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22/12/2017 13:52 CET | Aktualisiert 22/12/2017 15:50 CET

Ich war überwältigt, als der Rabbi aufrief, für mich zu beten: Ich bin Muslim

Philippe Lissac via Getty Images
Gottesdienst in einer Pariser Synagoge

Ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment vor ziemlich genau fünf Jahren:

Ich stand auf einem Innenbalkon der Emanu-El-Synagoge in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama und wollte ein paar Fotos machen. Für einen Artikel über Menschen verschiedener Religionen, die zu Weihnachten und Chanukka zueinander finden.

Der Gottesdienst in der Synagoge hatte schon begonnen. Da sagte der Rabbi Miller: “Ich möchte heute Karim Shamsi-Basha willkommen heißen, der gerade oben auf dem Balkon steht. Karim stammt aus Syrien, wo gerade Bürgerkrieg herrscht. Ich möchte, dass wir nun gemeinsam für seine Familie und das syrische Volk beten.“

Ein Gebet für mich? Einen Muslim?

Ich war fassungslos. Ein jüdischer Rabbi unterbricht den Gottesdienst, um für Syrien zu beten? Und für mich, einen Muslim?

Ich bin in Damaskus aufgewachsen. Hasserfüllte Kommentare gegen Juden waren da an der Tagesordnung. Im Alter von 18 Jahren ging ich nach Amerika, mittlerweile habe ich viele jüdische Freunde. Natürlich können wir gut miteinander leben.

Die Geste der Menschlichkeit von Rabbi Miller hat mich darin noch bestärkt. Ich wünsche mir, dass alle Araber und Muslime diesen Tag in der Synagoge miterlebt hätten.

Wenn Demonstranten grölen

Besonders in diesen Tagen wünsche ich mir das: Wenn ich in den Nachrichten sehe, wie Demonstranten in Deutschland und anderswo in Europa Israel-Flaggen verbrennen, Synagogen angreifen und gegen Juden marschieren - nachdem US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat. Wenn ich Charlottesville, Virginia, Demonstranten grölen:

“Juden werden uns nicht ersetzen”, und Trump nur dazu sagt, unter den Protestierenden seien auch gute Menschen.

Kreuzzüge und Pogrome

All das ist leider nicht neu. Antisemitismus lässt sich zurückverfolgen bis zu den ersten Kreuzzügen und den Pogromen im Rheinland 1096. 1290 wurden Juden aus England vertrieben, gefolgt von Massakern in Spanien und der berühmt-berüchtigten spanischen Inquisition 1492. Auch in Russland, der Ukraine und Frankreich herrschten antisemitische Ressentiments; der Höhepunkt war schließlich der Holocaust während des zweiten Weltkriegs.

Nach dem Britischen Mandat und der Staatsgründung Israels 1948 sprachen sich Araber und Muslime dafür aus, Juden aus ihren Ländern zu vertreiben.

Warum hassen so viele Menschen Juden?

Ich frage mich: Warum hassen so viele Menschen Juden? Die Antwort darauf ist ein Puzzle mit vielen Teilen.

► Juden leben in einem Land, das Jahrtausende lang von verschiedenen Völkern bewohnt wurde. Das ist einer der Gründe für die nun herrschenden Konflikte.

► Im Islam werden Christen und Juden als Mitbürger zweiter Klasse behandelt: Nach islamischem Recht müssen sie eine spezielle Steuer entrichten. Das wirkt wie ein Stigma.

► Rabbi Miller sagte mir: “Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 von Wilhelm Marr, einem deutschen Journalisten, begründet“, sagte er. „Dieser neue Terminus beschrieb den wachsenden Hass gegen Juden. Marr sagte, dass es ihm nicht speziell um Religion oder religiöse Unterschiede gehe: ,Wir sind nicht gegen Juden, weil sie Judaismus praktizieren. Wir sind gegen sie, weil sie Semiten sind und von Sem, dem ältesten von Noahs Söhnen, abstammen.’“

Marr und nachfolgende Generationen, darunter auch Adolf Hitler, lehnten jüdische Eigenarten und Merkmale ab, was 50 Jahre später zum Holocaust beitrug.

Ich sprach auch mit mehreren jüdischen Freunden über dieses Thema. Von stark konservativ bis liberal bekam ich alles zu hören.

► “Antisemitismus ist tief verwurzelt, es gab ihn schon immer. Der Jerusalem-Beschluss ist nur eine Entschuldigung – und auch die kommt 70 Jahre zu spät. Jerusalem ist schon seit 3.000 Jahren die Hauptstadt der Juden, das steht sogar im Koran. Es ist bedauernswert, dass der Rest der Welt das nicht akzeptiert.” - Michael Duvdevani

► “Schon seit dem ersten Juden gibt es Anitsemitismus, weil sie anders sind. Araber und Juden lebten friedlich gemeinsam in Palästina. Wenn du eine Gruppe Menschen umsiedelst, wird sie wütend. Ich verstehe nicht, warum sie diesen Konflikt nicht friedlich lösen können. Mein Vater, Robert May, ist ein Holocaust-Überlebender. In der Fußballmannschaft meines Sohnes spielt ein Muslim mit, der an Ramadan fastet. Mein Sohn respektiert seinen Kameraden.“ – Ann Mollengarden

► “Der Hass gegen Juden wächst. Das ist nichts Neues, die Geschichte wiederholt sich. Ich glaube, dass der Jerusalem-Beschluss von einer selbstsüchtigen Person getroffen wurde. Trump wollte damit nicht dem israelischen Volk helfen. Die Proteste gegen Juden sind inakzeptabel. Ich hätte es gern gesehen, wenn sich mehr Staatsoberhäupter zur Vernunft bekennen und sich für die Menschlichkeit einsetzen würden. Wir müssen nicht dieselbe Meinung haben oder gleich denken, aber wir sollten uns gegenseitig respektieren.“ - Sallie Downs

Was wir gegen den Hass tun können

Die Frage ist nun: Wie können wir diesen Hass endlich beenden? Die meisten Menschen glauben, man könne nur mit Aufklärung und Bildung gegen Antisemitismus vorgehen.

Wissen ist sicher ein wichtiges Element auf dem Weg zum Frieden. Aber ich glaube, es gibt noch etwas Entscheidendes: eigene Erfahrungen. Wir müssen Menschen anderen Glaubens kennenlernen, Menschen wie Rabbi Miller.

Wir werden lernen, uns zu lieben

Es mag etwas skurril klingen, aber: Mir wurde das klar, als ich mich an ein Erlebnis in der Karabik vor einigen Jahren erinnerte. Damals bin ich mit Manta-Rochen geschwommen. Anfangs hatte ich schreckliche Angst, weil ich nicht wusste, dass sie friedlich sind. Erst als der Guide mir zeigte, dass ich sie anfassen kann, entspannte ich mich.

Wenn wir übereinander und voneinander lernen, unsere Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Hoffnungen und Träume kennenlernen, werden wir keine Angst mehr voreinander haben. Wir werden lernen, uns gegenseitig zu mögen und schließlich auch zu lieben.

Mehr von Karim Shamsi-Basha lest ihr in Englisch auf arabinalabama.com.

Der Text wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.