LIFE
09/10/2018 14:25 CEST | Aktualisiert 09/10/2018 17:07 CEST

"Ich war depressiv und hasste es, wie mein Umfeld darauf reagierte"

"Ich fühlte mich wie ein Ei ohne Schale."

Sorajack via Getty Images

Helene (Namen geändert) litt jahrelang unter starken Depressionen – damit verbunden waren ein Selbstmordversuch, stationäre Klinikaufenthalte und diverse Therapien. Heute kritisiert sie, wie ihr Umfeld auf die Krankheit reagiert hat: Vielen Menschen, selbst nächsten Verwandten, mangelte es an Verständnis.

Das ist Helenes Geschichte. 

Ich sitze auf einem Stuhl auf einer Plattform, die durch einen leeren Raum schwebt. Mein Körper wirkt zerteilt, mein rechter Arm ist abgetrennt und fliegt kraftlos neben mir her, ich habe keinen Hals und keine Haare. Ich bin eine Kreatur. Hinter mir ist eine Tür mit einem großen Schlüsselloch. 

Ich kann nicht durchs Schlüsselloch schauen. Aber die Welt schaut durch das Schlüsselloch auf mich. Ich bin nicht mehr Teil von ihr.

So sah ein Selbstporträt aus, das ich in einer Therapiestunde in der Klinik malen sollte. Dort verbrachte ich mehrere Monate stationär wegen meiner Depressionen. Zum ersten Mal eingeliefert wurde ich nach einem Selbstmordversuch.

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Ich verstehe erst heute, wie stark meine Depressionen waren

Das war vor mehr als zehn Jahren – mittlerweile kann ich ein normales Leben führen. Ich gehe arbeiten, habe einen festen Partner – und wenn ich daran zurückdenke, dass ich mich damals umbringen wollte, fährt es mir kalt den Rücken runter.

Heute erst verstehe ich, wie krank ich war – und was wirklich zu meiner Heilung beigetragen hat.

Es war nicht die Ablenkung, wie Sport oder Lesen.

Es waren nicht die gut gemeinten Worte: “Denk positiv! Lenk dich einfach nur ab!”

Es waren erst recht nicht die misslungenen Kommentare wie: “Aber du hast doch keinen Grund, depressiv zu sein! Du bildest dir das nur ein!”

Es waren eine langwierige Therapie, Klinikaufenthalte, Medikamente, viel Kraft und viel Zeit, die mir durch die Depression geholfen haben. Denn was viele nach wie vor nicht verstehen: Depression ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die genauso behandelt werden muss, wie jedes andere körperliche Leiden auch.

Anfangs habe ich in der Klinik gelacht, als einer meiner Therapeuten sagte:

“Was machst du mit einem gebrochenen Bein? Du packst es in Gips. Du lässt es ruhen. Du lässt dich krankschreiben. Mit Depressionen ist es genauso: Du musst dich behandeln lassen und du musst heilen.”

Heute verstehe ich, was er meinte.

Ich wusste nicht, wie ich auf eigenen Beinen stehen sollte

Ich kann mich nicht erinnern, wann meine Depressionen begonnen haben – ich glaube, ich war schon immer depressiv. Viele beschreiben die Depression als ein Gefühl der Leere – und das ist es teilweise auch. Sehr oft fühlte ich mich aber einfach nur unendlich traurig.

Richtig schlimm wurden meine Depressionen, als ich anfing, zu studieren. Ich war zum ersten Mal auf mich selbst gestellt, weit weg von meinem Elternhaus. Bis dahin hatten meine sehr autoritären Eltern jede Entscheidung für mich getroffen: Wann ich mich mit wem treffen darf, wann ich was zu lernen habe, was ich studieren soll. 

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Aber schon nach wenigen Wochen im Studium fühlte ich mich wie ein Versager. Ich hatte den Eindruck, den Ansprüchen meiner Familie nicht gerecht zu werden – nach all den Jahren Fremdbestimmung war ich es nicht gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich war so verunsichert von der Welt da draußen, dass ich das dunkle Gefühl hatte, das Ende naht. Ich war einfach nicht gut darin, Erwachsen zu sein.

“Reiß dich doch mal zusammen”

Lange Zeit fühlte ich mich von niemandem verstanden. Meine Eltern hatten kein Mitgefühl für mich. Vor allem meine Mutter sagte häufig: 

″Übertreib doch nicht. Ich kenn dich doch von klein auf, ich weiß doch, wie du tickst. Jetzt reiß dich doch mal zusammen.” 

Aber ich konnte mich nicht zusammenreißen. 

Nach meinem Selbstmordversuch, als ich schon in der Klinik war, fühlten sich die Tage leer und eintönig an. Mein erster Gedanke, wenn ich morgens aufwachte, war: “Oh nein, schon wieder diese Welt.” Nur wenn ich schlafen konnte, fühlte ich mich gut – in meinen Träumen war meist alles in Ordnung. 

Ich fühlte mich wie ein Ei ohne Schale – ich war so verletzlich, eine einzige, große, offene Wunde. Ich wollte am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben und mich vor dem Leben schützen. Hin und wieder versuchte ich mich mit Joggen oder Lesen abzulenken – aber das waren immer nur kurze Ausflüchte.

