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11/04/2018 12:43 CEST | Aktualisiert 13/04/2018 14:05 CEST

Was ich von den Arbeitslosen der reichsten Gemeinde Deutschlands gelernt habe

Von Alkoholikern bis zu gefallenen Top-Managern: Fast jeder hat mit seinem Schicksal zu kämpfen.

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Schön ist es: Starnberg am Rand der Alpen

Leere Gesichter starren vor sich hin, Kindergeschrei erfüllt den Raum. Dann ein Gong. “23!”, ruft eine Frauenstimme. Der Mann neben mir blickt müde unter seiner Kappe mit Mercedes-Benz-Schriftzug auf, lässt den Kopf dann wieder sinken.

“23 gibt’s nicht mehr!”, ruft jemand. “Okay.” Der nächste Gong.

“24!”

 Ein vielleicht 40-jähriger Mann steht auf und schlurft zum Schalter.

“Haben Sie einen Ausweis?”

“Ja, freilich.”

“Sie haben kein Geld bekommen?”

“Genau.”

“Haben Sie alles eingereicht?”

“Ja, natürlich. Ich brauche jetzt dringend Geld.”

Ich bin im Jobcenter in Starnberg, der reichsten Gemeinde Deutschlands. Das verfügbare Nettoeinkommen pro Kopf ist hier mit über 33.000 Euro 44 Prozent höher als im Bundesschnitt. Die Arbeitslosenquote im Landkreis Starnberg liegt derzeit bei 2,7 Prozent. Vollbeschäftigung – und das seit Jahrzehnten. In Starnberg selbst soll es mittlerweile weniger als 700 Arbeitslose geben, bei rund 23.000 Einwohnern.

Auf dem Weg zum Jobcenter bin ich am Starnberger Ferrari-Haus vorbei gelaufen. Nur ein S-Bahn-Stopp weiter ist man am Starnberger See, hat den Blick auf Jachten und Segelboote. Das Jobcenter hingegen sieht aus, als hätte jemand zwei überdimensionale Dixi-Klos aneinander geklebt. Gäbe es das überfüllte Jobcenter nicht – es wäre kaum zu glauben, dass hier überhaupt Menschen wohnen, denen es schlecht geht.

Spahn sagt, Hartz-IV-Empfänger hätten alles, was sie brauchen

In Starnberg muss einfach alles perfekt sein. Der Gedanke liegt nahe.

Zwei bis fünf Prozent Arbeitslose, das ist zu verkraften. Und sie bekommen ja Hartz IV. Davon lässt sich leben. Das sagt zumindest der CDU-Politiker Jens Spahn.

Die Behauptung des Gesundheitsministers, jeder habe mit Hartz IV, “was er zum Leben” brauche, sorgt seit Wochen für Diskussionen. Im Kern geht es meist darum, wie viel Geld ein Mensch in Deutschland zum Leben braucht.

Was bei der Diskussion aber zumeist ignoriert wird: Was Menschen im Jobcenter umtreibt, auch hier in der reichsten Gemeinde Deutschlands, ist nicht, wie viel Geld sie genau bekommen. Sondern viel mehr, wie es ihnen wieder gelingen kann, ein Teil der Gesellschaft zu werden.

Im Wartezimmer des Jobcenters sammeln sich Kinder 

“Mama, ich will zu Mc Donald’s!”

Ein kleiner Junge hängt sich an seine Mutter und versucht mit aller Kraft, sie aus dem Wartezimmer nach draußen zu zerren.

Die Mutter reißt sich los. “Sei ruhig!”, sagt sie barsch. “Willst du Ärger oder was?”

“Heute schon mit Ihrem Kind gespielt?” steht auf einem Plakat über ihrem Kopf.

Der Junge ist nicht das einzige Kind im Wartebereich des Jobcenters. In der Ecke spielen zwei Mädchen mit Bauklötzen. Ein vielleicht Neunjähriger tippt auf einem iPhone herum, ein kleines Mädchen blättert lustlos in dem Werbeprospekt eines örtlichen Möbelhauses.

