem Sitznachbarn erfahre ich, dass er homosexuell ist.

“Vor allem die Ausländer hetzen gegen Homosexuelle”, behauptet er. “In Berlin habe ich das viel zu oft erlebt. Aber der Hauptgrund, warum ich begonnen habe, mich für die AfD zu interessieren, ist die Berichterstattung der Medien. So blöd und so plump wie die Medien über diese Partei berichtet, kann sie doch gar nicht sein, dachte ich mir. Und ich hatte Recht damit.”

Ein älterer kleiner Mann stimmt ihm zu. “Man kann nur noch ‘Compact’ lesen”, sagt er. “Alle anderen Medien hetzen gegen die AfD.”

“Wir müssen uns alle viel mehr zuhören”

Als mein Sitznachbar aufsteht, setzt sich ein anderer Mann auf seinen Stuhl. Von seiner äußeren Erscheinung, schwarze Haare, dunklere Haut, passt er nicht so ganz in die Runde.  

“Bist du zum ersten Mal hier?”, frage ich ihn.

“Ich wollte mir das hier mal anschauen. Und du?”

“Ich auch.”

“Bist du also auch eher analysierend hier?”

“Genau.”

Da erzählt er mir, dass er eigentlich Mitglied bei der SPD sei, aber es wichtig finde, auch zu anderen Stammtischen zu gehen.

“Wir müssen uns alle viel mehr zuhören”, sagt er. “Es bringt doch nichts, sich gegenseitig nur anzuschreien.”

Jetzt setzt sich ein AfDler zu uns, der deutlich jünger als die anderen im Raum ist.

“Warum hast du denn die AfD gewählt?”, frage ich ihn.

“Weil es keine andere rechte Partei in Deutschland gibt.”

Für Seehofer haben die AfD-Anhänger nur Verachtung übrig

“Was hältst du von der CSU?”

“Gar nichts. Die geben sich gerne einen konservativen Anstrich, aber in Wahrheit sind die alle links. Und Horst Seehofer geht gar nicht.”

“Horst Seehofer”, wiederholt einer der anderen Männer, ein kräftiger Glatzkopf, der sich jetzt ebenfalls einen Stuhl zu uns heranzieht. Er sagt es mit einem Unterton, als würde er den Namen auf den Boden spucken.

“Die CSU ist auch schon links”, behauptet einer.

“Ja, die wollen teilweise auch, dass der Islam zu Deutschland gehört.” Das ist das Stichwort für den SPD-Mann, sich einzumischen.

“Wieso gehört der Islam eurer Meinung nach nicht zu Deutschland?”, fragt er in die Runde. Er fragt es ohne provokanten Unterton.

“Ich will es einfach nur verstehen”, sagt er. 

“Ich bin Moslem.”

“Wir wollen, dass die Ausländer sich assimilieren”

Die Männer werden unruhig.

Einer scharrt nervös mit den Füßen. Er fühlt sich offensichtlich unwohl.

“Ich lebe hier und ich bin hier aufgewachsen. Meine Großeltern kommen ursprünglich aus Syrien, meine Eltern aus der Türkei. Ich bin gerne in einem bayerischen Lokal, aber ich bin genauso gerne im türkischen Café. Was bin ich für euch? Türke oder Deutscher?”

Die Männer sind nachdenklich geworden. Es ist still.

“Du bist Deutscher, ist doch klar”, sagt schließlich der Mann neben mir. “Du bist ja hier groß geworden.”

Die anderen nicken zustimmend.

“Wir wollen ja nur, dass sich die Ausländer hier assimilieren”, sagt einer der Männer.

“Aber was heißt assimilieren für euch?”

“Die Ausländer hier sollen sich so weit integrieren, dass sie sagen ‘Ich bin Deutscher!’ So wie du.”

“Aber was, wenn ich euch sage, dass ich mich nicht als Deutscher fühle, sondern zur Hälfte als Türke?”, fragt er. “Und es sich anfühlt, als wolltet ihr mir das wegnehmen? Als wolltet ihr mir meine Religion verbieten und mir damit einen Arm abhacken?”

