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19/06/2018 23:22 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:42 CEST

"Ich war im Konzentrationslager – so denke ich jetzt über Deutschland"

Stefan Barth erzählt von seinem Weg von Jugoslawien nach Deutschland.

Bei dem Gedanken, dass auch andere Jungen und Mädchen das erlebt haben könnten, was ich erleben musste, erschaudere ich.

Ich bin am 26. Februar 1937 in Futok (Futog), damals ein Dorf mit 7.500
Einwohnern, im Kreis Novi Sad in Jugoslawien geboren. Die Einwohner waren ein Drittel Serben und zwei Drittel Deutsche. Am 4. Dezember 1944 wurden wir von den Kommunisten enteignet, entrechtet und meine Eltern und Großeltern mit mir und meiner zweijährigen Schwester in das Konzentrationslager Jarek getrieben.

Mein Vater und Großvater wurden von uns getrennt und kamen in ein Arbeitslager. Meine einprägsamste Erinnerung habe ich an meine Uroma. Sie ist im Lager verhungert und im Zimmer, in dem 18 Personen schliefen, neben mir auf dem Fußboden gestorben. Auch den erhängten Mann, den ich zufällig in einem halbdunklen Schuppen entdeckt habe, werde ich wohl nie vergessen.

Oder die Frau, die ihre vier Kinder nicht hungern sehen konnte und sich aus Verzweiflung in einem offenen Brunnen ertränkt hatte. Ihr Gesicht, das zu mir hochschaute, sehe ich immer noch vor mir.

Eineinhalb Jahre Konzentrationslager – 7000 Tote 

Ein Jahr mussten wir im Lager verbringen. Das Essen war ungesalzen und bestand überwiegend aus Einbrennsuppe, Erbsensuppe, Bohnensuppe, Maisbrei, Maisbrot ohne Fett geschweige denn Gemüse oder Fleisch, von Würmern in Erbsen und Bohnen ganz abgesehen.

Das Konzentrationslager bestand eineinhalb Jahre. Danach wurde es aufgelöst und die Lagerinsassen auf andere KZ‘s verteilt. Während dieser Zeit sind im KZ Jarek, durch Unterernährung, Typhus, Kälte oder Misshandlung.7.000 Menschen gestorben, darunter tausend Kinder unter 14 Jahren.

Unsere Rettung war unser serbischer Nachbar Dr. Nikolić. Die Serben konnten
Deutsche aus dem Lager holen und bei sich arbeiten lassen. Dafür haben sie dem Staat Geld gezahlt. Unser Salasch (Meierhof)-Nachbar hat das ausgenutzt und uns aus dem Lager geholt und auf seinem Gut arbeiten lassen.

Er war Chef des Pasteur-Instituts in Novi Sad und hatte privat Kühe und Ackerland. Bei ihm ging es uns viel besser. Endlich hatten wir wieder zu
essen. 

Zur Zwangsarbeit ins Kohlebergwerk

1947 kamen wir zu Zwangsarbeit in das Kohlebergwerk Tresibaba Podvis bei
Knjaževac in Südserbien. Dort konnte ich dank meiner hilfsbereiten Lehrerin die serbische Volksschule nach zwei Jahren abschließen.

1949 bekamen wir unsere Bürgerrechte zurück und zogen in unsere Kreisstadt Novi Sad in der Woiwodina. Dort konnte ich das „J.Jovanović Zmaj - Gymnasium“ besuchen und 1957 mit dem Abitur abschließen. Danach sind wir nach Deutschland ausgewandert.

  • Serbien im Jahr 1957: Im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien herrscht Krieg. 
  • Deutschland im Jahr 1957: Das Wirtschaftswachstum ist in vollem Gange. Deutschland wird zum “Wirtschaftswunderland”. 

Das erste Jahr war schwer für mich. Ich hatte meine Freundin in Jugoslawien
zurücklassen müssen. In Deutschland wurde mein Abitur nicht voll anerkannt. Ich musste noch ein halbes Jahr in Darmstadt auf das „Viktoria Mädchen-Gymnasium“ gehen und Ergänzungsprüfungen, zusammen mit sog. SBZ-Abiturienten (aus der sowjetischen Besatzungszone) ablegen, obwohl ich bereits ein sehr gutes Abiturzeugnis aus Jugoslawien mitgebracht hatte.

Die Deutschen waren missgünstig

Mit dem Fach Deutsch hatte ich am meisten Schwierigkeiten, weil wir in
Jugoslawien Deutsch als Fremdsprache hatten und die deutsche Literatur nur am Rande streiften. Zusätzlich musste ich ein halbes Jahr in einer Maschinenbaufirma ein Praktikum absolvieren und habe dadurch insgesamt ein Jahr verloren.

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Ich dachte, man würde uns in Deutschland enthusiastisch empfangen nach allem, was wir erleben mussten. Doch am Anfang unterstützte uns kaum jemand aus der Bevölkerung, die meisten waren missgünstig. Sie waren der Meinung, wir Flüchtlinge bekämen alles vom Staat geschenkt. Dadurch konnten wir anfangs kein gutes Verhältnis aufbauen.

Bei mir hat sich das erst im Laufe der Jahre geändert, als ich begann zu studieren und in der Hochschulmannschaft Volleyball zu spielen. Da fand ich Freunde. In Darmstadt habe ich Elektrotechnik studiert und das Studium als Diplom-Ingenieur abgeschlossen.

Heute ist mein Blick auf Deutschland positiv

Ich bekam schon während des Studiums eine Arbeitsstelle bei Siemens. Ich bin mit einer deutschen Frau aus Krefeld verheiratet, habe drei Töchter und acht Enkelkinder.

Heute ist mein Blick auf Deutschland sehr positiv. Ich engagierte mich, war 12 Jahre lang im Erlanger Stadtrat, bin Mitglied in der SPD und in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen wie AWO, ASB, Bund Naturschutz, Seniorennetz beim Roten Kreuz und singe im Chor.

Im Ruhestand fing ich an, Bücher zu schreiben und habe inzwischen sechs
Bücher herausgebracht, die teilweise auch mit der alten Heimat zu tun haben. Fest steht - ich habe mich in Deutschland keinen Tag gelangweilt.

1949 bis 1959