Offensichtlich hat keine der arbeitslosen Mütter einen Betreuungsplatzfür ihr Kind. Was es natürlich nicht gerade einfacher macht, einen Job zu finden.  

Mir gegenüber sitzen drei Frauen mit Kopftüchern. Die Wartenden sammeln sich bis in den Flur.

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Wie zwei aneinander geklebte Dixi-Klos: Das Jobcenter in Starnberg 

“Wir haben unsere Öffnungszeiten extra ausgeweitet, um den Wartebereich zu entzerren”, sagt mir der Geschäftsführer Gerhart Schindler, ein kräftiger Mann mit wachen blauen Augen und weißen Haaren.

15 Jahre hat er als Streetworker gearbeitet. Mittlerweile leitet er seit mehr als zwei Jahren das Jobcenter in Starnberg.

Der Geschäftsführer wurde schon von einem Kunden bedroht

Seine Qualitäten als Sozialarbeiter sind trotzdem noch gefragt. Einmal hat ihn ein Kunde gegen die Hauswand gepresst und ihm die Faust vors Gesicht gehalten. Schindler ist es gelungen, ihn durch beruhigende Worte davon abzuhalten, ihn zu schlagen. Seine Mitarbeiter konnten rechtzeitig die Polizei alarmieren.

Ein anderer Kunde drohte, beim nächsten Mal mit einer Pistole zu kommen. Vorfälle wie diese jagen den Mitarbeitern Angst ein. Schindler reagierte und hängte ein Plakat an die Haustür.

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Hinweisschild im Jobcenter Starnberg

“Keine Gewalt im Jobcenter” ist darauf zu lesen. Und: “Gewalttätige Übergriffe gegen unsere Mitarbeiter tolerieren wir nicht.” Darunter sind verschiedene Waffen aufgezählt, die im Jobcenter verboten sind. Er bezeichnet es als “Präventivmaßnahme”. Ebenso wie den Security-Mann.

Der steht in Uniform gleich neben dem Empfang. Ein muskulöser Glatzkopf mit einer gepiercten Augenbraue, eine Hand jederzeit griffbereit auf der Pistole an seiner Hüfte.

“Meistens helfe ich beim Kopieren”, sagt er. Erst muss ich fast lachen, aber seine Erklärung ist einleuchtend. 

“Wenn die Leute beim Kopieren nicht klarkommen, werden sie gereizt. Und wer gereizt ist, wird schnell aggressiv. Da müssen wir vorbeugen.”

Meistens sind es Deutsche, die aggressiv werden. Geschäftsführer Gerhart Schindler

“Sicherheitsmann sehr nett”, bestätigen mir zwei Asylbewerber. Sie sprechen kaum Deutsch, wie viele, die hier ins Jobcenter kommen. Umso glücklicher sind sie, wenn sie freundlich behandelt werden.

“Meistens sind es die Deutschen, die hier aggressiv werden, nicht die Ausländer”, sagt Schindler. “Die sind meistens sehr angepasst und zurückhaltend.”

So wie Amar (Name geändert), der im Wartezimmer neben mir sitzt. Der 24-Jährige ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen. Einen großen Teil seiner Flucht ist er alleine zu Fuß gelaufen. Jetzt ist er in einer Privatunterkunft untergekommen. Eine ältere Dame kümmert sich um ihn.

Amar ist höflich und sieht aus wie ein Vorzeige-Bayer. Horst Seehofer sollte ihn sehen, denke ich. Er trägt ein kariertes Hemd unter einem grauen Filz-Sakko. Es fehlt nur noch die Lederhose.

In Syrien hatte Amar sein Sportstudium fast abgeschlossen, hier reichen seine Deutschkenntnisse nicht aus, um weiter zu studieren. Er ist aus nicht selbst verschuldeten Gründen arbeitslos, wie so viele andere, die hier sind. 

“Ich möchte U-Bahnfahrer werden”, erzählt er mir. “U-Bahnen finde ich gut.”

