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11/03/2018 11:07 CET | Aktualisiert 11/03/2018 11:07 CET

Ich war 25 Jahre drogensüchtig: Warum ich trotzdem für die Cannabis-Legalisierung bin

Ich habe das pure Böse gesehen, die tiefsten menschlichen Abgründe.

Getty / HuffPost
Ein Mann baut sich einen Joint (links), Robert Rutkowski (rechts)

25 Jahre lang haben Drogen zu meinem Alltag gehört. Zu lernen, ohne sie zu leben, war nicht nur herausfordernd, sondern zum Teil auch sehr frustrierend. Doch rückblickend war es das wert. Ohne Einschränkungen.

► Meine eigene Drogenvergangenheit hat mir auch gezeigt: Viele könnten vor einer dauerhaften Abhängigkeit geschützt werden, wenn Cannabis legalisiert und kontrolliert abgegeben werden würde – und das nicht nur zu medizinischen Zwecken.

Denn Aufklärung und Begleitung ist der Schlüssel für die Austrocknung der mittlerweile mafiösen Strukturen beim Handel mit Cannabis und einer Qualität ohne Streckmittel, die einzig den Ertrag der Dealer optimieren und die Sucht der Konsumenten verstärkt.

► Die Bigotterie unserer Gesellschaft in Bezug zu Cannabis muss gerade hinsichtlich des Umgangs mit Alkohol ein Ende haben.

Das steht für mich in keinerlei Widerspruch zu meiner persönlichen Geschichte.

Hintergrund: Für Robert Rutkowski ist der bedingungslose offene Umgang mit seiner Sucht ist ein wichtiger Teil der Nachsorge. “Es hält meine Erinnerung daran wach und hat gleichzeitig einen schützenden Charakter”, sagt der heute 55-Jährige.

Seit zwölf Jahren arbeitet er ehrenamtlich für die Drogenberatungsstelle in Dortmund und führt Seminare zum Thema Drogen und Sucht an Schulen durch.

Es fühlte sich gut an

Alles fing 1976 an. Mit Anfang 14 entdeckte ich die Musik für mich. Schnell folgte die erste Schülerband und regelmäßige Proben im Keller eines Kumpels. Bei Auftritten lernte ich ältere Musiker kennen – ich wusste, einige von ihnen rauchten Gras.

Mich störte das überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Es war verboten, illegal. Das machte es so reizvoll. Dazu kam Neugier mit einem Hauch Naivität.

Bei einer Pause während einer gemeinsamen Probe bekam ich meinen ersten Joint gereicht. Doch groß war die Enttäuschung, als sich beim ersten Mal keine Wirkung einstellte.

Einige Wochen später wiederholte sich die Situation – nur diesmal mit erwünschtem Erfolg: Intensivere Wahrnehmung von Farben und Geräuschen. Der erste Lachflash. Es fühlte sich gut an. Dazu kam eine Relaxtheit, eine innere Ruhe, die ich so noch nicht kannte.

► Ich wusste sofort, ich würde es wieder tun.

Mich hat das Kiffen langsam kaputt gemacht 

Von da an dauerte es ungefähr ein Dreivierteljahr bis zum täglichen Konsum. Die klassische Spirale aus kürzeren Abständen und höheren Mengen. Mit knapp 16 Jahren war ich von Cannabis abhängig. Nach einem weiteren Jahr mündete mein Verbrauch in einer durchschnittlichen Menge von etwa drei Gramm pro Tag.

Wie beim Alkohol hat eine Sucht mit der Menge und der eigenen Einstellung zu tun. Mich hat das Kiffen langsam aber sicher kaputt gemacht.

Und es ging weiter. Mit 19 Jahren begann ich LSD zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt führte ich bereits vier Jahre lang ein Doppelleben:

► Auf der einen Seite funktionierte ich so, wie die Gesellschaft es von mir erwartete. Ich machte meine mittlere Reife, erlernte zwei Berufe und verdiente mein eigenes Geld und zahlte brav Steuern.

► Auf der anderen Seite begann für mich nach Feierabend die von Drogen und Musik bestimmte, 25 Jahre andauernde Party. Alles andere war mir gleichgültig.

War die Wirkdauer von Cannabis relativ begrenzt, funktionierte die Regel abends Drogen nehmen und morgens arbeiten gehen bei LSD nicht mehr. Also beschränkten wir uns auf die Wochenenden.

Der letzte LSD-Rausch

Das ging ein ganzes Jahr lang gut.

► Aber dann hatte ich meinen sprichwörtlichen Horrortrip: Die Wirkung ließ nicht wie gewohnt in der Nacht von Sonntag auf Montag nach. Ich musste also “voll drauf” zur Arbeit.

Ich war damals im Einzelhandel beschäftigt. Den ganzen Tag habe ich mich mit aller Kraft bemüht nicht aufzufallen und hatte fürchterliche Beklemmungen. Vom Hörensagen kannte ich die Bedeutung von ‘auf einer Droge hängen bleiben’ und diese Vorstellung war die Hölle und ließ mich den ganzen Tag nicht los.

