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10/12/2018 18:08 CET | Aktualisiert 12/12/2018 09:36 CET

"Ich saß wegen Drogen acht Jahre im Knast – so habe ich ein neues Leben begonnen"

Jetzt habe ich etwas gefunden, das mich glücklicher als alles andere macht.

Volkert Ruhe hat eine Karriere als Drogenbaron hinter sich. Er saß deshalb für acht Jahre im Gefängnis Santa Fu in Hamburg. Heute ist er ein erfolgreicher Sozialunternehmer und hilft kriminellen Jugendlichen. Oben im Video erzählt er, was er während seiner Zeit hinter Gittern gelernt hat. In seinem Blog beschreibt er, was ihm in seiner schwersten Zeit den Mut gegeben hat, seinen Platz in der Gesellschaft wiederzufinden. 

Als ich verhaftet wurde, ist meine Welt auseinander gebrochen. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich ans Aufgeben. 

Vorher habe ich das nie getan. Nicht, als mein Vater mich, als ich noch klein war, mit dem Messer attackiert und misshandelt hat. Nicht, als ich mit 15 von Zuhause weggelaufen bin und zwei Jahre auf der Straße gelebt habe. Auch nicht, als ich mit 35 als Drogenschmuggler gearbeitet habe und schließlich dabei erwischt wurde. 

Doch als ich alleine in meiner Zelle saß und nichts zu tun hatte, da habe ich ans Aufgeben gedacht. 

Ich hatte Suizidgedanken. 

“Was ist mein Leben jetzt noch wert?”, fragte ich mich. Ich wurde zu 13 Jahren Knast verurteilt, weil ich Drogentransporte von Südamerika nach Deutschland durchgeführt und Schmuggler ausgebildet habe. Interpol hat mich in Panama verhaftet. Jetzt werde ich im Knast abgestochen oder zusammengeschlagen, dachte ich. 

Vielleicht hätte ich wirklich versucht, mich umzubringen 

Vielleicht hätte ich wirklich versucht, mich umzubringen, wenn nicht mein Zellen-Mitbewohner gekommen wäre. Das Gefängnis war überbelegt, also sollten wir uns eine Zelle teilen. Das war meine Rettung. 

Es ist ironisch, dass ausgerechnet ein anderer Mensch meine Rettung war. Denn eigentlich war ich immer der Ansicht gewesen, niemanden zu brauchen, alles alleine bewältigen zu können. Ich hatte mich getäuscht. 

Mein Mitbewohner machte mir Mut. Wir erzählten uns von unseren Sorgen und er klärte mich über das Leben im Knast auf. Er sagte mir, auf was ich achten und wie ich mich verhalten sollte, um eventuell früher rauszukommen. 

Das hat mein Denken verändert. Ich habe gemerkt: Ich bin zwar gefangen, aber ich kann hier immer noch etwas tun. Also habe ich im Knast Schulabschlüsse nachgeholt und ein Fernstudium als Gasthörer gemacht. Ich habe sehr viel gelesen, auch das hat mich verändert. 

Mir war klar, dass es so nicht weitergehen kann. Mein Leben ist noch nicht vorbei, machte ich mir bewusst. Ich kann immer noch etwas aus mir machen, bevor es zu spät ist.

Heute sorge ich dafür, dass es Jugendlichen besser geht als mir

Mein Erzeuger ist irgendwann besoffen von der Treppe gefallen und erfroren. Ich wollte es besser machen, etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen. Wegen sogenannter guter Führung durfte ich das Gefängnis schließlich nach acht statt nach 13 Jahren verlassen. Gemeinsam mit anderen Ex-Häftlingen habe ich eine Organisation gegründet: Gefangene helfen Jugendlichen. 

Wir bringen junge straffällige Leute mit Häftlingen zusammen, die ihnen erzählen, wie es im Knast wirklich ist. Denn viele kriminelle Jugendliche haben aus Serien und Filmen eine völlig unrealistische Vorstellung von dem Leben in Haft. Es ist nicht so cool, wie es sich anhört. 

Ich spreche viel mit ihnen, erzähle ihnen meine Lebensgeschichte und mache ihnen dadurch Mut. Fast 40 Prozent der Jugendlichen, die sich an unsere Organisation wenden, kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ich weiß, wie schwer das ist und kann mich deshalb gut in in ihre Lage hineinversetzen. 

Ich verändere das Leben der Jugendlichen, aber sie verändern auch meines. Oft fließen bei unseren Kursen auf beiden Seiten Tränen, weil ihre Schicksale mich an mein eigenes erinnern.

Ich möchte, dass alle wissen: Es ist möglich, da rauszukommen 

Einige von ihnen habe ich ihre halbe Kindheit lang durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie begleitet. Oft fragen sie mich auch viele Jahre später noch um Rat. 

Einer, der mir besonders ans Herz gewachsen ist, hatte, seit er 14 war, große Probleme mit Drogen und mit seinem Elternhaus – wie ich damals. Ich habe mich häufig und intensiv um ihn gekümmert, ihn über alle Stationen seines Drogenentzugs hinweg begleitet. 

Dank der Hilfe hat er seinen Schulabschluss geschafft und sogar einen super Ausbildungsplatz im Metallhandwerk bekommen. Mittlerweile macht er eine zweite Ausbildung zum Schiffsmechaniker. Seine Geschichte berührt mich, vor allem aber, dass er nun auch privat glücklich ist. 

Es zeigt mir erneut: Es ist möglich, da rauszukommen. 

Mein Tipp an alle mit Problemen: Versucht nicht alleine, sie zu lösen. Ihr seid nicht allein. Es gibt genug Menschen, die euch helfen können. Volkert Ruhe, Ex-Häftling

Mein Tipp an alle Menschen mit Problemen ist: Versucht nicht, sie alleine zu lösen. Es gibt immer Menschen, die euch helfen können und wollen. Ihr seid nicht allein. 

Übrigens auch nicht an Weihnachten. Jugendlichen, die nicht wissen, wo sie an Weihnachten hinsollen, steht mein Haus offen. Wenn am 20. oder 21. Dezember mein Telefon klingelt und mir junge Leute sagen, sie seien an Heiligabend ganz allein, lade ich sie unter meinen Tannenbaum ein. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir zusammen feiern.

Allgemein würde ich mir wünschen, dass die Menschen vielleicht nur die Hälfte des Geldes für Weihnachtsgeschenke ausgeben und sich für den Rest in den Dienst der guten Sache stellen. 

Mir gibt das eine viel größere innere Zufriedenheit, als irgendwelche unnötigen Geschenke, die am Ende doch nur in der Ecke herumliegen. Ich hätte es in meiner Karriere als Drogenschmuggler nicht für möglich gehalten, aber: Anderen zu helfen, erfüllt mich mit mehr Glück als alles andere. 

Das Gespräch wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(lp)