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30/09/2018 13:10 CEST | Aktualisiert 01/10/2018 09:37 CEST

Ich versuchte, meinen Bruder und meinen Vater nach Deutschland zu holen

Dabei droht ihr selbst eine Abschiebung.

iprogressman via Getty Images
Lange Zeit war eine Sporthalle in Köln mein zuhause (Symbolbild). 

Seit mehr als einem Monat habe ich nicht geschlafen. Wenn ein Kind aufhört zu weinen, fängt das nächste an.

Immer wieder reißt mich die Sirene eines Krankenwagens aus dem Dämmerzustand. Ich habe Angst vor den Albträumen, die mich jede Nacht heimsuchen.

Draußen ist es bitterkalt. Ich liege mit knapp 400 anderen Menschen in einer Turnhalle in Köln. In der Menge aus Schweißgestank und Käsefüßen befinden sich irgendwo meine Mutter und zwei meiner jüngeren Geschwister.

► Jeden Abend denke ich an diese Zeit im Dezember 2015 zurück, als wir von Kabul nach Deutschland flohen.  

In Afghanistan studierte ich Jura und engagierte mich für Frauenrechte. Meine Eltern arbeiteten als Politiker und wurden deswegen von der Taliban verfolgt. Überstürzt mussten wir dort alles zurücklassen und flüchteten in den Iran. Hier wollten wir ein neues Leben beginnen.

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Mein Vater musste jedoch schmerzlich erkennen, dass es für ihn keine langfristige Alternative sein würde. Iranische Beamte nahmen ihn und meinen damals zehnjährigen Bruder fest. Der Iran bot somit weder für uns, meine kleinen Geschwister und mich, noch für meine Mutter ein sicheres Zuhause. Denn auch wir hätten inhaftiert werden können.

Also mussten wir meinen Vater und meinen Bruder im Gefängnis zurücklassen. Wir flüchteten noch in derselben Nacht. Über die Türkei und Griechenland führte uns unser Weg schließlich nach Deutschland.

Sechs Monate in einer Sporthalle

Die Sporthalle in Köln nannten wir sechs Monate lang unser Zuhause. Danach zogen wir weiter in ein anderes Heim, eine weitere Turnhalle, und schließlich in eine Wohnung in Köln. Immer plagte uns die Ungewissheit, ob wir meinen Vater und meinen kleinen Bruder jemals wiedersehen würden.

Nachdem wir in Afghanistan und im Iran gesehen hatten, wozu Menschen fähig sind, was Machtgier und Hass aus ihnen macht, fürchteten wir uns auch in Deutschland vor unseren Mitmenschen und dem, was sie uns antun könnten.

Direkt nach unserer Ankunft haben wir uns erkundigt, wie wir meinen Vater und Bruder nachholen können. Die deutschen Asylgesetze verstanden wir jedoch kaum, konnten sie nicht nachvollziehen. Deshalb holten wir uns Rat bei Freunden und Ehrenamtlichen. Je nach Anlaufstelle bekamen wir widersprüchliche Ratschläge, die uns nicht immer weitergeholfen haben. 

Ein Jahr später bekam meine Mutter Post vom BAMF, dass wir uns für zwei Interviews in einem Flüchtlingscamp in Mönchengladbach melden sollten. Wir hatten den Asylantrag als Familie gestellt, also dachten wir auch, dass das Amt uns als solche anerkennen würde.

 

Termin beim BAMF: die Chance auf Asyl

Meine beiden Geschwister waren damals noch unter 18 und blieben deshalb in Köln. Nur meine Mutter und ich fuhren in die knapp 80 Kilometer entfernte Stadt. Schon im Zug fühlte ich einen schweren Stein in meinem Magen, der noch erdrückender wurde, als meine Mutter und ich im Flur vor dem Interviewraum auf unseren Termin warteten.

Zuerst befragten die Beamten meine Mutter. Als sie wieder rauskam, war sie kreidebleich. Der Dolmetscher sei aus dem Iran, sagte sie mir. Sie habe ihn einfach nicht verstehen können – unsere Sprache in Afghanistan ist völlig anders als im Iran. “Ich habe sogar die Adresse von unserer Wohnung in Kabul vergessen”, erzählte sie mir verzweifelt. Eine Adresse, die wir 15 Jahre lang unser Heim nannten.

Dann war ich dran. Noch bevor ich mich hinsetzen konnte, sagte mir der Dolmetscher, dass ich mich beeilen müsse. Die Mitarbeiter hätten nur wenig Zeit für mich. Ich sollte so knapp wie möglich antworten, keine Nachfragen stellen und auf keinen Fall mehr erzählen, als gefragt wird.