“Ich bin nur hier, um in den Urlaub zu fahren”, sagt er

Die Teenagerin mir gegenüber, vielleicht gerade 18, sieht belustigt aus. Sie lächelt die meiste Zeit. Ich frage mich, was sie die ganze Zeit über so lustig findet.

“Es kommt mir alles vor wie ein Albtraum”, sagt sie laut.

Später erfahre ich, dass ihre Mutter heute ganz plötzlich gestorben ist und sie es noch nicht verarbeitet hat. Sie will sich informieren, welche Unterstützung sie bekommt und ob sie jetzt das Arbeitslosengeld ihrer Mutter erhält. Sie ist nur eine von vielen jungen Menschen im Jobcenter, die einen schweren Schicksalsschlag hinter sich hat. 

Ich frage den Mann mit der Mercedes-Benz-Kappe neben mir, ob ich ihm Fragen stellen darf.

“Mir doch egal”, raunzt er. “Ich bin nur hier, weil ich das Hartzer-Geld brauche, um in den Urlaub zu fahren.”

“In den Urlaub?!”

Ich bin ein bisschen entsetzt, weil der Mann sich kein bisschen für seine Dreistigkeit zu schämen scheint. Wegen solcher Leute sind Hartz-IV-Empfänger so verrufen, denke ich. Und ich schäme mich gleich darauf, als mein Sitznachbar weiter spricht.

“Ich muss zwei bis drei Monate in die Entzugsklinik”, sagt er. “Das nenne ich Urlaub. Klingt schöner.”

Was würdest du denn gerne arbeiten?" – "Alles."

Er grinst und ich bin mir sicher, dass er ganz genau wusste, was ich denke und sich nun darüber amüsiert. Als er seinen Kopf zu mir vorbeugt, rieche ich seine Alkoholfahne.

“Ich will echt wieder arbeiten, weißt du. Aber ist nicht so einfach.”

“Was würdest du denn gerne arbeiten?”

“Alles.”

“Und wenn du es dir aussuchen könntest?”

Er sieht mich verständnislos an. Das ist wahrscheinlich eine Frage, die er sich seit vielen Jahren nicht mehr, vielleicht auch noch nie, gestellt hat.

“Mir doch egal”, sagt er wieder. “Irgendwas zu tun.” Für wenige Sekunden überlegt er dann wirklich.

“Reiniger”, sagt er schließlich überzeugt.

Ich bin überrascht. So viele Menschen würden sich wahrscheinlich nicht für den Beruf des Reinigers entscheiden, wenn sie aus allen Jobs dieser Welt wählen dürften. 

“Warum gerade Reiniger?”

“Weil man da viel tut. Ich will was tun. Hab ich doch gesagt.”

Der Mann zieht an seinen Jackenärmeln. Die Jacke ist mindestens drei Nummern zu groß für seine hagere Figur. Sein Verhalten wirkt auf mich, als hätte er sich einfach damit abgefunden, dass sein Leben schlecht verläuft. Aber immerhin will er den Entzug freiwillig machen, denke ich. Egal ist ihm sein Leben also nicht. 

Keinen Kontakt mehr zu Frau und Kind

Nach der Schule hat er erst eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht. Doch der Job sei nicht sehr gefragt, sagt er. Irgendwann habe er angefangen, Kirchen zu reinigen. Dann habe er viele Jahre ehrenamtlich bei der Tafel gearbeitet.

“Etwas Gutes tun”, sagt er. Doch dann, bei der Tafel, fiel seinen Mitarbeitern auf, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

“Ich habe halt ständig Schnaps getrunken”, sagt er und zuckt mit den Schultern. “In meinen früheren Jobs ist das keinem aufgefallen. Bei der Tafel schon.”

Über die Gründe für seine Sucht schweigt er, erzählt jedoch, dass er seit vielen Jahren allein lebe. Schon lange hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Frau und zu seinem Sohn.

“Bei der Frau bin ich froh drum. Bei dem Sohn nicht.”

Die Geschichten, die ich gehört habe, muss ich erst einmal verarbeiten. 