Es sollte der letzte LSD-Rausch gewesen sein. Meine Angst war zu groß und ich nicht mehr bereit, dieses Risiko zu tragen. Doch der regelmäßige Cannabis-Konsum blieb.

Das Kartenhaus bricht zusammen 

Sprung ins Jahr 1994. Ich war mittlerweile Filialleiter und verdiente ordentlich. Auf einer Party konsumierte ich das erste Mal Kokain. Und schon nach der ersten Nase war ich süchtig. Mit Einsetzen der ersten Wirkung gab es für mich kein zurück mehr.

► Es sollte das schlimmste Jahr in meinem Leben werden – und mich sowohl in schlechter körperlicher Verfassung als auch ohne Job zurückzulassen.

Mitte der 1990er Jahre brach mein über Jahre aufgebautes Kartenhaus zusammen. Arbeits- und Drogenleben konnte ich nicht mehr trennen, die Grenzen waren vollkommen aufgelöst.

Ich habe das pure Böse gesehen, die tiefsten menschlichen Abgründe. Ich habe nie Heroin genommen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das schlimmer ist, vom sichtbaren körperlichen Verfall abgesehen.

Ich habe das pure Böse gesehen, die tiefsten menschlichen Abgründe. Ich habe nie Heroin genommen, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das schlimmer ist.

► Zu dem Zeitpunkt brauchte ich mindesten drei, oft auch vier Gramm Kokain am Tag. Wer die Preise kennt, erahnt die Katastrophe. Die Finanzierung meiner Sucht kostete täglich mindestens 150 Euro. Monatlich waren das 4500 Euro, eher mehr, und mit üblicher Erwerbsarbeit nicht mehr zu stemmen.

Also unterschlug ich Geld von meinem damaligen Arbeitgeber. Ich frisierte die Bücher in der Filiale und verkaufte Ware, ohne Quittungen oder Rechnungen auszuhändigen. Es war der Zeitpunkt, wo ich komplett den Boden unter den Füßen und jegliches Selbstwertgefühl verloren hatte. Es war ein One-Way-Ticket.

Ich war bei einer Körpergröße von 1,89 Meter auf 62 Kilogramm abgemagert. Kaum Schlaf, wenig Essen und selbst zum Trinken musste ich mich zwingen. Sobald die Wirkung nur ein wenig nachließ, brach körperlich wie seelisch die Hölle los.

Die Wirkdauer von Koks ist vergleichsweise kurz, völlig unabhängig vom Reinheitsgrad. Es gab kein zurück. Alles oder nichts.

Die Unternehmensführung hatte mittlerweile wohl realisiert, dass im Laden irgendwas nicht stimmte. Es musste ja so kommen. Es war alles nur eine Frage der Zeit. Meine Vorgesetzten händigten mir die Kündigung aus – fristgerecht, mit Abfindung.

Ich kann bis heute nicht verstehen, dass es keine weiteren Konsequenzen gab. 

Schluss mit Kokain oder eine kriminelle Karriere?

Mein Geld und zwei Kreditkarten sollten noch für zwei weitere Wochen Kokainrausch reichen. Dann war Ende.

► An diesem Punkt gab es genau zwei Möglichkeiten: Schluss mit Kokain oder eine kriminelle Karriere.

Ich entschied mich für einen kalten, grausamen Entzug. Den Suchtdruck auf Kokain kompensierte ich mit zunehmend mehr Cannabis. Ich fand sogar wieder Arbeit und in mein “altes” Leben zurück.

2004 dann der nächste Rückfall. Ich hatte ich eine schweren Unfall und verlor dabei fast mein Bein. Aus Frust begann ich Alkohol zu trinken. Mein Tagesablauf bestand aus wenig Essen, drei Flaschen Sekt und kiffen bis zum Umfallen. Dann drei bis vier Stunden Schlaf und dasselbe wieder von vorn.

Einen “normalen” Tag-Nacht-Rhythmus gab es für mich nicht mehr. Regelmäßig musste ich mich übergeben. An diesem Punkt wollte und konnte ich nicht mehr.

180-Grad-Wende

► Ich musste raus aus diesem Loch, sofort und für immer. Alles, was irgendwie mit meiner Drogensucht zu tun hatte, stopfte ich in eine Tüte. Diese warf ich in eine Mülltonne und ging zu meinem Hausarzt.

Ihm erzählte ich meine Geschichte, mit einer Einweisung in eine Suchtklinik verließ ich die Praxis.

Sieben Tage verbrachte ich in der Klinik, es war gut und sehr wichtig. Es hat mein Leben um 180 Grad gedreht. Dort knüpfte ich Kontakte zu einer Selbsthilfegruppe und führte intensive Gespräche mit einer Psychologin. Es war auf einmal alles so klar, mein zukünftiger Weg so eindeutig.

► Ich weiß bis heute nicht, was genau mich an diesem einen Morgen dazu gebracht hat, die Kehrtwende einzuleiten. Meine Drogenkarriere war beendet.

Aber drogenabhängig bleibe ich mein Leben lang.

Der Text erschien zuerst auf dem Blog von Robert Rutkowski und wurde von Marco Fieber aktualisiert und bearbeitet.

(jg)