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Ich verstehe, dass die Menschen beim BAMF viele Aufgaben haben und deshalb wenig Zeit – aber dort, in diesem stickigen Raum, als ich meine Geschichte nicht komplett erzählen durfte, schnürte mir meine Verzweiflung die Luft ab.

Wie sollt ihr mich verstehen, wenn ich euch nicht zeigen kann, was mich aus meiner Heimat vertrieben hat? Wie sollt ihr meine Beweggründe kennen, wenn ich sie verschweigen muss? Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, doch sprechen war verboten. Und dann war die Zeit vorüber.

Fünf Tage nach dem Interview bekamen wir wieder Post vom BAMF. Diesmal ging der Brief nur an mich. Mein Antrag wurde abgelehnt. Als Volljährige würde ich nicht mehr zur Familie gehören. In Afghanistan sei ich berufsfähig, könnte dort leben.

► Ich müsse zurück.

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Seit 2016 schiebt Deutschland wieder Flüchtlinge nach Afghanistan ab und das, obwohl die Vereinten Nationen (UN) die Lage im Land als einen “aktiven Konflikt” bewertet. Der IS und die Taliban kämpfen weiterhin in vielen Teilen des Landes. Die Zivilbevölkerung wird zu ihren Opfern. Die Todeszahlen sind bis heute hoch. Für Frauen ist die Lage im Land noch schlimmer. Sie können sich in der Öffentlichkeit kaum frei bewegen. Frauenrechtlerinnen werden diskriminiert und überwacht.

Einer Entscheidung des deutschen Innenministeriums im Juni 2017 nach, werden vorerst nur drei Gruppen von Menschen nach Afghanistan abgeschoben: Gefährder, Straftäter und sogenannte Identitätsverweigerer. Das sind Menschen, die ihre Identität nicht preisgeben.

Familien und alleinstehende Frauen seien vor der Abschiebung sicher, das bedeutet aber nicht, dass ihr Asylantrag genehmigt wird. Nach der Ablehnung des Antrags bekommen sie eine Duldung, die erlischt, sobald der Grund für die Duldung wegfällt. Da diese Duldung oft nur kurzfristig verlängert wird, leben die Menschen in ständiger Unsicherheit.

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Direkt nach der Ablehnung legte ich Einspruch ein. Etwa einen Monat später bekam meine restliche Familie Asylrecht und erhielt eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis. Wenigstens sie konnten aufatmen. Und meine Mutter könnte versuchen, meinen Bruder und meinen Vater nach Deutschland zu holen.

 

Hoffnung auf den Familiennachzug

Doch die Uhr tickte: Nach der Bestätigung des Asylantrags hat man nur drei Monate Zeit, um den Familiennachzug zu beantragen.

Das war Anfang 2017. Ich selbst weiß bis heute nicht, was aus meinem Einspruch geworden ist. Doch zu diesem Zeitpunkt interessierte mich nur mein Vater und mein kleiner Bruder.

Für den Nachzug wandten wir uns an den Flüchtlingsrat, eine Organisation, die sich für die Rechte von Geflüchteten und Migranten einsetzt. Ich zweifelte, ob wir alles richtig machten. Wie überall im Asylrecht hat man auch hier nur eine Chance. Was, wenn wir einen Fehler machen würden? Was, wenn wir ein kleines Detail übersehen und damit riskieren, dass wir meinen Vater und Bruder nie wieder sehen werden?

Für das Verfahren musste mein Vater, der mittlerweile mit meinem kleinen Bruder in Pakistan lebte, für ein Interview in die deutsche Botschaft nach Kabul, um dort die Originaldokumente vorzulegen. Zurück nach Afghanistan zu reisen war gefährlich für ihn.  Als der Termin dann gut lief, weil sie alle Dokumente hatten, schöpften wir Hoffnung, dass wir unseren Vater bald wiedersehen würden.

Selbstmordanschlag in Kabul

Einige Wochen später saß ich vor dem Fernseher, als in den Nachrichten über meine Heimat berichtet wurde. Es gab einen Anschlag in Kabul. Dabei starben 160 Menschen. In diesem Moment verstand ich nicht, dass dieses Ereignis auch meine Familie treffen würde. Erst, als mein Vater anrief, begriff ich es: Die deutsche Botschaft in Kabul wurde getroffen. Und seine Dokumente wurden vernichtet, sind zu Staub geworden.

Was bedeutet das nun für meinen Vater? Kann er noch nachkommen? Wann macht die Botschaft wieder auf? Schon wieder hatte ich tausend Fragen in meinem Kopf, die mir niemand beantworten konnte.