Erst eine Psychoanalytikerin konnte mir helfen

Die zahlreichen Therapeuten in der Klinik halfen mir weiter. Die meisten von ihnen hatten Verständnis und unterstützten mich, mich wieder so weit aufzubauen, dass ich die Klinik verlassen konnte. Später half mir meine Psychoanalytikerin, meine Probleme von Grund auf zu verstehen, sie an der Wurzel zu packen. 

In zahlreichen Sitzungen, jahrelang, musste ich lernen, mit mir selbst umzugehen. Ich glaube, vor allem durch mein autoritäres Elternhaus habe ich einfach nicht das richtige Werkzeug mit auf den Weg bekommen, um mich selbst kennenzulernen. Sie haben mir immerzu diktiert, wer ich zu sein habe. In der Therapie musste ich erst verstehen, wer ich bin, und lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Eigene Ziele zu setzen und auf sie hin zu arbeiten.

Von meiner Psychoanalytikerin fühlte ich mich endlich ernst genommen und verstanden. Das war leider nicht immer der Fall.

Mein Umfeld, selbst manche Therapeuten, reagierten verständnislos

Eine andere Therapeutin sagte nach einem Gespräch mit meinen Eltern, ich sei einfach nur verzogen.

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Die schlimmste Situation erlebte ich allerdings, als ich zur Schuldenberatung bei einem Anwalt war – aufgrund meiner Depression habe ich viele Rechnungen nicht bezahlt, einfach, weil ich es versäumt habe – nicht, weil ich nicht über die finanziellen Mittel verfügt hätte. Als ich das meinem Anwalt so erzählte, sagte er: 

“Aber wie kannst du nur depressiv sein? Du bist jung, siehst super aus, studierst ein tolles Fach. Du hast doch gar keinen Grund, dich schlecht zu fühlen.”

Ich muss zugeben, ich fühlte mich kurz geschmeichelt nach seinem Kompliment. Gleichzeitig dachte ich allerdings: Wie kann ein intelligenter, gebildeter Mann nur glauben, man sei vor Depressionen geschützt, wenn man jung und hübsch sei?

Depression ist eine Krankheit, die jeden treffen kann – allein in Deutschland leiden schätzungsweise über vier Millionen Menschen an ihr. Dennoch fällt es uns nach wie vor schwer, sie als Krankheit wahrzunehmen.

Weil man Depression nicht sehen kann.

Weil es schwierig ist, zu beweisen, wenn die Seele leidet.

Weil es schwierig ist, zu akzeptieren, wenn ganz normale Menschen plötzlich nicht mehr in der Lage sind, ihrem Alltag nachzugehen, simpelste Aufgaben wahrzunehmen und einfach mal zu lächeln.

Einfach mal lächeln hilft nicht gegen Depressionen

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen nicht nur kein Verständnis dafür haben, dass Depressionen entstehen – sondern auch nicht dafür, dass sie nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden.

Ich kann jemandem, der keine Hoffnung mehr sieht, nicht sagen: “Lächle doch mal! Dann wird alles besser!” 

Ich kann jemandem, der sich bedeutungslos fühlt, nicht sagen: “Reiß dich doch mal zusammen!”

Ich kann jemandem, der sich nach dem Tod sehnt, nicht sagen: “Denk doch mal positiv!”

Ich habe selbst gemerkt: Wenn ich die Depression und alle ihre negativen Gefühle, die dazu gehören, nicht annehme, mich dem Druck, positiv sein zu müssen, beuge – dann wird alles nur noch schlimmer.

Ich konnte erst heilen, als ich meine Krankheit akzeptierte, mich in die langwierige Therapie begab – und lernte, die negativen Stimmen anderer Menschen zu ignorieren. 

Seid einfach nur da für eure Mitmenschen, die depressiv sind

Wenn ihr selbst Menschen in eurem Umfeld habt, die an Depressionen leiden: Versucht, Verständnis für sie aufzubauen. Wir sind in solchen Momenten vielleicht nicht nett, zugänglich oder einfach. Vielleicht sind wir nicht wirklich ansprechbar. Vielleicht können wir uns gerade einfach nicht zusammenreißen. Bitte stellt euch vor: Jede depressive Episode fühlt sich an, als würden wir einen kleinen Tod sterben.

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Was könnt ihr also tun? Auch, wenn es schwer fällt, einzusehen, dass das Problem nicht sofort gelöst werden kann: Seid einfach da. Ihr müsst oft nicht einmal reden, vor allem gut gemeinte Ratschläge wie: “Denk positiv” oder “Mit der Zeit wird schon alles gut” können in solchen Momenten sehr weh tun.

Wenn ihr unsere Depressionen allerdings als Krankheit akzeptiert, hilft es auch uns, sie zu akzeptieren. Menschen mit Depressionen müssen lernen, mit sich selbst umzugehen und sich selbst zu lieben. Dabei hilft uns eure Geduld und euer Verständnis.

(ben)