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06/09/2018 16:23 CEST | Aktualisiert 06/09/2018 16:23 CEST

Ich stille mein 4-jähriges Kind – und das ist weder eklig noch abnormal

Langes Stillen ist die normalste Sache der Welt.

LUCIE COX
Lucie Cox stillt ihren vierjährigen Sohn Redford.

Als mein Sohn Redford vier Monate alt wurde, fingen meine Mitmenschen an, mich zu fragen, wann er feste Nahrung bekommt. Als er ein Jahr alt war und sie sahen, wie ich ihn stillte, fragten sie: “Er wird doch dann bald damit fertig sein, oder?”

Ich habe dann immer geantwortet: “Er hört schon auf, wenn er soweit ist.”

Grapscht er in der Öffentlichkeit einfach meine Titten?

Jetzt ist Redford drei Jahre alt und meine Mitmenschen akzeptieren, dass Redford selbst entscheiden kann, ob er gestillt werden möchte. Und ich begleite ihn dabei. Bedeutet das, dass er sich in der Öffentlichkeit einfach meine Titten grapscht? Nicht wirklich.

Heißt das, dass er keine normale Nahrung zu sich nimmt? Nö.

Er hat einfach Zugang zur Milch seiner Mutter, wenn er welche möchte: Beim Zubettgehen, wenn er sich die Finger in der Tür einzwickt oder wenn er Angst hat und eine Umarmung einfach nicht hilft.

Und nein, ich habe auch keine Angst, dass er erst mit 14 aufhört und wisst ihr warum? Weil niemand für immer stillt. Mit sieben Jahren vergisst man einfach, wie das geht. Wusstet ihr, dass wir Menschen die einzigen Säugetiere sind, die ihre Jungen vorzeitig abstillen?

Mehr zum Thema: Mutter stillt ihre 4- und 7-jährigen Söhne noch: Das ist der traurige Grund

Anders als die meisten Menschen glauben, sind Kinder, die gestillt werden, nicht anhänglicher oder abhängiger von ihren Müttern. Eigentlich sind sie sogar unabhängiger, weil die enge Bindung in ihrer frühen Kindheit eine sichere Basis ist, von der aus sie die Welt erforschen können.

Redford hat auch einen guten Sinn für körperliche Grenzen. Wenn ich nicht in Stimmung bin, ihn zu stillen (ja, ich habe eine Wahl), zeigt er auf sich selbst und sagt: “Das hier ist mein Körper und das da ist dein Körper.”

“Das kommt mir falsch vor”

Warum ist es ein so großes Tabu in der westlichen Kultur, Kinder länger als ein Jahr zu stillen? Wenn man sich die Online-Kommentare zu den Artikel darüber anschaut, dass Tamara Ecclestone ihre vierjährige Tochter stillt, findet man Sätze wie “das ist nicht normal” und “das kommt mir falsch vor”.

Doch Frauen auf der ganzen Erde stillen ihre Kinder bis zum natürlichen Abstillalter von vier bis sechs Jahren und niemand zuckt auch nur mit den Wimpern.

Das liegt daran, dass es wirklich die normalste Sache der Welt ist. Wir Menschen gehen seit drei Millionen Jahren auf zwei Beinen. Doch wir stillen schon viel länger.

Und es hat immer gebracht, was es sollte: Nahrung, Flüssigkeit und Trost.

Es ist immer verfügbar, immer nahrhaft, immer warm. Wahrlich, Stillen ist für die Gemütlichen.

Stillen normalisieren

Was können wir also tun, um die allgemeine Einstellung zum Stillen verändern? Wir müssen Stillen normalisieren. Und wenn wir schon dabei sind, lasst uns auch langes Stillen normalisieren.

Die Menschen haben Angst vor Sachen, die sie nicht verstehen. Aber nur weil ihr etwas nicht kapiert, heißt das nicht, dass es falsch oder gefährlich ist.

Kinder, die gestillt werden, entwickeln kein gestörtes Verhältnis zu Sex oder Brüsten. Eigentlich will ich mich ja nicht empören, aber vielleicht entwickelt man ja eher ein gestörtes Verhältnis zu Sex oder Brüsten, wenn man Brüste nie in alltäglichen Situationen sieht. Bis zum viktorianischen Zeitalter war das ganz normal.

Für die kommende Generation ist es noch nicht zu spät

In einer Zeit, in der Brüste übersexualisiert werden, mag diese Normalisierung einen vielleicht verunsichern. Und sicherlich wird es Menschen geben, die es komplett unangenehm finden, eine Brust mit einem Kind daran zu sehen.

Aber für die kommende Generation ist es noch nicht zu spät: Sie müssen das sehen und verstehen, dass es normal ist. Denn was ist denn schon normal? Sowas, wie normal gibt es nicht.

Es gibt nur Dinge, an die wir uns gewöhnt haben. Deshalb müssen wir unseren Kindern klarmachen, dass es völlig normal ist, Milch von der Mami zu trinken, weil es alle Tiere so machen. Wenn sie erwachsen sind, werden sie es genauso tun.

Ich will mir gar nicht das Lob dafür abholen, dass ich weiß, was für mich der richtige Weg ist. Meine liebe Mutter hat die wirklich schwere Arbeit geleistet, als sie mich aller Widrigkeiten zum Trotz in den 90ern gestillt hat. Weil sie diese schwere Arbeit gemacht hat, ist es für mich jetzt natürlich. Hoffentlich kann ich diese Einstellung auch an meine Kinder weitergeben. 

Wir müssen Frauen vertrauen. Wir müssen unseren Körpern vertrauen. Und wir müssen unseren Kindern vertrauen. 

Wir sollten Frauen dabei helfen, ihre Kinder zu stillen. Es ist die normalste Sache der Welt. So wie schlafen oder essen. Hoffentlich behandeln wir es bald auch so. 

Dieser Artikel erschien zuerst in der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(nc)