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2017 wurden bei Selbstmordanschlägen und Attentaten in Afghanistan fast 2.300 Menschen getötet oder verletzt. Wie die UN berichtete, sei das die höchste Zahl ziviler Opfer seit Beginn der Aufzeichnungen im Afghanistan-Konflikt.

Insgesamt sank die Anzahl der Todesopfer im Land jedoch auf 10.500 Menschen. Deutschland betrachtet einige Regionen Afghanistans, unter anderem Kabul, als sichere Regionen und wertet die Abschiebung dahin in kleinem Umfang als zumutbar.

Dabei ist Kabul laut UN-Bericht die mit Abstand am stärksten betroffene Stadt, so seien allein in der Hauptstadt 1831 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Der Anschlag, bei dem auch die deutsche Botschaft zerstört wurde, ein trauriger Höhepunkt.

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Ich war verzweifelt. Wie sollte es jetzt weitergehen? Abwarten, wurde uns gesagt. In dieser Zeit weinten wir bei jedem Telefonat mit meinem Vater. Ich schrieb so viele Emails, rief Behörden und Hilfsorganisationen an, aber niemand konnte uns helfen.

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Das Warten ist zu Ende

Irgendwann erfuhr ich vom Auswärtigen Amt, dass sie die Unterlagen meines Vaters erhalten hatten. Ich fuhr nach Berlin, doch bis zur erlösenden E-Mail dauerte es noch.

Als ich Anfang Mai endlich die Bestätigung des Familiennachzugs las, konnte ich es nicht glauben. Dort stand, dass ich meine Verwandten schon zwei Wochen später wiedersehen sollte. Ein Satz, der mich mein ganzes Leid für einen kurzen Moment vergessen ließ:

►  Meine Familie darf kommen. In zwei Wochen werden sie da sein.  

Mit meiner Familie machte ich mich schließlich im Mai 2018 auf den Weg zum Flughafen Köln/Bonn. Wissend, dass mein Vater und Bruder schon im Flugzeug saßen. Dass ich sie endlich wieder in meine Arme schließen kann.

Am Flughafen kämpften wir uns durch die Menschentrauben und hielten Ausschau. Doch von meinem Vater und Bruder keine Spur. Dann erspähte ich zwischen den Rucksäcken und wiedervereinten Paaren den Rücken eines Mannes. Ich rannte los. Wissen konnte ich es nicht, doch jede Faser meines Körpers zog mich zu ihm. Ich packte den Mann an seinem Arm und ohne ihm wirklich in die Augen zu schauen, lagen wir uns in den Armen. Mein Vater. Er war da.   

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Flüchtlingsheim in Dortmund wurden mein Bruder und mein Vater weiter nach Möhnesee geschickt. Damit sie denselben Aufenthaltsstatus bekommen werden, wie meine Mutter und Geschwister, müssen sie noch durch ein Prüfverfahren vor Ort. 

Zu Beginn hofften wir, dass wir maximal einen Monat voneinander getrennt sein würden – doch dass sie nach dem Aufenthalt in Dortmund noch weiter von uns weggeschickt wurden, hat uns die Hoffnung genommen.

In unserer Wohnung ist schon alles für sie bereit und wir versuchen, die beiden irgendwie zu uns zu holen. Das bedeutet wieder viele Mails an das BAMF und weitere Behördengänge.

Meine Zukunft ist immer noch ein Fragezeichen

Wie es für mich weitergeht, das weiß ich nicht. Zurück bleibt das Unverständnis und die Angst. Ich kann nicht verstehen, warum das BAMF nicht recherchiert, sich nicht informiert oder einfach ignoriert, wie es in Afghanistan wirklich aussieht.

Ich komme nicht aus einem europäischen Land, sondern aus einem Land, in dem Frauen sich nicht frei bewegen können. Ihnen ein Großteil der Bildung verwehrt bleibt. In dem jeden Tag Anschläge auf Zivilisten verübt werden und wir Menschen zwischen die Fronten aus Regierung, Taliban und IS geraten.

► Ich komme aus Afghanistan. Wie soll eine Frau dort alleine leben?

Wie soll ich dort leben? Ich wurde in Kabul verfolgt. Ein Leben in meiner Heimat ist für mich nicht möglich. Seit über zwei Jahren warte ich auf eine Entscheidung zu meinem Status. Darf ich bleiben, muss ich wieder zurück nach Afghanistan? Mein Anwalt sagt mir, dass wir nichts tun können, außer zu warten. Aber ich frage mich jeden Tag, wie es weitergeht.

Der Text wurde von Aline Prigge verfasst.