Ex-Top-Manager versuchen, mit mir ihr Hartz-IV-Gehalt zu verhandeln. Geschäftsführer Gerhart Schindler
HuffPost / Amelie Graen
Jemand hat "Geizhälse" auf das Hinweisschild des Starnberger Jobcenters geschrieben

Geschäftsführer Schindler bestätigt, dass die meisten Menschen im Jobcenter ein schweres Schicksal zu meistern haben.

“Aber es gibt auch andere”, sagt er mit einem leichten Schmunzeln und beginnt von “den gefallenen Starnbergern” zu erzählen. Ehemalige Top-Manager, die noch nicht ganz realisiert haben, dass sie mittlerweile keine Top-Manager mehr, sondern pleite sind.

“Die kommen hier rein mit ihrem Mac unterm Arm, rechnen mir was vor und denken, sie könnten mit mir über das Hartz-IV-Gehalt verhandeln. Ich sage ihnen dann: ‘Hartz IV ist für alle gleich!’ Aber das verstehen sie nicht oder wollen es nicht verstehen. Sie begründen mir wie in einer Gehaltsverhandlung, warum sie mehr verdient hätten.”

Kein Wunder, dass manche Menschen finden, Hartz IV sei gerecht, wenn sie davon ausgehen, man könnte darüber verhandeln, denke ich.

Die Fassade aufrecht erhalten

Schindler sagt, er werde von ehemaligen erfolgreichen Menschen oft arrogant behandelt, denke sich aber nicht viel dabei.

“Ich weiß ja, wie schlecht es ihnen wirklich geht, auch wenn sie versuchen, etwas vorzutäuschen”, sagt er.

Schindler sieht schließlich die Einkünfte und die Ausgaben der Menschen. Vor ihm sind die Menschen finanziell nackt.

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“Imponiergehabe ist meistens substanzlos”, sagt er. “Diese Menschen versuchen krampfhaft eine Fassade aufrecht zu erhalten. Die Nachbarn und Bekannten sollen ja nichts mitbekommen. Also wird weiter der Porsche gefahren und weiter im teuren Haus gewohnt, obwohl die Nebenkosten oder die Miete viel zu teuer sind. Da verschachern sie lieber alles mögliche andere, das nicht so sehr auffällt. Es ist schwer, sich einzugestehen, dass man böse abgestürzt ist.”

Die in Starnberg immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich beobachtet Schindler mit Sorge.

In Starnberg entwickeln sich Ghettos. Geschäftsführer Gerhart Schindler

“In Starnberg entwickeln sich Ghettos”, sagt er. “Hartz-IV-Empfänger können sich hier keine gewöhnlichen Wohnungen leisten und müssen notfalls wie die Asylbewerber in Notunterkünfte. Die Besserverdiener wollen mit diesen Unterkünften natürlich nichts zu tun haben. Es werden Problemviertel entstehen.”

Wie man dieses Problem löst, darüber denkt Schindler viel nach. Auch er glaubt: Das wirkliche Problem der Armut liegt nicht in den Hartz-IV-Sätzen, sondern in den Ursachen für längere Arbeitslosigkeit. Und dagegen tun Politik und Gesellschaft zu wenig, sagt Schindler.

Viele Kinder aus armen Familien würden beispielsweise kein Abitur machen. Wenn er mal von jemandem aus einer Hartz-IV-Familie höre, der sein Abi geschafft habe, freue er sich wahnsinnig, sagt Schindler. Denn diese Familien hätten nun einmal weniger Möglichkeiten. Sie können ihre Kinder nicht mal eben in den Sprachurlaub schicken oder ihnen ein Buch kaufen.

Als ich das Jobcenter verlasse, stehen zwei Frauen mit Kopftüchern und in Trainingshosen davor und rauchen. Beide sind arbeitslos, versuchen gerade einen Job im Supermarkt zu bekommen. Ich frage sie, für wie wichtig sie einen höheren Hartz-IV-Satz halten.

Sie zucken mit den Schultern. “Schon wichtig, klar”, sagen sie. “Aber am besten wäre natürlich Arbeit.”

(mf)