Die Männer wissen nicht, was sie sagen sollen. Ein paar von ihnen sehen betroffen aus. Einer schaut auf seinen Arm.

“Ausländer müssen versuchen, wie Döner zu werden”

 “Was muss ich machen, damit ich kein Dorn im Auge der AfD bin?”, fragt der SPD-Mann ruhig.

Immer noch Schweigen. Es ist den Männern anzumerken, dass sie den Deutschtürken, der da vor ihnen sitzt, sympathisch finden, zumindest respektieren. Sie haben Angst, etwas Falsches zu sagen. Und wollen gleichzeitig nicht ihren Glauben an das verlieren, was sie für die Wahrheit halten. 

“Was muss ich tun, damit ich mich erfolgreich assimiliere?”

Der Mann neben mir räuspert sich. Er rutscht unruhig hin und her.

“Also, klingt jetzt vielleicht blöd, aber nehmen wir doch mal als Beispiel den Döner. Ausländer hier in Deutschland müssen versuchen, wie ein Döner zu werden.”

Der Mann von der SPD lächelt belustigt. Der AfDler sieht sich unsicher um. Ich versuche, ihn aufmunternd anzusehen. Hier passiert gerade etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: eine ernsthafte Diskussion, ohne Beleidigungen, ohne Provokationen. 

“Wie ein Döner?”

“Ja, der Döner ist das perfekte Beispiel. Da hat sich das Beste aus zwei Welten zusammengetan. Und ist jetzt Deutsch.”

Der SPDler denkt nach.  

Die AfD-Anhänger hören ernsthaft zu

“Okay, ich verstehe, was du meinst.”

Der Mann sieht ehrlich erfreut darüber aus, dass er nicht ausgelacht, sondern verstanden wird.

“Wisst ihr, für mich ist das einfach so: Ich lebe in einem Land, in dem vier Millionen Menschen meine Religion haben”, sagt der SPD-Mann.

“Da denke ich mir: ‘Hey, wieso sagen irgendwelche Menschen, dass diese Religion nicht zu meinem Land gehört?’ Ich und all diese Menschen sind doch schon längst hier. Natürlich gehören wir dazu. Wir leben ja hier.”

Die Männer hören interessiert zu. Kein Gelächter, kein Stirnrunzeln, keine verschränkten Arme. Sie hören wirklich zu.

Hinter uns beginnen die Kellner bereits aufzuräumen.

Eine von ihnen kommt an unseren Tisch. “Entschuldigung, aber Sie müssten jetzt langsam mal.”

Wir zahlen unsere Getränke.

“Wir sollten öfter mit Türken reden”, sagt einer der AfDler zu mir und den anderen.

Der Deutschtürke lächelt.

“Warum reichen wir einander nicht die Hand?”, fragt er. “Anstatt nur übereinander zu reden. Lasst uns doch mal treffen. Ich zeige euch mein türkisches Lieblingscafé.” 

Einer der AfDler lacht verunsichert.

“Da trinke ich dann aber Bier”, sagt er.

“Die Moslems können schon hier bleiben”

Der SPD-Mann lacht.

“Es wird euch gefallen”, verspricht er.

Die noch Anwesenden tauschen ihre Kontaktdaten aus.

Es kommt mir unwirklich vor. Ist es wirklich so einfach? Hören wir uns so wenig gegenseitig zu?

Die AfDler haben vor, sich mit dem Muslim zu treffen. Einfach nur, weil er ruhig und nett und ohne sie zu provozieren mit ihnen gesprochen hat.

Wir verabschieden uns freundlich.

Ich gehe zusammen mit einem der jüngsten AfD-Mitglieder zur U-Bahn.

“Und was denkst du so über die Diskussion?”, frage ich ihn.

“Na ja, ich bin AfD-Wähler”, sagt er. “Aber ich würde jetzt auch keine Religion verbieten. Ich verstehe ihn da schon. Der war auch nett und so. Also ... die Moslems können schon hier bleiben, finde ich.”