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20/12/2017 14:54 CET | Aktualisiert 21/12/2017 11:35 CET

Ich war als junge Frau ein Jahr nicht shoppen - das hat es mit mir gemacht

Die große Leere machte mich verletzlich.

Lisa Regan
"Mein Kopf befand sich ständig in einem 'Haben-Wollen-Modus'"

Ich muss es ganz deutlich sagen: Ja, im Jahr 2017 habe ich mir überhaupt nichts gekauft. Keine Kleidung, keine Schuhe, keine Sportschuhe, keine Accessoires, nichts, was ich an meinem Körper tragen könnte.

Diese Entscheidung traf ich, nachdem ich eine Dokumentation über Menschen gesehen hatte, die sich dazu entschlossen hatten, minimalistischer zu leben. Übermäßiges Geldausgeben und das ständige Bedürfnis, Neues kaufen zu müssen, bestimmen unser modernes Leben. Es hat sich uns eingebrannt: Neu ist besser. Wir brauchen, wir verdienen, wir wollen, wir bekommen.

Im Dezember 2016 traf ich eine Entscheidung. Ich forderte mich selbst heraus. Eine Herausforderung ist für mich nichts Neues. Ich fordere meinen Körper jeden Tag heraus. Ich trainiere, ich fordere, ich erreiche. Körperliche Herausforderungen sind etwas, denen ich mich monatlich, wenn nicht sogar wöchentlich stelle.

Die Herausforderung hat mein Leben verändert

Wenn ich etwas nicht kann, dann bin ich fest entschlossen, wenigstens zu versuchen, es zu schaffen, ganz gleich wie lange es dauert und wie schwer es ist. Ich will nicht wieder von der Handstand-Geschichte anfangen, aber sechs Monate täglichen Trainings führten schließlich dazu, dass ich mich selbst auf den Kopf stellte.

Diese Herausforderung hat mein Leben verändert, und das sage ich nicht nur einfach so.

Denn wie kann es das Leben verändern, nicht zu shoppen?

 

Lisa Regan

Mein Weg begann mit dem anfänglichen “Ich mache das jetzt!”-Enthusiasmus. Darauf folgte das Gefühl, in meinem eigenen Körper fremd zu sein. Mein Kopf befand sich lange in einem ständigen “Haben Wollen”-Modus, aber dann plötzlich gelangte ich an einen Punkt, an dem ich die Lust und das Verlangen verloren hatte, Geschäfte auch nur betreten zu wollen.

Und dann kam die innere Ruhe. Ich besitze, was ich besitze. Ich werde das tragen, was sich in meinem Schrank befindet.

Ich kenne mich einfach besser

Jetzt, zwölf Monate später, besitze ich immer noch viel zu viel. In dem vergangenen Jahr wurde mir oft gesagt, dass man mich trotz meiner Entscheidung nie in demselben Kleidungsstück zweimal gesehen hätte. Aber jetzt, nach diesem Jahr, kenne ich mich selbst einfach besser.

Das mag sich dämlich anhören, aber ich habe tatsächlich einen Großteil meines Glücks vom Konsum abhängig gemacht. Davon, neue Kleidung, neue Schuhe, einfach irgendwas Neues zu kaufen. Jedes neue Kleid, neue Stiefel, jede neue Tasche war für mich mit dem Gefühl besetzt, dass sie mein Leben besser, glücklicher und einfach perfekt machen würden.

 

Lisa Regan

Wenn man dieses Konstrukt der falschen, kurzlebigen Glücksmomente und der verschobenen Wirklichkeit einmal auseinandernimmt und sein Glück nicht mehr an materielle Güter hängt, dann beginnt man eine ganz neue Konversation mit sich selbst.

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Ich habe nie erkannt, wie viel Platz neue Dinge, Kleidung und der Wunsch nach etwas Neuem in meinem Kopf einnahmen, wie viel Zeit mich das alles gekostet hat. Und dabei shoppe ich noch nicht einmal online, also kann ich mir nur ausmalen, wie viel Zeit ich hier noch zusätzlich investiert hätte!

Aber das nur als Randnotiz.

Der wirkliche Wandel kam im Juli. Ich überschritt eine Schwelle und befand mich plötzlich an einem Punkt, an dem mir die Lust auf Neues vergangen war. Wie bei einem Abhängigen war plötzlich der Durst oder der Hunger gestillt. Ich war an einem neuen Ort angekommen. Ich war ruhig, meine Gedanken klar und plötzlich konnte ich mit mir selbst einen echten, ehrlichen Dialog führen.

Es machte mich verletzlich

Was will ich im Leben, was mache ich, wer bin ich und was ist mein Plan? Mein Freund Gavan brachte diesen Stein ins Rollen. In einem harten, ehrlichen Gespräch weitete er meinen Blick und forderte mich auf, dieses Jahr Dinge zu wagen, die mir Angst bereiteten. Es war keine körperliche Herausforderung, sondern eine geistige.

Ich dachte darüber nach und erkannte, dass es das Richtige war. Es musste geschehen. Diese große Leere in meinen Gedanke, die daher rührte, dass ich mir plötzlich keine Gedanken mehr darüber machte, welches neue Kleid ich zur nächsten Feier tragen sollte, welche neuen Laufschaue ich mir kaufen sollte (denn die neun Paare, die ich bereits besitze, langweilen mich) oder welche neuen Ohrringe mir stehen würden, machte mich verletzlich.

Plötzlich stellte ich mir selbst schwierige Fragen. Es war nicht leicht.

 

Lisa Regan

Dadurch, dass ich einfach nur völlig offen war, stellte ich mich in diesem Jahr so vielen Ängsten. Meine Gedanken hatten plötzlich so viel Raum, ich hatte gar keine andere Wahl. Ich konnte mich nicht mehr hinter einem Kleid oder hinter einer Tasche verstecken.

So war es.

Ich habe dieses Jahr Dinge getan, die mir Angst machten. Ich habe zum Beispiel zwei Typen angesprochen und um ein Date gebeten (absolut beängstigend und sicherlich auch das Härteste für mich). Ich stellte mich im Kopf ganz auf eine Abfuhr ein und hatte nicht einmal ein neues Paar Laufschuhe, die mich trösten konnten, als es in einem Fall tatsächlich zu einem Korb kam.

Immer auf meinen Körper und nie auf meinen Geist geachtet

Aber ich erkannte auch, dass es mich wirklich stark machte, einfach zu reden und mich völlig zu öffnen. Das mache ich jetzt jeden Montag mit meinem Therapeuten, denn es ist einfach gut, gleich am Anfang der Woche einmal alles rauszulassen. Oder wenigstens einfach mal ehrlich zu sein. Ich achte so sehr auf meinen Körper, warum habe ich eigentlich nie auf meinen Geist geachtet?

Ich habe mich immer so vielen körperlichen Herausforderungen gestellt, habe immer alles gegeben und sie stets zu 100 Prozent gemeistert, aber es waren diese persönlichen, mentalen Herausforderungen, die mich im Kern erschüttert haben und mir eine ganz neue Perspektive brachten.

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Jetzt ist das Jahr fast vorüber, 2017 beende ich in der südlichen Hemisphäre. Ich reise drei Wochen alleine herum. Und dieser Gedanke bringt mir nichts als absolute innere Ruhe.

Habe ich auch alles zusammen? So viel besitze ich ja gar nicht mehr. Und ich renne nicht mehr panisch von Geschäft zu Geschäft und kaufe Dinge, die ich dann doch nicht trage. Ich nehme mit, was ich besitze, und ich besitze, was ich mitnehme.

 

Lisa Regan

Ich weiß, dass jetzt sicher einige fragen werden, ob ich durch meinen Entschluss viel Geld gespart habe. Natürlich habe ich das, aber ich weiß nicht wie viel und es ist mir auch egal. Was ich den Menschen wirklich sagen möchte ist, dass sie dem Kaufen und dem Massenkonsum weniger Platz in ihrem Leben einräumen sollten.

Wir sollten die Dinge mal etwas zurückschrauben. Materielles bringt auf lange Sicht keine Freude, das ist eine Tatsache. Materielle Güter sind so kurzlebig. Eine Studie fand heraus, dass das materielle Glücksgefühl genau sieben Sekunden dauert, bis es verpufft.

Wir alle streben nach Glück. Wir suchen es in Menschen, in Dingen und hoffentlich auch in uns selbst. Wir schauen uns um und sehen Menschen in sozialen Netzwerken und im wahren Leben und wir glauben, sie zu kennen. Wir glauben, sie hätten ihren Weg gefunden und dann schauen wir auf uns und denken: “Mist. Ich muss mein Leben auch endlich auf die Reihe bekommen”.

Vielleicht steckt dahinter etwas ganz anderes

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle ziemlich geerdet sind und unseren Weg gehen. Wir suchen uns nur die Menschen, die wir in unserem Team, in unserem Leben haben möchten. Entweder als Hauptakteure oder als Ersatzspieler, die wir reinrufen, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Das ganze Jahr über haben mir Menschen gesagt, dass mein Entschluss, nichts mehr zu kaufen, sie inspiriert hat. Ich hoffe, dass ich noch mehr bewirken kann. Ich hoffe, dass die Menschen aktiv werden und über sich selbst und über ihre Bedürfnisse nachdenken, bevor sie etwas kaufen.

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Vielleicht ist das Verlangen nach einigen Tagen dann schon wieder verschwunden. Man sollte sich ehrlich fragen, warum man eine bestimmte Sache zu brauchen glaubt. Vielleicht steckt dahinter ganz einfach nur der Wunsch nach einer Ablenkung von etwas, das man woanders verborgen hält.

Lisa Regan

Dieser Text erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.